Nietzsches Moralkritik: Herrenmoral vs. Sklavenmoral

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1. Der Ursprung der Moral nach Nietzsche

Der Text von Friedrich Nietzsche (1844–1900) fasst seine Theorie über den Ursprung moralischer Werte zusammen. Laut dem Autor entstehen die uns bekannten moralischen Werte aus dem Ressentiment, einer reaktiven Bewegung der Schwachen. Diese sind unfähig, ihre eigenen, wahren moralischen Werte zu schaffen (ein triumphierendes „Ja“ zu sich selbst), und beschränken sich stattdessen darauf, die Werte der anderen (der Herrenmoral) zu verneinen. Das Ressentiment – das „Nein“, die Unfähigkeit, echte Werte zu schaffen – ist somit der Ursprung des reaktiven Prozesses, der zur Sklavenmoral führt. Man ist ein Sklave, weil letztlich kein Raum für kreative Wertschöpfung bleibt.

2. Herrenmoral vs. Sklavenmoral

Dieser Text stellt zwei gegensätzliche Moralmodelle dar, die in der nietzscheanischen Nomenklatur als Herrenmoral und Sklavenmoral bezeichnet werden.

Die Herrenmoral ist die Moral der Vornehmen. Sie entsteht aus einem triumphierenden „Ja“ zu sich selbst und ist schöpferisch. Sie setzt ihre eigenen Werte. Im Gegensatz dazu steht die Sklavenmoral, die aus einer Verneinung entsteht. Sie sagt „Nein“ zu einem „Außen“, zu einem „Anderen“, zu einem „Nicht-Ich“.

Die wahre, ursprüngliche Moral ist für Nietzsche die Herrenmoral – die bejahende, aktive und werteerschaffende Moral. Was Nietzsche am Modell der Sklavenmoral verurteilt, ist ihre Unfähigkeit, eigene Maßstäbe zu setzen und eigene Leitbilder zu schaffen. Der Sklave lehnt lediglich ab, was der Herr ist, und macht aus dieser Ablehnung eine moralische Norm.

Aus diesem Mechanismus der Verneinung entstehen laut Nietzsche die Grundwerte der Moral, die in der westlichen Welt gesiegt hat und die wir mit der sokratischen, platonischen und christlichen Moral identifizieren können. Diese Moralkodizes basieren auf einer Rechtfertigung der Schwäche – nicht, weil Schwäche als gut empfunden wird, sondern aus Angst, die das Handeln der Verfechter dieser Moral bestimmt.

Der deutsche Philosoph erkennt den Ursprung der Moral in einem vornehmen Stadium, in dem eine beschreibende Identifikation zwischen Güte und Stärke einerseits und zwischen Schlecht und Schwach andererseits bestand. Die Welt ist nicht aus moralischer Sicht in „Gut“ und „Böse“ geteilt, sondern in Schöpfer, die das Leben lieben (die Guten), und Nihilisten, die es verleumden und sich unterordnen wollen.

Der „Vornehme“ ist derjenige, der keine Furcht kennt und „Ja“ zum Leben sagen kann. In diesem ursprünglichen Stadium ist „gute Sitte“ noch kein Konzept oder eine Theorie. Es gibt keine moralischen Urteile, sondern bloße Beschreibungen der Natur. Später fand eine Umwertung der Werte (eine Perversion) statt: Was ursprünglich gut war (Stärke), wurde zu „böse“, und was schlecht war (Schwäche), wurde zu „gut“. Dies führte dazu, dass wir heute Tugend mit Schwäche und die Ausübung von Macht mit „Sünde“ assoziieren. Das moralische Leiden – repressiv und unfähig, uns glücklich zu machen – ist somit aus der Unterdrückung des Lebens entstanden.

3. Die heutige Relevanz von Nietzsches Moralkritik

Die Gültigkeit dieses Textes ist heute ungebrochen, da seine primäre Absicht darin besteht, eine Interpretation zu liefern, die unsere Vorstellungen von moralischen Werten erhellt. In dieser Hinsicht ist Nietzsches Analyse weiterhin relevant, solange unser Moralkonzept christliche Wurzeln hat, die den Körper unterdrücken und uns Schuldgefühle für das Genießen von Vergnügen bereiten. Der Text bietet mindestens zwei Denkanstöße:

  • Erstens lädt uns Nietzsche ein zu prüfen, inwieweit wir uns mit Theorien und Ideologien über unsere Unfähigkeit hinwegtrösten, in einer Welt des Wertewandels kreativ und lebensbejahend zu sein.

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