Nietzsche: Philosophischer, kultureller und historischer Kontext

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Philosophischer Kontext

In der Auseinandersetzung mit Hegels Philosophie entsteht bei Nietzsche und verwandten Denkern eine Kritik an rein rationalistischen und idealistischen Erklärungsversuchen der Wirklichkeit. Bedeutende Vertreter und Einflüsse sind:

  • Kierkegaard (Existentialismus): Betonung der Existenz und der menschlichen Freiheit.
  • Nietzsche und Schopenhauer (Lebensphilosophie): Fokus auf dem Leben selbst, seiner Dynamik und seinen Trieben.
  • Marx (Marxismus): Hervorhebung der materiellen Bedingungen und sozialen Verhältnisse.

Vitalismus im Allgemeinen bejaht das Leben als zentralen Aspekt der Wirklichkeit. Kritisch gegenüber einer Philosophie, die das Leben zugunsten abstrakter Rationalität verleugnet, fordert Vitalismus die Anerkennung des Lebens mit all seinen Konsequenzen. Rationalität allein genügt nicht, um die Wirklichkeit vollständig zu erklären; sie kann das Leben sogar ersticken. In Nietzsches Denken verbinden sich Vitalismus und eine Form des Irrationalismus zu einem philosophischen System, das die Grenzen rein rationaler Erklärungen aufzeigt.

Nicht nur Nietzsche, sondern auch Freud und Marx werden mitunter als "Meister des Verdachts" bezeichnet: Sie hinterfragen tief verwurzelte kulturelle und metaphysische Gewissheiten. In gewisser Weise kehrt diese Ablehnung der traditionellen Metaphysik zu vorsokratischen Positionen zurück (Heraklit, Parmenides): die Vorstellung einer Welt in ständiger Veränderung versus statischen, abstrakten Wesenheiten. Mit der Verkündung des "Todes Gottes" stellt Nietzsche viele übernatürliche Sicherheiten infrage und konfrontiert die Existenz mit einem neuen Ungewissen.

Schopenhauer beeinflusste Nietzsche stark: die Idee des Willens als Grundkraft der Existenz prägte beide, wobei Nietzsche die pessimistische Sicht Schopenhauers nicht einfach übernahm, sondern den Willen zur Macht als dynamische Kraft herausarbeitete. Nietzsche beschreibt das Leben so, wie es ist, ohne bloße Verurteilung — seine Analyse ist nicht ausschließlich pessimistisch, sondern oftmals tragisch und affirmativ zugleich.

Kultureller Kontext

Die Romantik als kulturelle Bewegung des frühen 19. Jahrhunderts betonte Leidenschaft und künstlerische Ausdrucksformen als Gegenentwurf zur Aufklärung. Richard Wagner, der deutsche Komponist, verkörperte in gewissem Maße die Rückkehr zu antiken, vor allem griechisch geprägten künstlerischen Schöpfungsformen. Seine anfängliche Freundschaft mit Nietzsche wirkte deutlich auf Nietzsches Denken ein.

Wagners Werk, insbesondere der Charakter des Siegfried im »Ring des Nibelungen«, stellt den Helden als Prototyp eines neuen Menschentypus dar: ein Freund des Lebens, der sich von den Konventionen der Zeit abhebt. Diese kulturelle Strömung begünstigt eine Neubewertung heroischer und ästhetischer Werte.

Historischer Kontext

Nietzsche wurde am 15. Oktober in Preußen geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters wuchs er in einem evangelisch-protestantischen Familienumfeld bei Mutter, Tanten und Großmutter auf. Schon in der Kindheit zeigten sich gesundheitliche Probleme sowie eine Neigung zu Melancholie und Rückzug, zugleich aber auch eine innere Willenskraft.

