Schule der flämischen Primitiven – Merkmale, Künstler, Werke
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Schule der flämischen Primitiven
In der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts trugen eine Reihe von Faktoren dazu bei, dass in den Städten Flanderns eine ungeheure künstlerische Blüte entstand.
Der Einfluss der flämischen Malerei breitete sich in Europa aus. In Spanien zum Beispiel wurde die Malerei dieser Jahre oft als spanisch-flämischer Stil bezeichnet.
A) Funktionen und Merkmale
Die flämischen Primitiven gelten als maßgeblich für die Entwicklung eines eigenständigen internationalen Malstils, der durch gesteigerten Naturalismus und eine herausragende Liebe zum Detail gekennzeichnet ist. Sie suchten eine unmittelbare Erfassung der Wirklichkeit durch:
- Detailreichtum: Die Malerei ist sehr nah betrachtet; der Künstler interessiert sich für alle Details des Alltags (Objekte, Tische, Stoffe, Alltagsgegenstände) und füllt die Bildfläche mit diesen kleinen Dingen.
- Fein ausgearbeitete Darstellungen: Man reproduziert Gegenstände und Falten im Stoff mit großer Präzision; Falten können dabei hart und plastisch erscheinen.
- Landschaften: Flämische Maler schufen große, leuchtende Landschaften; Interieurs erscheinen als erste in voller privaten Atmosphäre.
- Bildraum durch Licht: Die Erzeugung eines Raumes durch Streuung und Brechung des Lichts an Objekten.
Die meisten Werke sind Ölgemälde auf Tafel und zeichnen sich durch Helligkeit aus, erreicht durch sorgfältiges Schichten transparenter Farben. Sie markieren einen Meilenstein in der Kunstgeschichte und begründen zusammen mit der italienischen Kunst die Grundlagen der modernen europäischen Malerei.
Die Flamen waren außerdem wichtige Erneuerer der Tafelmalerei: Das Altarbild wurde neu gedacht, oft vereinfacht und häufig so konzipiert, dass eine Tafel oder ein geschlossenes Polyptychon eine einheitliche Wirkung entfaltet.
Es entwickelte sich die Darstellung von Szenen des täglichen Lebens neben religiösen Themen: Stifterporträts treten auf, Heilige kommen häufig vor, und Stifter werden zusammen mit Christus oder der Jungfrau dargestellt. Die Einführung des Stifterporträts führte bisweilen zur Entwicklung eigenständiger Porträtserien.
Die Liebe zur Landschaft zeigt sich oft in Gewässern und weit leuchtendem Horizontlicht. Die wachsende bildliche Dominanz neuer Auftraggeber wurde durch das Entstehen eines bürgerlichen Publikums erleichtert, das als Veranstalter künstlerischer Arbeiten auftrat.
Zusammenfassend verbindet die flämische Malerei Merkmale der Renaissance (Behandlung von Licht und Landschaft) mit Elementen der Gotik (teils statisch wirkende Figuren, oft frontale Darstellung und starke Betonung aller Details).
B) Wichtige Beispiele und Künstler
Eine erste Generation von Malern setzte sich zusammen aus den Brüdern Hubert und Jan van Eyck, Rogier van der Weyden und Robert Campin. Eine zweite Generation reicht bis in die frühen sechzehnten Jahrhundert und umfasst Maler wie Hans Memling, Gerard David und Hieronymus Bosch.
Gebrüder Van Eyck
Die Brüder Hubert und Jan van Eyck, Initiatoren der flämischen Schule, sind insbesondere für den großflächigen Einsatz der Ölmalerei bekannt. In der Arbeit von Jan van Eyck, dem prominentesten der beiden, verbinden sich traditionelle, sogar mittelalterliche Elemente mit überraschender formaler und ikonographischer Modernität, die sich schrittweise in seinem Werk zeigt.
Das Polyptychon ist in viele Tafeln gegliedert und enthält zahlreiche Allegorien und biblische Szenen. Das geöffnete Polyptychon besteht aus zwölf Tafeln, auf der Rückseite sind acht Tafeln angebracht. Im zentralen Schrein befindet sich die Anbetung des Lammes: das Lamm symbolisiert Gott und steht auf einem Altar als Zeichen der Eucharistie. Zwei Halbkreise von Figuren knien in Anbetung um die Quelle; Propheten und Patriarchen sind auf der linken Seite angeordnet, Apostel sowie Päpste und Bischöfe auf der rechten. Oben finden sich Darstellungen wie Adam und Eva, nackt und beleuchtet vor dunklem Hintergrund, die auf die Erbsünde verweisen.
Alle Hintergrundszenen zeigen eine feine, sehr detaillierte Landschaft mit verschiedenen Baumarten, Blumen und Wiesen. Auf den Zwischenflügeln singen Engel oder sind musikalisch dargestellt; Kleidung, Haare und Gesichter sind mit beeindruckender Detailfreude behandelt.
