Politische Parteien: Definitionen, Typologien und Systeme
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1. Der Begriff der politischen Partei
In der Politikwissenschaft bedeutet eine politische Partei eine politische Gruppe, die an kompetitiven Wahlen teilnimmt und vorschlägt, ihre Mitglieder in öffentliche Ämter zu bringen. Das Konzept entstand im klassischen Rom, in mittelalterlichen Stadtstaaten oder während der Französischen Revolution.
2. Kriterien zur Unterscheidung politischer Parteien
1. Max Weber
Schirmherrschaftspartei:
Sichert Machtpositionen für ihre Führer und administrative Posten für ihre Mitglieder.
Klassen- oder soziale Gruppenpartei:
Vertritt die Interessen einer bestimmten sozialen Klasse oder Gruppe.
Weltanschauungspartei:
Tritt für eine klare ideologische Weltanschauung ein.
2. Maurice Duverger
Parteien internen Ursprungs:
Entstehen im Parlament, um ihre Basis zu erweitern.
Parteien externen Ursprungs:
Entstehen in der Gesellschaft mit dem Ziel, Zugang zum Parlament zu erhalten.
3. Duvergers interne Organisationskriterien
Zellen:
Historisch die grundlegende Organisationsform kommunistischer Parteien, da sie:
- Auf einem Arbeitskriterium basieren.
- Vertikale Kommunikationswege (hierarchische Strategien) erleichtern.
- Horizontale Beziehungen, die für kommunistische Parteien untypisch sind, unterbinden.
Sektionen:
Ursprünglich die Organisationsform sozialistischer Parteien, heute jedoch die gängige Organisationsform aller Parteien. Definiert als territoriale Gruppe.
Ausschüsse:
Eine Form der territorialen Organisation, die sich auf einzelne Wahlkreise oder Provinzen konzentriert, in denen die Stimmen ausgezählt werden. Ein Beispiel hierfür sind amerikanische Parteien.
Milizen:
Private Organisationen mit militärischem Charakter, die stark auf externe Symbole setzen. Sehr häufig in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts.
4. Otto Kirchheimer: Die Catch-all-Partei
Die Catch-all-Partei (oder „Allerweltspartei“) ist eine Partei, die einen fortschreitenden Verlust ihrer ideologischen Identität in Kauf nimmt, um möglichst viele Wähler anzuziehen, insbesondere solche aus der politischen Mitte.
3. Rolle der politischen Parteien
1. Wahlrechtsfunktion
Dient als wichtigstes Mittel der politischen Partizipation.
2. Integration und Mobilisierung
Integration, Mobilisierung und Beteiligung der Bevölkerung am politischen Leben.
3. Personalrekrutierung
Politische Parteien sind nicht der einzige Kanal für die Personalrekrutierung. Hauptkonkurrenten sind öffentliche Bürokratien.
4. Interessenintegration
Integration der Interessen und Forderungen der Bürger. Parteien sollten sich der Interessen und Forderungen der Bürger bewusst sein.
4. Parteiensysteme
Ein Parteiensystem ist das Ergebnis der Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Parteien. Es gibt drei wesentliche Kriterien zur Analyse politischer Systeme:
1. Genetischer Ansatz (nach Rokkan)
Nach Rokkan entstanden politische Parteien in Europa aus fünf historischen Konfliktlinien (Frakturen), die zu fünf Typen von Parteiensystemen führten:
Erste Fraktur (15.-19. Jh.): Zentrum vs. Peripherie
Führte zur Entstehung nationalistischer Parteien, die entweder das Zentrum oder die Peripherie repräsentieren.
Zweite Fraktur (20. Jh.): Kirche vs. Staat
Führte zur Entstehung konfessioneller Parteien, z. B. der PNV.
Dritte Fraktur (19. Jh.): Land vs. Stadt
Führte zur Entstehung agrarischer und städtischer Parteien.
Vierte Fraktur (19. Jh.): Arbeitgeber vs. Arbeitnehmer
Führte zur Entstehung liberaler, sozialistischer oder kommunistischer Parteien, d.h. der Links-Rechts-Achse.
Fünfte Fraktur (20. Jh.): Westblock vs. Ostblock
Hatte mit der Gründung kommunistischer Parteien zu tun.
In Spanien sind die Frakturen 1 und 4 besonders prägend für das politische System.
