Ortega y Gasset: Historischer und kultureller Kontext
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Historisch-kultureller Kontext von Ortega y Gasset
Ortega y Gasset entwickelte seine philosophische Arbeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, einer sehr kritischen und instabilen Ära. Politisch lässt sich diese Zeit dadurch charakterisieren, dass neben den klassischen Klassenpaaren (Sozialisten und Kommunisten) auch faschistische Bewegungen in Deutschland, Italien und Spanien entstanden.
Politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen
In Spanien gipfelten die ideologischen und parteipolitischen Auseinandersetzungen in der Bildung zweier Fronten:
- Die republikanische Volksfront (linke Parteien)
- Die Nationale Front, die vom europäischen Faschismus inspiriert war
Beide führten im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) Krieg gegeneinander, was für die Republikaner in einer Massenflucht ins Exil endete. Weltweit manifestierte sich die Krise im Triumph der Russischen Revolution sowie im Ersten und später im Zweiten Weltkrieg.
Soziale und wirtschaftliche Strukturen
Gesellschaftlich war Spanien in diesem Zeitraum durch eine klare Trennung zwischen einer Klasse von Grundeigentümern und Kaziken, einem großen Pool von Arbeitern und Landarbeitern sowie einer aufkommenden Bourgeoisie gekennzeichnet. Wirtschaftlich stand Spanien einem Europa gegenüber, das durch eine große industrielle Verzögerung geprägt war. Ortega beobachtete die Ereignisse in Europa sehr aufmerksam. Dieses Wissen ließ ihn erkennen, dass Spanien eine wirtschaftliche, politische und soziale Erneuerung benötigte.
Kulturelle Blütezeit: Das Silberne Zeitalter
Kulturell fiel diese Zeit der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Krise mit dem „Silbernen Zeitalter“ (Edad de Plata) der spanischen Kultur zusammen. Es war eine Zeit großen kulturellen Reichtums, vergleichbar mit dem Goldenen Zeitalter. Es entstanden bedeutende Generationen von Intellektuellen:
- Generation von 98
- Generation von 14
- Generation von 27
Institutionen und intellektuelle Bewegungen
Die Vorschläge dieser Denker konzentrierten sich auf drei Kulturstätten: das Ateneo de Madrid, die Residencia de Estudiantes und die Revista de Occidente. Nicht unerwähnt bleiben darf der Krausismo in Spanien, eine kulturelle Erneuerungsbewegung, die für das intellektuelle Leben des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts von zentraler Bedeutung war.
Die Krausisten spielten eine herausragende Rolle bei der Gründung der Freien Institution für Bildung (Institución Libre de Enseñanza), die sich für eine qualitative, kreative Ausbildung einsetzte und als Kanal für die fortschrittlichsten pädagogischen Erfahrungen in Bildung und Wissenschaft diente. Ortega war sich bewusst, dass die damalige Kultur kein Gemeingut war. Zunächst sah er in Deutschland die Lösung: Es sei notwendig, die geistige Kompetenz der Spanier zu steigern. Später stellte er jedoch fest, dass die Probleme Spaniens nicht allein durch die Nachahmung europäischer Kulturmodelle gelöst werden konnten, da auch Europa selbst in einer tiefen kulturellen Krise steckte.