Im Studium begann Nietzsche an der Universität Bonn mit Theologie, wandte sich jedoch bald der klassischen Philologie in Leipzig zu. Mit 24 Jahren erhielt er den Lehrstuhl für klassische Philologie an der Universität Basel (Schweiz). In dieser Zeit entwickelte sich seine Freundschaft zu Wagner, der für Nietzsche als Verkörperung eines bestimmten künstlerischen Geistes galt. Ab 1879 verschlechterte sich Nietzsches Gesundheitszustand zunehmend, was sich negativ auf seine universitäre Tätigkeit auswirkte.

Werke wie »Also sprach Zarathustra« bilden den Kern seiner grundlegenden Gedanken: den Tod Gottes, Nihilismus, den Übermenschen, die ewige Wiederkunft und den Willen zur Macht. Weitere wichtige Texte sind u. a. »Götzen-Dämmerung« (1888). Am 3. Januar 1889 verlor Nietzsche seine geistige Selbstständigkeit; die diagnostizierte Krankheit wurde als fortschreitende Gehirnkrankheit mit lähmenden Folgen beschrieben. Nietzsche verstarb am 25. August 1900 in Weimar.

Das 19. Jahrhundert, geprägt von der industriellen Revolution, brachte soziale Krisen mit schlechten Arbeitsbedingungen und einer wachsenden Kluft zwischen Bourgeoisie und Proletariat hervor. Nietzsche teilt nicht die optimistische Sicht des Positivismus, nach der Wissenschaft und Technik alle Übel beseitigen würden. Er kritisiert sowohl den Marxismus als auch soziale Theorien, die historischen Determinismus oder biologischen Determinismus propagieren. Nietzsches Vorstellung des Übermenschen richtet sich nicht an eine Gruppe, Rasse oder Klasse, sondern an den Einzelnen als herausragende, selbstbestimmte Persönlichkeit.

Das Apollinische und das Dionysische

In Nietzsches Philosophie ist die Gegenüberstellung von Apollinischem und Dionysischem eine fundamentale Kritik an der philosophischen und kulturellen Tradition, die seit Sokrates die Tragödie verdrängt habe. In »Die Geburt der Tragödie« beschreibt Nietzsche, wie mit Sokrates und Platon eine neue Epoche einsetzt, in der das Apollinische das Dionysische zu überlagern droht.

Apollo, die große olympische Gottheit, symbolisiert Zurückhaltung, Form, Ordnung und die Herrschaft der Vernunft. Dionysos hingegen verkörpert Rausch, Ekstase, die Aufhebung individueller Grenzen und die Bejahung der leidenschaftlichen Seite des Lebens. Nietzsche sieht in einer einseitigen Dominanz des Apollinischen eine Verarmung der Kultur; die Tragödie der Griechen dagegen vereinte apollinische Form und dionysische Ekstase und gab so eine umfassendere Darstellung der Wirklichkeit. Die griechische Tragödie verweigert eine rein rationale, optimistische Lebensdeutung und zeigt die irrationale Seite des Daseins.

Entscheidendes für die Philosophie

Sokrates und Platons Einfluss veränderten das Verhältnis von Mythos und Logos: Mythische Erzählungen wurden durch ein neues, rationales Denken abgelöst. Nietzsche kritisiert, dass in dieser Entwicklung ästhetische Werte und das Leben selbst zunehmend den Parametern rationaler Ordnung unterworfen wurden. Apollinische Werte wie Maß, Ordnung und Identität traten an die Stelle einer unmittelbaren Lebensorientierung, während dionysische Werte Überschuss, Chaos und das Primat der Gefühle förderten.

Apollinische Ausdrucksformen finden sich vor allem in Architektur und bildender Kultur; dionysische Momente hingegen in tragischen Dramen, die das Irrationale und die tragische Dimension des Lebens offenlegen.

