Poststrukturalismus, Variationsanalyse und Labovs Erzähltheorie
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Grundlagen und Konzepte der Poststrukturalistischen Theorie
Die strukturalistische Bewegung, mit Sitz in Frankreich, synthetisierte die Ideen von Marx, Freud und de Saussure. Der Poststrukturalismus argumentiert gegen den „Absolutismus“ und die totalisierenden Konzepte des Strukturalismus. Er ist ein Weg, die Welt durch das Studium der Beziehung zwischen Sprache und Sein zu verstehen.
„Nichts außerhalb des Textes“
Dies bedeutet nicht eine Verleugnung der materiellen Welt, sondern dass die Besonderheit der Objekte von der Anordnung eines diskursiven Feldes abhängt. Aller Sinn ist textuell und intertextuell.
Wichtige Vertreter und Kritik
Wichtigster Vertreter: Michel Foucault (französischer Philosoph und Historiker). Er teilte einige Ansichten der Strukturalisten, glaubte aber nicht, dass es spezifische, unverzichtbare Strukturen gibt, die den menschlichen Zustand erklären könnten. Ebenso hielt er es nicht für möglich, den Diskurs von einem objektiven Standpunkt aus zu überprüfen und zu studieren. Diese Ansicht wendet sich gegen jede Art von totalisierenden Konzepten.
Wichtige Grundsätze des Poststrukturalismus
- Die Wahrnehmung des Selbst: Sie spielt eine entscheidende Rolle bei der Interpretation von Bedeutung. Um einen Text oder Diskurs zu untersuchen, muss der Leser oder Hörer verstehen, wie dieser Diskurs mit dem individuellen Selbst des Autors/Referenten zusammenhängt, da jedes Individuum durch Geschlecht, Beruf, Rasse, Klasse usw. geprägt ist.
- Pluralität der Bedeutung: Ein Text hat nicht nur einen einzigen Zweck oder Sinn. Die vom Autor beabsichtigte Bedeutung ist sekundär; die wahrgenommene Bedeutung wird vom Hörer/Leser konstruiert. Neue und individuelle Zwecke werden vom Individuum beim Umgang mit einem bestimmten Text geschaffen.
- Dynamik von Sprache und Erfahrung: Sprache und unsere Erfahrung der Welt sind dynamisch. Die Konzepte und die Wörter, die wir verwenden, um diese Konzepte darzustellen, verändern ständig ihre Bedeutung. (Z. B. war die Bedeutung von „Web“ vor der Existenz des Internets mit Spinnen assoziiert.)
- Leserabhängigkeit: Der Sinn eines Textes hängt von Variablen in Bezug auf die Identität des Lesers ab. Keine der möglichen Interpretationen gilt als die einzig richtige; sie alle tragen zu einem besseren Verständnis des betreffenden Textes bei.
Einer der größten Kritikpunkte an dieser Ansicht ist das Fehlen einer expliziten Methode zur kontextuellen Analyse realer Fälle von Text oder sozialer Interaktion.
Variationsanalyse in der Soziolinguistik
Die Variationsanalyse befasst sich mit der Variation und den beobachteten Veränderungen in der Sprache innerhalb verschiedener Sprachgemeinschaften.
William Labovs Ansatz
Die prominenteste Persönlichkeit innerhalb dieses Ansatzes ist William Labov. Er sieht Sprache als Instrument der sozialen Kommunikation, wobei Veränderungen je nach Vielfalt der menschlichen Bedürfnisse und Aktivitäten variieren. Variation muss aus verschiedenen Perspektiven, wie der syntaktischen oder phonologischen Ebene, untersucht werden.
Wir müssen bedenken, dass bestimmte Einschränkungen (Constraints) auf die gesamte Struktur des Informationsflusses, auf ihre Elemente und auf die Art und Weise, wie diese besonderen Formen verwendet werden, angewendet werden müssen. Für Variationisten ist es wichtig, dass die linguistische Analyse durch das Sammeln von Proben authentischer Sprachdaten erfolgt.
Die Rolle der Umgangssprache
Menschen greifen auf die Verwendung der Volkssprache (Vernakularsprache) zurück, wenn sie über die Ereignisse ihres Lebens berichten. Aus diesem Grund nutzen Variationisten soziolinguistische Interviews, um Sprachproben zu sammeln. Die Umgangssprache (Vernakular) wird von Labov als die Sprachvarietät definiert, die in vorpubertären Jahren erworben wird und die von den Sprechern ohne große Rücksicht auf die Art und Weise, wie Sprache verwendet wird, genutzt wird. Eine der wichtigsten Fragen der Variationisten ist es, nach Informationsstrukturen zu suchen und diese zu vergleichen, die im Diskurs vorherrschen.
Kriterien zur Definition der Erzählung (Labov)
- Zeitliche Struktur: Die Zeit ist entscheidend für die Zuordnung des Ereignisses, obwohl sie je nach Art des Textes (z. B. in einer Einkaufsliste) irrelevant sein kann.
