Der Realismus in der Literatur: Epoche und Merkmale
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Lektion 3: Der Realismus
Historischer und kultureller Kontext
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierte sich in den meisten entwickelten Ländern das kapitalistische Produktionssystem, was zu erheblichen sozialen und politischen Veränderungen führte: die Ausdehnung der Märkte, die Entwicklung von Bürgertum und Proletariat sowie die zweite industrielle Revolution. Dies begünstigte die Entwicklung des Kapitalismus und der Arbeiterbewegung, wodurch in den letzten Jahrzehnten sozialistische und anarchistische Organisationen entstanden. Ein weiteres wichtiges soziales Phänomen dieser Zeit war die Ausweitung der kostenlosen Schulpflicht im Primarbereich. Dies geschah aus mehreren Gründen: Der Kapitalismus erforderte eine besser ausgebildete Bevölkerung, und es bestand die Notwendigkeit, grundlegende Werte der neuen Nationalstaaten (Sprache, Kultur) zu vereinen sowie eine weltliche Ausbildung abseits der katholischen Kirche zu fördern.
Der Realismus in Spanien
Die Streitigkeiten zwischen Konservativen und Liberalen, die für die erste Hälfte des Jahrhunderts charakteristisch waren, setzten sich in der zweiten Hälfte fort. Die Bourbonen-Monarchie endete mit der Revolutionären Sexenio, die Maßnahmen wie das allgemeine Wahlrecht, Handels- und Industriefreiheit sowie die Trennung von Kirche und Staat einführte. Dennoch führten Konflikte zwischen verschiedenen revolutionären Gruppierungen zur Monarchie von Savoyen, zur Ersten Republik und später zur Restauration der Bourbonen unter Alfons XII. Es entstand eine parlamentarische Monarchie, in der die Wahlergebnisse oft vorab von der Regierung bestimmt wurden, um einen Machtwechsel zwischen den Parteien zu garantieren.
Die spanische Gesellschaft blieb weiterhin ländlich geprägt. Das Bürgertum konnte keine konsequente liberale Revolution durchführen oder industrielle Strukturen schaffen, weshalb es oft mit der Aristokratie verschmolz.
Im Bereich der Kultur zeigte sich ebenfalls eine Konfrontation zwischen konservativen und progressiven Ideen. Das liberale Denken wurde hauptsächlich durch die Krausisten vertreten, die viele Intellektuelle der Zeit beeinflussten, darunter Unamuno und Machado.
Merkmale realistischen Erzählens
Als „realistisch“ werden Künstler bezeichnet, die die Gesellschaft ihrer Zeit objektiv wiedergeben und sich von romantischen Fantasien und Träumen abwenden. Neue philosophische Bewegungen beeinflussten diese Konfiguration:
- Positivismus (Comte): Erfahrung und Beobachtung sind der Ausgangspunkt für Wissen.
- Evolutionstheorie (Darwin): Lebensformen entwickeln sich durch natürliche Auslese der Stärksten.
- Marxismus: Fokus auf den Klassenkampf zur Überwindung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.
Der Realismus entwickelte sich aus der Romantik, nicht als bloße Opposition. Beide Strömungen spiegeln die Auseinandersetzung des Autors mit der Wirklichkeit wider, doch während die Romantiker Idealismus und Träume bevorzugten, wählten die Realisten eine kritische Untersuchung der Welt.
Hauptmerkmale der realistischen Literatur
- Beobachtung und Beschreibung: Die genaue Wiedergabe der Wirklichkeit erfordert eine detaillierte Beobachtung.
- Realitätsnähe: Autoren schreiben über das, was sie kennen, und platzieren ihre Werke in ihrer eigenen Gegenwart.
- Sozialkritik: Häufige Kritik an gesellschaftlichen und politischen Zuständen, je nach Ideologie des Autors.
- Stil: Ein einfacher, nüchterner und klarer Stil, um ein breites Publikum zu erreichen.
- Vorliebe für den Roman: Die wichtigste literarische Gattung mit folgenden Merkmalen:
- Wahrscheinlichkeit: Die Geschichten sollen wie Fragmente der Realität wirken.
- Protagonisten: Individuelle oder kollektive Charaktere, die in Konflikt mit ihrer sozialen Umgebung stehen.
- Allwissender Erzähler: Kennt und steuert die Ereignisse der Geschichte.
- Didaktik: Das Ziel ist oft eine moralische oder soziale Belehrung.
- Lineare Struktur: Die Zeit verläuft meist linear, gelegentlich unterbrochen durch Rückblenden.
- Detaillierte Beschreibung: Sowohl Umgebungen als auch Charaktere werden präzise geschildert.
- Umgangssprache: Die Sprache orientiert sich an der Alltagssprache der Charaktere.
Der Realismus erreichte seinen Höhepunkt um 1880, bevor er vom Naturalismus abgelöst wurde. Der Naturalismus entstand parallel und fokussierte sich stärker auf soziale Studien, psychologische Analysen und die negativen Aspekte der Realität, basierend auf dem erblichen und sozialen Determinismus.
Realismus in Spanien: Entwicklung und Autoren
In Spanien begann der Übergang vom klassischen Idealismus zum Realismus um 1844, mit einem Höhepunkt nach der Revolution von 1868. Der Aufstieg des Journalismus war für die realistische Prosa essenziell, da viele Autoren ihre Feder in Zeitungen schärften, was zu einem direkteren und flexibleren Stil führte.
Bedeutende europäische Autoren: Stendhal (Frankreich), Charles Dickens (England), Tolstoi (Russland), Melville (USA).
Autoren und bedeutendste Werke in Spanien
- Benito Pérez Galdós: Bekannt für seine Episodios Nacionales, seine frühen ideologischen Romane (z. B. Doña Perfecta) und seine zeitgenössischen Romane wie Fortunata und Jacinta.
- Clarín: Berühmt für seine Erzählungen und den Roman La Regenta, der als eines der bedeutendsten Werke des europäischen Realismus gilt.
- Emilia Pardo Bazán: Integrierte naturalistische Elemente wie detaillierte Beschreibungen und soziale Härte in Werke wie Los Pazos de Ulloa.
- Vicente Blasco Ibáñez: Bekannt für seine regionalistischen Werke über Valencia, wie La Barraca, in denen er naturalistische Determinismen thematisiert.