Religionswissenschaft: Eine Einführung
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Die religiöse Dimension des Menschen
Religionen sind unbestreitbar ein prägendes Phänomen in der Geschichte der Menschheit. Sie sind wichtig für das Verständnis von Kulturen und werden daher von verschiedenen Wissenszweigen fortwährend untersucht.
Die positive Religionswissenschaft
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand die sogenannte positive Religionswissenschaft, die religiöse Phänomene beschreibt, ohne Werturteile zu fällen. Innerhalb dieser Disziplin können wir unterscheiden:
- Anthropologie der Religion: Untersucht Religion als Handlungsweise und Ausdruck sozialer Ideen und Werte.
- Phänomenologie der Religion: Erforscht das religiöse Phänomen in seiner Struktur und Ausdrucksform.
- Geschichte der Religionen: Untersucht die Entwicklung und den Ursprung von Religionen sowie die Entwicklung religiöser Traditionen.
- Psychologie der Religion: Analysiert die psychologischen Mechanismen, die bei der Annäherung an Religion eine Rolle spielen, und wie Religion die Entwicklung des Menschen beeinflusst.
- Soziologie der Religion: Erforscht die Rolle der Religion im gesellschaftlichen Leben und ihre Wahrnehmung in verschiedenen sozialen Gruppen.
Normative Betrachtung der Religion
Eine andere Herangehensweise ist die normative, die das religiöse Phänomen bewertet. Sie umfasst:
- Philosophie der Religion
- Theologie
Wichtige Aspekte des religiösen Phänomens
Spezifisches Verhalten und Einstellung
Das religiöse Phänomen ist durch ein spezifisches Verhalten gekennzeichnet, das durch die bewusste Absicht einer Beziehung zu einer transzendenten Wirklichkeit bestimmt ist. Die spezifische Einstellung ist die Anerkennung einer transzendenten, als positiv und heilbringend wahrgenommenen Wirklichkeit, auf die mit Glauben reagiert wird. Wir unterscheiden zwei Entitäten, die in Beziehung treten können: das Mysterium und der Mensch.
Hierophanien: Manifestationen des Göttlichen
Vom Mysterium her gesehen gibt es Hierophanien, Erscheinungsformen des Göttlichen, die der Mensch verstehen kann. Diese finden sich in allen Religionen, sind universell und vielfältig. Hierophanien lassen sich in drei Gruppen einteilen:
- Naturphänomene
- Historische Erfahrungen
- Menschen
Hierophanien sind ambivalent, sie offenbaren und verbergen das Göttliche zugleich. Sie sind Symbole.
Religiöse Ausdrucksformen des Menschen
Vom Menschen her gesehen ist Religion eine kulturelle Komponente, die die menschliche Gruppe stark prägt und vielfältige Ausdrucksformen und Folgen für Individuum und Gemeinschaft hat. Kultur umfasst alles, was über Instinkt und biologische Funktionen hinausgeht und auf menschliche Aktivitäten reagiert (Kunst, Wissen, moralische Überzeugungen, Gewohnheiten).
Religion in der Geschichte
Religion ist ein universelles Phänomen, das in allen Teilen der Welt und in allen Kulturen auftritt. Es gibt keine Kultur ohne religiöse Ausdrucksformen. Religion ist zudem ein hartnäckiges Phänomen, das trotz der im 18. Jahrhundert ausgerufenen Säkularisierung fortbesteht. Sie ist komplex, individuell und gemeinschaftlich, und drückt sich sowohl im Bereich der Vernunft als auch des Gefühls, in Theorie und Praxis, an heiligen Orten und in bestimmten Zeiten aus.
Vielfalt der Religionen
Religion manifestiert sich in mündlicher und schriftlicher Tradition. Es gibt viele verschiedene Religionen mit unterschiedlichen Vorstellungen von Gottheit:
- Monotheistische (ein Gott) und polytheistische (viele Götter) Religionen.
- Anthropomorphe (menschliche Gestalt) und spirituelle Religionen.
- Religionen, die die Transzendenz Gottes betonen (getrennt von der Welt), und pantheistische Religionen (Gott ist in allem).
Auch die Vorstellung von Heil, der Beziehung zwischen Mensch und Gott, variiert. Heil kann als Verbesserung im Hier und Jetzt verstanden werden, als Befreiung von Zeit und Raum oder als Vergöttlichung des Menschen.
Die Beziehungen zwischen Gott und Mensch können durch Naturphänomene oder historische Ereignisse und Personen (z.B. Jesus) offenbart werden. Es gibt rituelle Religionen, die die Beziehung in Riten ausdrücken, und ethische Religionen, die sie im moralischen Verhalten betonen.
Gemeinsame Elemente aller Religionen
Jede Religion benötigt:
- Eine Vorstellung von Gottheit
- Eine Kosmogonie (mythologische Welterklärung)
- Eine Eschatologie (Lehre vom Ende der Zeiten)
- Eine Tradition
- Eine Moral (ethische Normen)
Ebenen der Wirklichkeit
Die Wirklichkeit ist komplex und schwer zu erfassen, da es keine einheitliche Methode dafür gibt. Es gibt zwei Ebenen:
- Die Ebene der Tatsachen: Hier gilt die wissenschaftliche Methode der sinnlichen Erfahrung.
- Die Ebene der Sinnfrage: Der Mensch ist ein Rätsel für sich selbst. Wir brauchen ein Kriterium, um unsere Ansichten zu beurteilen, aber wir können die religiöse Erfahrung anderer nicht direkt nachvollziehen.
Ist der Mensch von Natur aus religiös?
Einige philosophische Anthropologien behaupten, dass der Mensch von Natur aus religiös ist und eine Dynamik besitzt, die ihn zu einem religiösen Leben befähigt. Der offene Mensch ist fähig zur Transzendenz. Der Mensch ist qualitativ anders als andere Lebewesen, aber auch begrenzt und abhängig. Die Offenheit für religiöse Erfahrung kann durch das Bewusstsein dieser Grenzen gefördert werden.
Das Symbolsystem der Religion
Religionen sind ein Symbolsystem. Religiöse Erfahrungen werden durch Symbole und Rituale ausgedrückt, die helfen, die Manifestation des Heiligen und die Bedeutung der Begegnung mit dem Göttlichen zu verstehen.
Symbol: Eine komplexe Realität mit einem empirischen (physischen) und einem nicht-empirischen (transzendenten) Teil. Der Mensch ist der Schöpfer religiöser Symbole.
Die Erfahrung des Transzendenten
Das Göttliche in allen Religionen wird durch die Erfahrung des Transzendenten und Immanenten charakterisiert, das als fragende Präsenz wahrgenommen wird, die eine Antwort verlangt. Diese Präsenz kann mit Gleichgültigkeit (Agnostizismus), Ablehnung (Atheismus) oder Annahme (Glaube) beantwortet werden.