Schulversagen: Ursachen, Modelle und gesellschaftliche Folgen
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TOP 8: Schulversagen — Dokumentarfilm "Puls" Ausfall
Schulversagen: Konzept und Kontext
Das Konzept des Schulversagens ist relativ neu und wird mit der flächendeckenden Schulaufnahme der Kinder in die obligatorische Schule sowie dem schrittweisen Ausbau der Sekundarstufe II in Verbindung gebracht. Es ist eine Folge des wachsenden gesellschaftlichen Bildungsbedarfs und der Demokratisierung der Bildung. Seine Definition ist komplex, da jede Kultur, jedes Bildungssystem und jedes pädagogische Modell ein eigenes Konzept von Erfolg und Misserfolg in der Schule entwickelt hat.
Allerdings ist eine recht einheitliche Definition eng mit den schulischen Leistungen verbunden, d. h. dem Erwerb der im Lehrplan erforderlichen Mindestkenntnisse und -fertigkeiten.
Einflussfaktoren auf Erfolg und Misserfolg
Hinsichtlich der einflussreichsten Faktoren für Erfolg und Schulversagen gibt es viele Meinungen und kritische Diskussionen. Das Phänomen ist in der Regel mit der Leistung und Produktivität von Schülern, Lehrern, der Schule und dem Bildungssystem verbunden. Ebenso spielen die Verfügbarkeit und die Optimierung von Ressourcen eine Rolle, vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Krise des Wohlfahrtsstaates, die Ressourcen knapper macht.
In diesem Sinne hängen Erfolge und Misserfolge stark mit der Qualität des Unterrichts zusammen (also damit, was gelernt wird und wie gelernt wird). Grob lassen sich drei Modelle unterscheiden, je nachdem, ob der Untersuchungsfokus hauptsächlich das Kind (psychologisches Modell), die Gesellschaft (soziologisches Modell) oder die Schule (psychoedukatives Modell) ist.
Erklärungsmodelle von Schulversagen
Psychologisches Modell (kindzentriert)
Beim psychologischen Modell stehen die intellektuellen Fähigkeiten und psychologischen Faktoren des Kindes im Vordergrund; diese werden als diejenigen Ursachen betrachtet, die Erfolg oder Misserfolg in der Schule bestimmen. Hierzu zählen kognitive Entwicklung, Motivation, Konzentration, emotionale Stabilität und Lernstrategien.
Soziologisches Modell (gesellschaftsorientiert)
Das soziologische Modell richtet den Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen. Soziale Klasse wird genutzt, um Schulversagen zu verstehen: Es besteht eine Korrelation zwischen sozialer Herkunft (sozialer Klasse der Herkunft) und schulischer Leistung. Aus dieser Perspektive entstanden verschiedene Theorien, von denen die wichtigsten Vertreter und Ansätze im Folgenden kurz beschrieben werden:
- b.1 Vervielfältigungstheorie (Bourdieu & Passeron): Diese Theorie besagt, dass die Schule soziale Ungleichheiten reproduziert und die Herrschaft bestimmter sozialer Gruppen über andere widerspiegelt, wie sie für kapitalistische Gesellschaften typisch ist. Das Klassensystem beeinflusst die Verbreitung von Wissen (Wissen ist ungleich verteilt). Die Inhalte der Lehrpläne, die Methoden der Wissensvermittlung und die Bewertung spiegeln häufig die Kultur der dominierenden Klasse wider. Auf diese Weise tragen Schulen zur Reproduktion bestehender Machtverhältnisse bei, indem sie die dominante Kultur produzieren und verteilen. In diesem Diskurs hängt der Schulerfolg vom Grad der Übereinstimmung zwischen der Kultur der Familie (kulturelles Kapital der Familie) und der Schulkultur (den in der Schule vermittelten Inhalten) ab.
- b.2 Ökologische und pädagogische Ansätze: Weitere Forschungen verbinden die ökologische Umwelt sowie die alltägliche pädagogische Praxis mit den akademischen Leistungen. Faktoren wie familiäres Umfeld, Nachbarschaft, Ressourcenverfügbarkeit und die Qualität der Schulpraxis werden als zentral für Lernerfolg oder -misserfolg angesehen.
- b.3 Die Theorie des sprachlichen Codes (Basil Bernstein): Der britische Soziolinguist Basil Bernstein entwickelte die Theorie der sprachlichen Codes und deren Bedeutung für schulische Leistungen. Er unterscheidet zwischen eingeschränkten Codes, die bei vielen Schülern aus Arbeiterfamilien verbreitet sind und durch einen weniger elaborierten Sprachgebrauch gekennzeichnet sind, und elaborierten Codes, die eher bei Schülern der Mittelschicht vorkommen und durch einen reicheren, abstrahierteren Sprachgebrauch gekennzeichnet sind. Bernstein argumentiert, dass der Gebrauch eines elaborierten Codes den Zugang zur schulischen Sprache erleichtert und somit den Schulerfolg begünstigt, während eingeschränkte Codes zu Nachteilen führen können.
Psychoedukatives Modell (schulbezogen)
Das psychoedukative Modell konzentriert sich auf die schulischen Bedingungen selbst: Unterrichtsmethoden, curricularer Aufbau, Lehrerkompetenzen, Klassengröße, Diagnose- und Fördermaßnahmen sowie das schulische Klima. Hier steht die Frage im Vordergrund, was und wie in der Schule vermittelt wird und inwieweit die Schule individuelle Lernprozesse unterstützen kann.
Zusammenfassung
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Schulversagen ein multifaktorielles Phänomen ist: Individuelle, soziale und institutionelle Faktoren interagieren. Die verschiedenen Erklärungsmodelle (psychologisch, soziologisch, psychoedukativ) bieten komplementäre Perspektiven, um Ursachen zu analysieren und gezielte Maßnahmen zur Prävention und Intervention zu entwickeln.
Quellenhinweis: Diskussionen über Schulversagen finden sich in pädagogischer, soziologischer und sprachwissenschaftlicher Literatur, u. a. bei Pierre Bourdieu, Jean-Claude Passeron und Basil Bernstein.