Platons Philosophie: Ideenlehre, Erkenntnis und der ideale Staat
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Platon und die Politik: Eine philosophische Vision
Platon wurde die Möglichkeit geboten, in die Politik einzutreten. In seinen Schriften wies er jedoch darauf hin, dass er die Politik zwar schätzte, diese aber korrumpiert sei. Die Reden waren verlogen, zielten nur darauf ab, die Machthaber zu überzeugen und waren von Geldgier motiviert. All dies führte zu einem Zustand des Verfalls. Weisheit wurde abgelehnt und verurteilt, während die Machthaber unwissend waren. All dies legt nahe, dass man das Falsche vom Echten unterscheiden muss. Wir müssen die Wahrheit, Gerechtigkeit und das Gute unterstützen. Die Philosophie kann all dies leisten und sich dieser Aufgabe widmen. Die Entwicklung der Philosophie führt zu einem utopischen Zustand, der es letztendlich ermöglichen wird, die Politik zu reformieren. Nach Platon muss der Philosoph in der Politik fleißig sein.
Platons philosophisches System: Die Theorie der Ideen
Platon gilt als der erste große Philosoph, der ein umfassendes philosophisches System schuf. Man sagt, die gesamte spätere Philosophie sei lediglich eine Fußnote zu Platons Werk. Wir sprechen von einem philosophischen System, weil er die Theorie der Ideen entwickelte, die Antworten auf grundlegende Fragen des menschlichen Daseins liefert:
- Wer sind wir? (Der Mensch)
- Woher kommen wir? (Ursprung: Vernunft)
- Was geschieht nach dem Tod? (Jenseits)
- Ethik (Gut/Böse): Was sollen wir tun?
- Erkenntnis: Was können wir wissen? (Erkenntnis der Wirklichkeit)
- Realität: Was ist Wirklichkeit?
- Politik: Was ist die beste Form der sozialen Organisation?
- Schöpfung, Kunst
All diese Fragen werden durch das philosophische System der Ideenlehre beantwortet.
Die Theorie der Ideen: Zwei Welten der Realität
Traditionell wird die Theorie der Ideen wie folgt interpretiert: Platon unterscheidet zwischen zwei Formen der Wirklichkeit: der verständlichen und der sinnlichen Welt.
Die verständliche Wirklichkeit, die er als "Idee" bezeichnet, ist immateriell, ewig (weder entstanden noch zerstörbar) und unveränderlich. Sie dient als Modell oder Urbild für die andere Realität, die sinnliche Welt. Diese sinnliche Welt besteht aus dem, was wir gewöhnlich "Dinge" nennen. Sie ist materiell, vergänglich (der Entstehung und Zerstörung unterworfen) und stellt lediglich eine Kopie der verständlichen Wirklichkeit dar.
Die erste Form der Wirklichkeit, die Ideen, repräsentieren das wahre Sein, während die zweite Form der Wirklichkeit, die materiellen Realitäten oder "Dinge", sich hingegen in ständigem Wandel befinden und nie als wirklich seiend bezeichnet werden können. Darüber hinaus ist nur die Erkenntnis der Ideen wahre Erkenntnis oder Episteme, während die sinnliche Wirklichkeit, die Dinge, nur für die Meinung oder Doxa geeignet sind.
Argumente für die Existenz der Ideenwelt
Platon führte verschiedene Argumente an, um die Existenz der Welt der Ideen zu rechtfertigen:
- 1. Das Argument des Baumes: Die Idee des Baumes unterscheidet sich von jedem einzelnen Baum und existiert daher in einer anderen Ordnung, nämlich in der Welt der Ideen.
- 2. Das Argument der Schönheit: Die Idee der Schönheit bleibt bestehen, auch wenn einzelne schöne Dinge vergehen oder Menschen versuchen, sich zu verschönern.
- 3. Das Argument der Gerechtigkeit: Es gibt die Gerechtigkeit an sich, ein Ideal, das über einzelnen gerechten Handlungen steht.
- 4. Das Argument des Grundes: Es gibt einen übergeordneten Grund für alles, z.B. warum die Sonne aufgeht oder Blätter grün sind.