2. Morphologische Kriterien
Zweiparteiensystem:
Zwei große politische Parteien dominieren, obwohl weitere existieren können.
Mehrparteiensystem:
Drei oder mehr große Parteien agieren.
Diskussion zur Systemstabilität:
Die These, dass ein Zweiparteiensystem aufgrund seiner Stabilität und Klarheit überlegen sei, ist umstritten. Tatsächlich kann ein Zweiparteiensystem auch das Produkt von Verzerrungen durch bestimmte Wahlsysteme sein. Der Begriff „Mehrparteiensystem“ ist zudem sehr breit gefasst und kann Systeme mit drei großen Parteien ebenso umfassen wie solche mit zehn wichtigen Parteien, wodurch unterschiedliche Realitäten verschleiert werden können.
Duvergers Parteitypen:
- Mehrheitspartei: Erreicht allein die absolute Mehrheit der Sitze im Parlament (nicht der Volksstimmen).
- Große Partei: Benötigt die Unterstützung einer oder mehrerer weiterer Parteien, um eine absolute Mehrheit der Sitze zu erreichen.
- Schlüsselpartei: Bietet einer großen Partei die notwendigen Sitze, um die absolute Mehrheit zu erreichen.
- Kleinere Parteien: Sind an diesen Berechnungen oder der Konfiguration einer Mehrheit nicht beteiligt.
Mehrparteiensysteme wie in der Schweiz, den Niederlanden oder den skandinavischen Ländern zeichnen sich durch bemerkenswerte Stabilität aus.
Sartoris Unterscheidung:
- Moderates Mehrparteiensystem: Besteht aus 3 bis 5 großen Parteien, die ideologisch leicht voneinander entfernt sind. Ähnelt einem Zweiparteiensystem.
- Polarisiertes Mehrparteiensystem: Besteht aus 6 oder mehr großen Parteien mit großen ideologischen Distanzen zueinander.
Dominantes Parteiensystem:
Sartori prägte den Begriff des dominanten Parteiensystems, bei dem dieselbe politische Kraft über einen längeren Zeitraum (mindestens 4 oder 5 Legislaturperioden) die absolute Mehrheit der Sitze sichert.
3. Wettbewerbskriterien
Basierend auf der Metapher des Marktes: Parteien agieren wie Unternehmen auf einem Markt, und Wähler sind Konsumenten, die die von den Parteien angebotenen „Produkte“ wählen. Parteien, die auf diese Weise agieren, werden oft als Catch-all-Parteien bezeichnet.
Auswirkungen von Catch-all-Parteien:
Wettbewerbsmodelle legen nahe, dass diese Parteien Risiken eingehen, wie den Verlust von Wählern. Es besteht die Möglichkeit der Entstehung neuer Parteien (neuer „Unternehmen“) und des Verdrängens alter Parteien.
4. Regierungsformen in Westeuropa
Verschiedene Formen von Regierungskonstellationen in Westeuropa:
- Alternanzsystem: Ein Parteiensystem, in dem zwei Parteien abwechselnd allein die Regierung bilden.
- Semi-Alternanzsystem: Eine kleinere Partei wechselt sich regelmäßig mit den beiden großen Parteien in der Regierungsbildung ab, z. B. die FDP in Deutschland.
- Periphere Substitution: Eine große Partei ist dauerhaft in der Regierung und sucht je nach Bedarf die Unterstützung kleinerer Parteien. Beispiel: Die italienische Christdemokratie, die stets in der Regierung war und ihre Verbündeten wechselte.
- Egalitäre Wechselkoalition: Eine große Anzahl von Parteien kann wahllos und ohne restriktive Regeln Koalitionen bilden. Beispiel: Belgien, wo sechs Koalitionsparteien zu verschiedenen Zeiten Regierungen bildeten.
- Große Koalition: Eine Regierung, in der mehrere Parteien zusammenkommen, um eine Anzahl von Sitzen zu erreichen, die weit über der absoluten Mehrheit liegt. Dies geschieht oft in schweren Krisensituationen, z. B. in Italien bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.
- Dominante Mehrheitspartei: Eine Partei, die eine so große Anzahl von Sitzen gewinnt, dass sie die Bildung eines Bündnisses aller anderen Parteien überwinden kann, z. B. die PP in Galizien.