Nietzsche, Nihilismus und die Zweiteilung der Welt — Analyse
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These und Kontext
These. Auszug aus Nietzsches Götzen-Dämmerung, in dem der Autor die Angriffe auf die Verwendung von „Vernunft“ in der traditionellen Philosophie darlegt: Sie erfinden eine "andere Welt" und ein "anderes Leben" als das unsrige und ziehen daraus Mißtrauen gegen das Leben. In dieselbe Richtung kritisiert Nietzsche die dekadente Zweiteilung der Welt in "wahr" und "scheinbar" — etwa bei religiösen (christlichen) und philosophischen (kantischen) Auffassungen. Es widerspricht Nietzsches These nicht, dass der Künstler Erscheinungen wählt, weil er sie als Realität wählt. Die künstlerische Option ist deshalb tragisch; ihr Grund liegt nicht im Pessimismus, sondern im dionysischen Charakter.
A) Frage / Problem
Der Text enthält eines der grundlegenden Probleme der von Nietzsche aufgeworfenen Zivilisationskritik des Westens. Nach Ansicht des Autors beginnt mit dem Verschwinden der Bipolarität von Dionysischem und Apollinischem in der griechischen Tragödie (bei Euripides) und mit der Hinwendung der Philosophie (Sokrates und Platon) zur Dichotomie von „realer“ Welt und „scheinbarem“ Leben der Niedergang der westlichen Zivilisation, der unerbittlich zum Nihilismus führt. Meilensteine in der Entwicklung dieser verderblichen Ideologie, die den Menschen verschlingt und degradiert, sind unter anderem:
- Das Christentum (vulgärer Platonismus)
- Die rationalistischen Philosophen: R. Descartes (Cogito, ergo sum)
- I. Kant (Unterscheidung zwischen Erscheinung und Ding an sich / Noumenon)
In diesem progressiven Nihilismus durchläuft der Mensch nach Nietzsche die berühmten drei Stufen: die Last des Kamels (Annahme fremder Werte, anti-vitales Leben, christliche Phase), die Rebellion des Löwen (Aufklärung, Protest) und das spielerische Kind (Spontaneität, das Leben genießen; positivistische Strömungen des 19. Jahrhunderts), wie von Schopenhauer in der Philosophie und in der Musik Richard Wagners prophezeit. An diesem Punkt sieht Nietzsche zwei Möglichkeiten: der Mensch folgt weiterhin der Linie der Vernichtung und Selbstverletzung oder es entsteht wieder der Übermensch, was als Wiedereinsetzung eines griechischen Kontextes verstanden werden kann, in dem es keine abwertende „andere Welt“ mehr gibt und in dem dieses Leben wieder als wertvoll gilt.
B) Ideen
Nihilismus und Verdacht gegen das Leben sind nicht nur Erbe Platons, sondern setzen sich im Christentum mit dem Dualismus von Himmel und Erde fort. Die Verweigerung des Wertes dieses Lebens ist charakteristisch für den westlichen Nihilismus. Es ist die Krankheit und der Verfall des abendländischen Menschen: das Streben nach dem »Guten an sich«, Rationalität um jeden Preis, fehlende Instinkte, die Verurteilung des Körpers usw.
In der platonisch-christlichen Tradition wird der Wert des irdischen Lebens relativiert oder verleugnet; das diesseitige Leben gilt nicht als das eigentliche Ziel. Der Wille zur Macht ist für Nietzsche der Aufstand instinktiver, unbewusster Leidenschaften gegen die Kälte der reinen Vernunft.
Sokrates und Platon stellten, im Vergleich zur Unterwelt, eine jenseitige Welt der Ideen als wahr dar, die das lebendige Leben und den Körper gewissermaßen „tötet“. Auch Kant verfällt nach Nietzsche einem erkenntnistheoretischen Nihilismus, indem er zwischen Phänomen (für mich erkennbare Erscheinung) und Noumenon (Ding an sich) unterscheidet. Aus der Tatsache der Moral konstruieren kantische Noumenalprämissen (Freiheit, Unsterblichkeit, Gott) unüberprüfbare, aber tröstende Annahmen, die zugleich ein unangenehmes Korsett bilden.
Nietzsches Vorschlag geht über den anti-metaphysischen Dualismus hinaus: Es gibt nur eine Welt — diese Welt. Dualistische Metaphysik behauptet, es gäbe eine reale Welt und eine andere, die nur deren Schatten ist. In Nietzsches Bild ist die Mittagssonne so, dass die Schatten kürzer werden: Es gibt nur Übereinstimmung in der realen Welt und dem Schein. Ethik nach Nietzsche heißt deshalb: Carpe diem, lebe jeden Augenblick, auch die schlechten, als ob es der letzte wäre.
C) Begriffliche Klärung
Die hier genannten Begriffe stehen in engem semantischem Zusammenhang mit Nietzsches zentraler These: Es gibt nicht mehr im Leben als dieses Leben, es gibt keine andere Welt als diese Welt. Die Kritik richtet sich gegen die Verteidigung eines westlichen metaphysischen Dualismus — platonisch, christlich, kantisch — der die Wirklichkeit in zwei Welten zerfallen lässt: die echte und die scheinbare. Die angebliche "reale Welt" ist nach Nietzsche oft eine Sublimierung der Impulse des Willens zur Macht. Die Angst vor dem Tod führt zur Schaffung einer zeitlosen, tröstenden Welt. Diese "reale Welt" ist vielfach eine "moralisch-optische Täuschung". Die Krankheit des abendländischen Menschen besteht nicht nur darin, eine andere Welt zu erfinden, sondern darin, heuchlerisch zu behaupten, diese erfundene Welt sei die einzig wahre.