- 5. Das Argument der Wahrheit: Wenn wir glauben, dass etwas wahr ist, dann muss die Wahrheit als solche existieren. Sie ist unbeweglich, ewig, universal und angeboren.
Einflüsse auf Platons Philosophie
Platon wurde von mehreren Philosophen beeinflusst:
- 1. Parmenides und seine Schule:
- Konzeption des Seins als unveränderliche Realität.
- Aufteilung der Wirklichkeit in zwei Bereiche: die scheinbare Welt (zugänglich über die Sinne) und die reale Welt (zugänglich über die Vernunft).
- Die Vernunft als wahres Instrument der Erkenntnis.
- Einteilung des Wissens in zwei Arten: Wissenschaft (Episteme) und Meinung (Doxa).
- 2. Heraklit: Die sinnliche Welt (Entitäten, die den Sinnen zugänglich sind) unterliegt einem ständigen Wandel.
- 3. Anaxagoras: Die Idee eines ordnenden Geistes oder einer Intelligenz (Nous).
- 4. Der Pythagoreismus:
- Das Interesse an Mathematik.
- Die Bedeutung der Gerechtigkeit.
- Der Vorrang der Seele vor dem Körper.
- Die Reinkarnation der Seele.
- Die Vorstellung, dass mathematische Modelle die sinnliche Welt durch den Demiurgen schaffen.
- 5. Sokrates:
- Einführung in die Philosophie.
- Präsenz in fast allen Schriften Platons (den "Dialogen").
- Der Dialog als Methode der Forschung und Lehre.
- Erkenntnistheorie: Die Wissenschaft muss sich auf die allgemeine Theorie der platonischen Anamnesis (Wiedererinnerung) stützen, eine notwendige Ergänzung der sokratischen Idee des Wissens.
- Anthropologie: Das Primat der Seele über den Körper.
- Ethik: Die Sorge um die Seele und der moralische sowie politische Intellektualismus.
- Metaphysik: Universale Begriffe, die bei Sokrates primär moralischer Natur waren, werden bei Platon zu universalen Entitäten in der Ideenwelt.
Platons Erkenntnistheorie: Der Höhlenmythos
Platons Erkenntnistheorie wird oft durch den berühmten Höhlenmythos veranschaulicht. Die Welt der Ideen repräsentiert wahres Wissen (Episteme), während die empirische Welt nur Meinung (Doxa) liefert.
Der Demiurg: Schöpfer der sinnlichen Welt
Der Demiurg ist ein göttlicher Handwerker, der die sinnliche Welt nach dem Vorbild der Ideenwelt formt. Diese "Bilder" ermöglichen es uns, die Dinge in der Natur zu unterscheiden.
Stufen der Erkenntnis: Von Doxa zu Episteme
Die sinnliche Welt, die wir zuerst wahrnehmen, ist keine Quelle wahrer Erkenntnis. Sie hängt von den Sinnen ab und basiert auf der Meinung (Doxa). Durch Erfahrung können wir uns weiterentwickeln und Einsichten gewinnen. Wir erlangen einen "vernünftigen Glauben".
Mathematische Entitäten: Sie sind rationale oder abstrakte Dinge, die auf die sinnliche Welt angewendet werden können.
Die Welt der Ideen ist die Quelle des wahren Wissens. Der Diskurs (Wissenschaft) führt zu tieferer Erkenntnis, da man die Gründe lernt, warum Dinge in der sinnlichen Welt geschehen. Dies ist wahre Erkenntnis (Episteme). Der letzte Schritt des Wissens ist die dialektische Philosophie. Sie ist die Methode des Denkens, die uns lehrt, korrekt zu denken und zu handeln, um das Gute zu erreichen.
Es gibt Wissenschaften, die die Seele befähigen, zur Welt der Ideen aufzusteigen und diese Ideen zu verstehen, wie Mathematik und Astronomie.
