Das politische System der Restauration in Spanien (1874–1923): Verfassung, Parteien und Kolonialkriege

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Das politische System der Restauration

Ein neues politisches Modell: Cánovas del Castillo strebte nicht eine Rückkehr zu früheren Verhältnissen an, sondern die Herausbildung eines neuen politischen Modells, das einige der endemischen Probleme des Liberalismus lösen sollte. Um dieses Ziel zu erreichen, verfolgte man zwei Hauptziele: die Ausarbeitung einer Verfassung zur Strukturierung eines politischen Systems auf der Grundlage von Überparteilichkeit und die Befriedung des Landes durch Beendigung des Krieges in Kuba und der karlistischen Konflikte. Ein wichtiger erster Schritt war die Einberufung von Wahlen für eine verfassungsgebende Cortes.

Die Verfassung von 1876

Die Verfassung von 1876 war ein klares Zeichen doktrinären Liberalismus': Sie regelte das Wahlrecht und die Souveränität zwischen den Gerichten und der Monarchie. Die Verfassung betrachtete den König als obersten Träger der souveränen Gewalt, unbestreitbar und dauerhaft und formal unabhängig von politischer Willensbildung. Gemeinsam charakterisierte man die gemeinsame (geteilte) Souveränität, wobei dem Monarchen weitreichende Befugnisse eingeräumt wurden.

Es blieb ein Zweikammersystem mit Senat und Kongress der Abgeordneten; letztere Kammer war die wahlberechtigte. 1878 bestand weiterhin de facto ein Zensuswahlrecht; allgemeines Wahlrecht für Männer wurde erst in späteren Reformen diskutiert und 1890 in verschiedenen Ländern schrittweise eingeführt. Der Staat blieb konfessionell katholisch, tolerierte aber andere Bekenntnisse in unterschiedlichem Maße. Der neue Text wurde als saubere konstitutionelle Grundordnung mit einigen Bürgerrechten veröffentlicht.

Bipartidismus und "Turno Pacífico"

Die Regierung Cánovas etablierte ein System der Überparteilichkeit und des Machtwechsels (turno pacífico). Man ging davon aus, dass dieses friedliche Wechselspiel der großen Parteien die institutionelle Stabilität gewährleistet und eine militärische Intervention in die Politik beenden würde. In der Praxis wurde ein vereinbartes Wechseln von konservativen und liberalen Regierungen zum Stabilitätsmechanismus.

Ende der Kriege und Regimesicherheit

Die Stabilität des Regimes wurde durch das Ende der Karlistenkriege und durch die Beilegung des kubanischen Konflikts gefördert. Durch militärische Anstrengungen, etwa unter Martínez Campos, gelang die Unterwerfung der karlistischen Kräfte in Katalonien, Aragonien und Valencia; nur im Baskenland und Navarra hielt sich noch über Monate ein Restkonflikt. Die unmittelbare Folge der Niederlage der Carlisten war die endgültige Abschaffung der foralen Rechte in den baskischen Gebieten und die Regelung ihrer wirtschaftlichen Angelegenheiten. Es wurden besondere »Conciertos« gewährt, die ein gewisses Maß an Steuerautonomie für die Provinzen vorsahen.

Das Ende des Karlistenkrieges erleichterte auch die Möglichkeit, den fortdauernden kubanischen Unruhen entgegenzutreten. Das zehnjährige kubanische Unabhängigkeitsaufbegehren (1868–1878) endete mit dem Frieden von Zanjón; Verzögerungen oder Nichterfüllung weitergehender Reformen führten jedoch 1879 und später 1895 zu erneuten Aufständen.

Das politische Leben und die Parteistruktur

Die dynastischen Parteien

Nach der Rückkehr von Alfonso XII entstand eine parteiübergreifende Gesetzgebung. Cánovas vertrat die konservative Kraft; auf der anderen Seite formierte sich eine progressivere Rechte, die von Sagasta geführte Liberale Partei. Beide Parteien verteidigten die konstitutionelle Monarchie, das Privateigentum und die Festigung eines liberalen, einheitlichen und zentralistischen Staates. Sie verfügten über Zeitungen, Organisationszentren und lokale Komitees in weiten Teilen Spaniens; die inhaltlichen Unterschiede waren oft gering.

Die Conservadores waren anfälliger für konservative Lähmung und verteidigten ein Zensuswahlrecht sowie die Position der Kirche und die bestehende soziale Ordnung. Die Liberalen befürworteten eher ein allgemeines Männerwahlrecht und waren offener für soziale Reformen und eine schrittweise Säkularisierung. Der regelmäßige Wechsel beider dynastischer Optionen an der Macht sollte institutionelle Stabilität garantieren.