Kritik an Platon

Die platonische Unterscheidung zwischen Ideenwelt und sinnlicher Welt führt zu einer Werthierarchie: Die wahre, ideale Welt gilt als besser, während die sinnlich wahrnehmbare Welt als Schein abgewertet wird. Nietzsche bezeichnet diese Umwertung als Ursachen einer Entwertung des Lebensinstinkts. Das wirkliche Leben wird so zur bloßen Erscheinung degradiert zugunsten einer abstrakten, vermeintlich besseren Welt.

In »Götzen-Dämmerung« übt Nietzsche heftige Kritik an diesem dualistischen Denken, das auch in Kants Philosophie wirksam sei. Er attackiert die Trennung von Schein und Sein und die damit verbundene Abwertung des Lebens.

Kritik am Christentum

Für Nietzsche ist das Christentum in vielerlei Hinsicht eine Art »Platonismus für das Volk«: Es setzt eine Transzendenzwelt über die irdische Welt und etabliert eine Moral, die natürliche Triebe und leibliche Manifestationen des Menschen als Sünde brandmarkt. Der christliche Dualismus zwischen Leib und Seele, zwischen dieser vergänglichen Welt und einer vermeintlich wahren, ewigen Welt, führt nach Nietzsche zu einer Abwertung des Lebens und zu einer Entwertung dessen, was menschlich und leiblich ist.

Aus dieser Perspektive entsteht Moral als Reaktion auf Leid, Schmerz und Angst; die religiöse Vorstellung von einem Gott, der jenseits dieser Welt residiert, fördert einen moralischen Dualismus, der dem Menschen seine natürlichen Lebenskräfte entfremdet.

Positive Philosophie und der Tod Gottes

Der »Tod Gottes« ist für Nietzsche ein Symbol für den Zusammenbruch der traditionellen metaphysischen Grundlagen der abendländischen Kultur. Mit dem Verlust der göttlichen Autorität verliert die Kirche zunehmend ihren weltlichen Einfluss, und Staat sowie Wissenschaft treten an ihre Stelle. Nietzsche fordert die Abschaffung dogmatischer, übernatürlicher Gewissheiten und die Befreiung des Menschen von externen moralischen Regeln.

Nihilismus bezeichnet den Zustand der Kultur nach dem Tod Gottes, in dem traditionelle Werte, die dem Leben Sinn verliehen, ihre Gültigkeit verlieren. Nietzsche differenziert zwischen:

  • Negativem Nihilismus: Orientierungslosigkeit, Passivität, extremer Relativismus.
  • Positivem Nihilismus: Die Einsicht, dass es keine absoluten, vorgegebenen Werte mehr gibt, und die Chance, neue Werte zu schaffen.

Für Nietzsche ist die Aufgabe des freien Geistes, neue Werte nicht von außen übernommen, sondern aus sich selbst heraus zu schaffen. Diese Haltung steht in Kontrast zu Schopenhauers Rückzug in metaphysische Resignation; der freie Geist muss sich den Realitäten stellen, ohne in Angst und Verneinung zu verfallen.

Nietzsche beschreibt in »Also sprach Zarathustra« typische Entwicklungsstadien des Geistigen: Das Kamel, das eine schwere Last trägt (die vom Sklavenmoral geprägten, schwachen Menschen); der Löwe, der sich gegen diese Last auflehnt und die Negation vornimmt; und schließlich das Kind, das spielerisch neu schafft und die Fähigkeit besitzt, das Leben zu bejahen. Das Transformationsmodell zielt darauf ab, negativen Nihilismus zu überwinden und eine »fatalistische Liebe« zum Leben zu entwickeln — eine Liebe, die das Leben ohne Angst und ohne moralische Vorurteile annimmt.

Der wütende Löwe fürchtet weder Tod noch Schmerz und behauptet seine Kraft; als freier, mutiger Geist ist er ein notwendiger Schritt zur Überwindung der resignativen Moral. Der nächste Schritt, das Kind, steht für eine schöpferische Haltung, die das Leben neu begrüßt und mit Leichtigkeit annimmt.

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