Wege zur Ideenwelt: Schönheit, Liebe, Tod
Es gibt drei wiederkehrende Themen bei Platon, die uns den Übergang von der Ideenwelt (MI) zur sinnlichen Welt (MS) und umgekehrt ermöglichen, um diesen Schritt zu üben:
- Schönheit: Sie führt uns von der sinnlichen Welt (MS) zur Ideenwelt (MI), verbunden mit Bewunderung.
- Liebe (Eros): Eng mit der Ideenwelt (MI) verbunden.
- Der Tod: Eng mit der Ideenwelt (MI) verbunden, da die Seele den Körper verlässt.
Diese Themen ermöglichen es, sich vom sinnlichen Bereich zu lösen, die Idee selbst zu vertiefen und leichter zum Verständnis der Ideen aufzusteigen.
Platons Seelenlehre: Der Mythos vom Seelenwagen
Der Mensch ist in Körper (sinnliche Welt - MS, empirisches Wissen) und Seele (Ideenwelt - MI, wahres Wissen) unterteilt. Die Seele hat eine Verbindung zur Ideenwelt.
Die drei Teile der Seele und ihre Tugenden
Im Mythos vom Seelenwagen werden die Seelen der Götter und die Ideenwelt dargestellt. Die Seele wird mit einem Wagenlenker verglichen, der drei Teile hat:
- Der Wagenlenker: Er lenkt den Wagen und repräsentiert die Vernunft (Logistikon). Er muss die Tugend der Klugheit (Weisheit) besitzen, um zu wissen, wie man handelt. (Rationaler Seelenteil)
- Das weiße Pferd: Es repräsentiert den edlen, mutigen Teil der Seele (Thymoeides). Es steht für Loyalität und sollte die Tugend der Tapferkeit besitzen und dem Wagenlenker gehorchen.
- Das schwarze Pferd: Es steht für die Begierden, Emotionen und Leidenschaften (Epithymetikon). Es muss die Tugend der Mäßigung (Enthaltsamkeit) besitzen, um die Gefühle zu kontrollieren.
Der Wagenlenker muss das weiße Pferd (Loyalität, Mut) zur Tapferkeit und das schwarze Pferd (Leidenschaften) zur Mäßigung führen. Die Seelen streben nach der Wahrheitswiese, wo die besten Erkenntnisse zu finden sind.
Platon beschrieb, wie viele Seelen versuchen, diese Wiese zu erreichen, dabei aber die Pferde schlagen und die Flügel brechen. Das weiße Pferd muss lernen, das schwarze zu kontrollieren, damit es nicht durchgeht. Wenn die Flügel gebrochen sind, fällt die Seele in die sinnliche Welt (MS) und vergisst alles, was sie in der Ideenwelt (MI) gesehen hat. Sie wird in einen Körper gebunden, der nichts mit ihr zu tun hat. Das Streben der Seele nach der Ideenwelt (MI) ist der Grund, warum Menschen wissen wollen und zur Erkenntnis zurückkehren möchten.
Nach Platon besteht Glück darin, sowohl die geistige als auch die sinnliche Entwicklung in einer guten Mischung zu vereinen.
Die ideale Gesellschaft: Platons Staatsphilosophie
Platons Theorie der individuellen Seele führt zur Erklärung seiner utopischen Staatstheorie, die eng mit Ethik und Politik verbunden ist.
Die Stände im Staat und ihre Seelenmetalle
- Die Produzenten (Handwerker, Bauern) haben eine Seele, die mit der sinnlichen Realität verbunden ist; sie sind die "Seelen aus Bronze". Sie müssen Mäßigung besitzen.
- Die Wächter (Soldaten) haben eine "silberne Seele", die in Musik und Gymnastik geschult ist. Sie müssen Stärke und Mut besitzen. Ihre Aufgabe ist es, die Stadt zu schützen, die Produzenten zu kontrollieren und den Herrschenden zu gehorchen.
- Die Philosophenkönige müssen die Führer sein, oder die Führer müssen Philosophie studieren. Sie besitzen das Wissen, die Idee des Guten und sind klug (Prinzip der Vorsicht). Die Bildung liegt in den Händen des Staates.