Verzerrungen und Klientelismus

Die Fälschung von Abstimmungen war eine verbreitete Praxis bei vielen Wahlen, insbesondere durch Manipulation und Wahlbetrug. Gewählt wurde meist der Kandidat, dessen Sieg im Vorfeld ausgehandelt worden war; die Regierung, die gebeten wurde, die Geschäfte zu führen, war oft zuvor abgesprochen. Die Verzerrung wurde vor allem durch lokale Machtinhaber (die sogenannten caciques) möglich gemacht: wohlhabende Grundbesitzer in ländlichen Gebieten, die Arbeitsplätze bereitstellten und großen Einfluss auf das lokale Leben hatten. Diese lokalen Führer lenkten Stimmen durch Druck und Gefälligkeiten in ihrem Einflussbereich und bestraften jene, die ihre Interessen missachteten. Diese systematischen Wahlfälschungen wurden als „caciquismo" bekannt und diskreditierten das System.

Die Verschiebung der Parteien und der Pacto del Pardo

1884 kehrte Cánovas an die Macht zurück; nach dem frühen Tod Alfonsos XII. zeichnete sich die Gefahr einer Instabilität ab, weshalb zwischen Konservativen und Liberalen eine Einigung — der sogenannte Pacto del Pardo — zustande kam. Während der Regentschaft regierten die Liberalen und führten unter Sagasta eine Reihe von Reformen durch. Das Vereinsgesetz von 1887 erlaubte oppositionellen Kräften stärkere Beteiligung am politischen Spiel; weitere Reformen und Gesetzesinitiativen adressierten unter anderem Zivilrecht, Justizreformen und haushalts- sowie militärische Reformen in den folgenden Jahren.

Marginale politische Kräfte

Mehrere kleinere und oppositionelle Strömungen entwickelten sich parallel:

  • Republikanismus: Figuren wie Emilio Castelar bewegten sich zu moderateren Positionen. Die republikanische Bewegung spaltete sich in verschiedene Gruppen: die posibilistas (möglichkeitsorientierte Republikaner) und andere progressivere oder zentralistisch-republikanische Strömungen. Ruiz Zorrilla, der radikalere Positionen ablehnte, gründete eine eigene republikanische Formation. Die föderalere republikanische Tradition blieb jedoch weiterhin präsent und wurde von Führern wie Pi i Margall repräsentiert. Die Spanische Sozialistische Arbeiterpartei (PSOE) wurde 1879 von Pablo Iglesias gegründet und entwickelte sich parallel als organisierte Arbeiterpartei.
  • Carlismo: Die carlistische Bewegung blieb stark in Navarra, dem Baskenland und Teilen Kataloniens, verlor aber in weiten Teilen Spaniens an Einfluss. Innerhalb der Bewegung führten Personalstreitigkeiten und programmatische Anpassungsversuche zu Spaltungen; 1888 führte eine solche Spaltung zur Gründung der Partido Católico Nacional unter Ramón Nocedal, einer fundamentalistisch-katholischen Formation, die Don Carlos nicht mehr als legitimen Anführer anerkannte.

Nationalismus und Regionalismus

Katalanischer Nationalismus

In Katalonien entstand im Zuge einer kulturellen Renaissance eine Bewegung zur Wiederbelebung der Sprache und Identität. Der katalanistische Diskurs war vielfältig: eine traditionalistische Strömung, vertreten durch Persönlichkeiten wie Bischof Torras i Bages, und eine progressivere, föderalistische Strömung, vertreten durch Valentí Almirall, der 1882 das Centre Català gründete und für größere Autonomie Kataloniens eintrat.

Ein wichtiger Schritt zur politischen Konsolidierung war das Dokument ›Bases de Manresa‹ von 1892, das die Grundlinien katalanistischer Forderungen zusammenfasste. Der Regionalismus entwickelte sich schrittweise zu einem echten Nationalismus: 1901 wurde die Lliga Regionalista (Regionalliga) gegründet, maßgeblich von Enric Prat de la Riba und Francesc Cambó initiiert. Die Lliga wurde in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zur bedeutenden politischen Kraft in Katalonien.

Baskischer Nationalismus

Sabino Arana war der zentrale Protagonist des modernen baskischen Nationalismus. Er sah die Ausbreitung von Einwanderern in die Bergbau- und Industriegebiete um Bilbao als Gefahr für die baskische Kultur und propagierte einen ethnisch-kulturellen Konservatismus. 1895 gründete er die nationalistische Partido Popular Vasco (Variante: Partido Nacionalista Vasco) und prägte Begriffe wie Euskadi als Name für die Heimat, entwarf eine Flagge und formulierte Parolen wie „Gott und altes Recht".