- Deskriptive Strukturen: Sie sind ein zentrales Thema von Erzählungen. Eine deskriptive Ausrichtung kann die Handlung selbst in die Erzählung einführen oder innerhalb der komplizierenden Handlungen eingebettet sein.
- Evaluative Strukturen: Sie sind wichtig bei der Konstruktion von Geschichten. Sie können je nach Textart mehr oder weniger notwendig sein (z. B. in Geschichten erforderlich, aber in Rezepten optional).
Labovs Ansatz zur Erzählanalyse und seine Elemente
Nach Labov und Waletzky ist eine Erzählung ein spezifisches Diskursinstrument, das kleinere Einheiten enthält, die insbesondere syntaktische und semantische Eigenschaften aufweisen. Die verschiedenen Funktionen in der Geschichte werden durch die Angaben in den verschiedenen Abschnitten der Erzählung erfüllt.
Die sechs Elemente der Erzählung
Die folgenden Elemente können in einer Erzählung gefunden werden, obwohl nicht alle Erzählungen alle sechs enthalten:
- Zusammenfassung (Abstract)
- Orientierung
- Komplizierende Handlungen (Complicating Action)
- Bewertung (Evaluation)
- Auflösung (Resolution)
- Coda
Für Labov muss eine Rekapitulation von Erfahrungen der gleichen Reihenfolge wie die ursprünglichen Ereignisse folgen, um als Erzählung zu gelten. Alle Klauseln der komplizierenden Handlungen sowie die Auflösungsklauseln müssen sequenziell sein.
Wichtige Konzepte der narrativen Analyse
- Berichtspflicht (Tellability): Der Erzähler kann die Aufmerksamkeit nur halten, wenn die Geschichte interessant genug für das Publikum ist, um das Erzählen zu rechtfertigen. Wird dies nicht erreicht, liegt eine Verletzung der sozialen Normen seitens des Sprechers vor.
- Glaubwürdigkeit (Credibility): Wenn diese beim Erzählen einer persönlichen Erfahrung nicht erreicht wird, gilt die Erzählung als gescheitert.
- Kausalität: Alle Erzählungen erfordern, dass die Erklärung von Ereignissen durch eine Reihe expliziter oder impliziter kausaler Beziehungen erfolgt.
- Objektivität vs. Subjektivität: Der Begriff der Objektivität ist mit der Sichtweise des Erzählers verbunden (normalerweise unbewusst). Ein objektives Ereignis wurde dem Erzähler durch sinnliche Erfahrung bekannt. Ein subjektives Ereignis kennt der Erzähler durch Erinnerung, emotionale Reaktion oder innere Empfindung.
Beispiel: Analyse einer kurzen Erzählung
Titel: Eine zufällige Reitstunde
- Zusammenfassung (Abstract)
- Am Samstagnachmittag gingen meine Freunde und ich reiten.
- Orientierung
- Wir stiegen auf die Pferde und begannen zu reiten, den Anweisungen des Trainers folgend.
- Komplizierende Handlung
- Wir hatten viel Spaß und dachten, wir könnten es schwieriger machen. Obwohl der Trainer es nicht empfohlen hatte, ließen wir die Pferde galoppieren.
- Auflösung
- Was dann geschah, war, dass einer meiner Freunde vom Pferd stürzte und sich verletzte. Das Mädchen wurde ins Krankenhaus eingeliefert und brauchte ein paar Stiche am Ellbogen.
- Bewertung (Evaluation)
- Dies zeigt uns, dass man kein Risiko eingehen sollte, wenn man nicht weiß, was man tut.
- Coda
- Ab dann ist keiner von uns mehr reiten gegangen.
Informationsstruktur: Neu vs. Gegeben (New vs. Given)
Die Informationseinheit ist eine funktionale Struktur, die aus zwei Komponenten besteht: dem Neuen (New) und dem Gegebenen (Given).
Das Gegebene und das Neue Element
Aus struktureller Sicht können wir sagen, dass alle Informationseinheiten ein neues Element enthalten (das obligatorisch ist) und ein gegebenes Element (das optional ist). Dies liegt daran, dass das gegebene Element referenziell ist. Dieser Verweis wird oft durch Ellipse erreicht, eine grammatische Form, bei der bestimmte Funktionen in der Struktur nicht explizit ausgeführt werden.
Oft besteht die Klauselstruktur nur aus dem neuen Element, wie in:
A: Wo gehst du hin?
B: (Ich gehe) zum Laden.
In diesem Beispiel wäre „ich gehe“ das elliptierte gegebene Element, während „zum Laden“ das neue Element wäre.
Eigenschaften der Elemente
- Das Gegebene Element: Betrifft Informationen, die aus dem sprachlichen Kotext oder dem kulturellen Kontext wiederhergestellt werden können. Dieses Element geht in der Regel dem neuen Element voraus.
- Das Neue Element: Umfasst alle Informationen, die der Sprecher als nicht aus dem Kontext ableitbar für den Hörer präsentiert. Dieses Element wird immer durch tonische Prominenz markiert und gilt daher als der Fokus der Information.