+ Die Madonna des Kanzlers Rolin: Jan van Eyck entwickelte eine neue Ikonografie, in der die Madonna nicht mittig thront, sondern seitlich angeordnet ist; der Stifter (Kanzler Rolin) erhält dadurch eine gleichwertige Position im Bildfeld. Die gesamte Komposition besticht durch Verbreitung von Realismus in den Figuren und in den alltäglichen Gegenständen, die sie umgeben; im Hintergrund ist ein Stadtbild zu sehen. Die Gleichbehandlung von Stifterfigur und Madonna zeigt Originalität und beabsichtigte Aussagekraft.
+ Der Mann mit dem Turban: Ein Porträt, das vielfach als Selbstbildnis Jan van Eycks interpretiert wird; es wirkt durch seinen beeindruckenden Realismus.
Die technische Kompetenz Van Eycks liegt in der Modellierung von Figuren und Gegenständen durch Licht und Farbe sowie in der detaillierten Darstellung von Oberflächen und Texturen. Sein Stil wurde Vorbild für viele nachfolgende Generationen.
Rogier van der Weyden
Rogier van der Weyden zählt zu den großen flämischen Malern; seine Werke zeichnen sich durch leuchtende Farben und Realismus aus. Seine Szenen sind häufig von dramatischer Intensität geprägt, was ein zentrales Element seiner Malerei darstellt.
In diesem Werk fällt die sorgfältige Komposition mit einer großen Gruppe von Figuren auf: Maria Magdalena, links und rechts Johannes und andere Heilige bilden die flankierenden Gruppen. Die Mitte der Komposition bildet der leere Raum der Kreuzesdarstellung; Christus und Maria stehen oft diagonal zueinander, und die Trauer und Innigkeit in den Gesichtern verleihen dem Bild große emotionale Wirkung. Rogier widmete sich in seinen Darstellungen mit großer Empathie und Tragik dem Schicksal der Figuren.
+ Die Kreuzigung: Ein Merkmal seiner Kunst ist das Zurücktreten der Landschaft und der alltäglichen Welt zugunsten konzentrierter dramatischer Figurenkonstellationen. Nach einer Reise nach Italien können in einigen Werken auch Einflüsse des internationalen Stils erkannt werden, etwa in den gewundenen, verlängerten Formen.
Joachim Patinir
Bei Patinir spielt die Landschaft eine besondere Rolle in seinen Kompositionen: Handlung und Figuren wirken oft wie Vorwände für die Entwicklung eines weiten, hellen und reizvollen Hintergrunds. Diese Funktion ist in mehreren Meisterwerken Patinirs deutlich zu erkennen.
Hier erscheint ein religiöses Thema zugleich als Vorwand für eine weite Parklandschaft.
+ Die Styx: Ein weiteres Beispiel mit ähnlichen Eigenschaften, in dem christliche und heidnische Motive kombiniert werden.
Hieronymus Bosch (Bosch)
Bosch fand oft Inspiration in der populären Kultur: Sprichwörter, Bräuche, Legenden und Aberglauben dienten ihm als Themenquelle. Technisch zeichnen sich seine Werke durch Detailgenauigkeit, große Vielfalt und Farbigkeit sowie sorgsame Darstellung aus.
Am stärksten hervorsticht jedoch Boschs Originalität in der Behandlung von Themen: Alltägliche Gegenstände erhalten ungewöhnliche Bedeutungen und erscheinen in teils deliranten, symbolisch aufgeladenen Szenen voller verstörender, absurder und phantastischer Bilder. Seine Bildwelt ist häufig von einem burlesken Humor durchdrungen.
Dieses berühmte Triptychon ist eines der meistuntersuchten und rätselhaftesten Werke Boschs. Die linke Tafel zeigt die Schöpfung des Menschen, die mittlere die weltlichen Freuden und Sünden, und die rechte Tafel die höllische Strafe. Die Gesamtkomposition wirkt als moralisierende Satire auf das Schicksal der Menschen.
Ein eindrucksvolles Triptychon, dessen Mitteltafel einen riesigen Wagen voller Heu zeigt, um den zahlreiche Figuren versammelt sind. Auf dem Wagen entwickelt sich eine Gerichtsszene mit Liebenden, Musikanten, einem Engel und einem Teufel. Experten sehen darin eine Allegorie auf Vergänglichkeit: ein Vers aus Jesaja („Alles Fleisch ist wie Gras …“) wird assoziiert mit der Metapher, dass irdische Güter und materielle Freuden vergänglich sind. Auf dem Wagen erscheinen alle sozialen Schichten – Könige, Bischöfe und einfache Leute – und die Szenen sind reich an detailreicher, überwältigender Darstellung. Die Seitenflügel zeigen in gewisser Variation die Schöpfung des Menschen und den Garten Eden (links) sowie die Hölle (rechts), mit einer etwas anderen Behandlung als im Garten der Lüste.
+ Die Anbetung der Könige: Die Jungfrau hält das Kind im Schoß, während die Könige Geschenke darbringen. Auf der Tafel sind präzise Details der Szene zu erkennen; etwa eine Figur am Eingang, nackt und mit einer Beinwunde, die von manchen als Symbol für den Antichristen gedeutet wird. Die Seitenflügel sind bestimmten Stiftern gewidmet, begleitet von Heiligen wie dem Apostel Petrus.