Übersee-Krieg und Kolonialkonflikte

Kuba: Die Perle der Antillen

Nach dem Frieden von 1878 erwartete die spanische Regierung in Kuba eine Reihe von Reformen, die gleiche politische Repräsentation nach dem Modell der Halbinsel bringen sollten. Auf Kuba etablierten sich beide großen spanischen Parteien; die lokale Autonomie blieb jedoch umstritten. Die Unwirksamkeit der kolonialen Verwaltung und die Verzögerung bei Reformen stimulierten den Unabhängigkeitsdrang. 1893 gründete José Martí die Partido Revolucionario Cubano mit dem Ziel der Unabhängigkeit; er gewann rasch Unterstützung, auch aus den USA.

Die wirtschaftliche Verflechtung mit den USA führte zudem zu Spannungen: 1891 erhöhte Spanien Zölle, was die Inselwirtschaft traf; die US-Wirtschaft war inzwischen ein zentraler Abnehmer kubanischer Produkte wie Zucker und Tabak.

Der große Aufstand

1879 gab es schon frühere Versuche von Aufständen gegen die spanische Präsenz, die unter dem Namen »guerra chica« bekannt wurden. Die Mambises (kubanische Freiheitskämpfer) litten damals unter Unterstützungs- und Waffenmangel gegenüber der spanischen Überlegenheit. 1895 begann ein generalisierter Aufstand mit dem »Grito de Baire« am 24. Februar, der die Unabhängigkeitsbewegung erneut anfachte.

Die spanische Regierung unter Cánovas entsandte Anfangs Truppen unter General Martínez Campos, dessen militärisches Vorgehen nicht den gewünschten Erfolg brachte. General Valeriano Weyler folgte, der harte Repressionsmethoden anwendete. Nach der Ermordung Cánovas' und dem Bewusstsein vom Scheitern repressiver Maßnahmen wurde Weyler durch General Blanco ersetzt, der ursprünglich eine Vermittlungsstrategie verfolgte, um eine Einigung zu finden, die spanische Souveränität auf der Insel zu erhalten und einen Konflikt mit den USA zu vermeiden.

Parallel zu den Konflikten in Kuba kam es 1896 auch in den Philippinen zu Unruhen. Die Unabhängigkeitsbewegung war u. a. in der Liga Filipina unter José Rizal und der Untergrundorganisation Katipunan organisiert.

Die Folgen der Niederlage von 1898

Eine politische und moralische Krise

Die militärische Niederlage 1898 löste nicht nur eine territoriale, sondern vor allem eine tiefe politische und moralische Krise in Spanien aus. Das Regime der Restauration überlebte formal, aber die Dynastie und die traditionellen Parteien wurden stark delegitimiert. Diese Krise förderte das Wachstum nationalistischer und regionalistischer Bewegungen, insbesondere im Baskenland und in Katalonien, die das Versagen der dynastischen Parteien und die Notwendigkeit tief greifender, dezentralisierender Reformen beklagten. Insgesamt war es vor allem eine moralische und ideologische Erschütterung mit starken psychologischen Auswirkungen auf die Bevölkerung.

Die Regeneration

Als Reaktion entstand eine Gruppe von Intellektuellen, die unter dem Label regeneracionismo eine Erneuerung Spaniens forderten. Zu den einflussreichen Figuren gehörte Francisco Giner de los Ríos, beeinflusst von der Krausismus-Bewegung. Regeneracionisten wie Joaquín Costa forderten soziale und wirtschaftliche Reformen; Costa war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Initiator verschiedener sozialer Institutionen und eine wichtige intellektuelle Bezugsperson für reformorientierte Kreise.

Das Ende einer Ära und die Folgen

Die politischen Reformer, die nach der Krise von 1898 neue Regierungen stellten, kündigten keine radikalen Brüche an, sondern versuchten meist begrenzte Modernisierungen, um das System funktionsfähig zu halten. Gleichzeitig erstarkten in Teilen der Gesellschaft militärische Tendenzen zu autoritären Lösungen; einige Offiziere betrachteten die Niederlage als Folge politischer Korruption und Ineffizienz. Die zunehmende Militärintervention kulminierte schließlich im Putsch von Miguel Primo de Rivera im Jahr 1923, der eine siebenjährige Diktatur einleitete, und trug langfristig zur weiteren Politisierung der Streitkräfte bei — ein Prozess, der später mit der Diktatur Francos und dem Bürgerkrieg (1936–1939) verknüpft wurde.

Schlussbemerkung

Die Restauration war damit eine Epoche, die einerseits institutionelle Stabilität suchte (Verfassung 1876, turno pacífico), andererseits aber Probleme wie Wahlmanipulation, sozialen Rückstand, aufkommenden Regionalismus und das Versagen in den Kolonien nicht dauerhaft lösen konnte. Diese Unzulänglichkeiten mündeten schließlich in der moralischen und politischen Krise nach 1898 und bereiteten den Boden für tiefgreifende Veränderungen im 20. Jahrhundert.

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