Soziologie als Wissenschaft: Merkmale und Objektivitätsdebatte

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Soziologie als Wissenschaft: Die vier Hauptmerkmale

Wie alle wissenschaftlichen Erkenntnisse ist die Soziologie durch vier Hauptmerkmale gekennzeichnet:

1. Systematisches Wissen

  • Es handelt sich um ein systematisches Wissen, d. h. ein logisches System abstrakter und zueinander in Beziehung stehender Sätze.
  • Dies setzt voraus, dass eine Ordnung in der Gesellschaft existiert, die entdeckt, beschrieben und von Menschen verstanden werden kann.
  • Diese Annahme teilt die Soziologie mit anderen Wissenschaften.
  • Das besondere Interesse des soziologischen Wissens liegt in der Erklärung von Ordnung und Unordnung, da diese auf typisierbare Gesetzmäßigkeiten und somit auf Gesetze zurückgeführt werden können – das Ziel des Wissenschaftlers.

2. Kumulatives Wissen

  • Es ist ein kumulativer Wissensbestand, der ständig nach empirischer Verallgemeinerung strebt, mit dem ehrgeizigen, aber noch fernen Ziel einer allgemeinen soziologischen Theorie.
  • Dieser kumulative Charakter der Wissenschaft ist unvermeidlich.
  • Er erklärt die anerkannten Mängel in der Soziologie, wie Bedenken, Widersprüche, Unklarheiten und Rückschritte.
  • Die Soziologie als Wissenschaft hat tatsächlich erst die ersten Schritte unternommen.

3. Werturteilsfreies Wissen (Urteilsfreiheit)

  • Dieses Wissen ist werturteilsfrei, d. h., es verhindert und verbietet moralische Urteile.
  • Einige Autoren verwenden hierfür den Begriff des „amoralischen Ansatzes“ der Wissenschaft.
  • Der Wissenschaftler versucht, eine Reihe von Tatsachen zu bewerten, die für seine Disziplin relevant sind, um ein genaueres und klareres Verständnis der Realität zu erlangen.
  • Das Ziel ist nicht, moralische Begriffe zu definieren.

Die Kontroverse um Werturteile in der Soziologie

Da sich die Soziologie für die kulturellen Werte und Formen der Gesellschaft interessiert, hat die Kontroverse über den wertenden Charakter der wissenschaftlichen Soziologie eine lange Tradition. Es folgt eine kurze Zusammenfassung der Positionen von vier prominenten Soziologen:

Emile Durkheim: Objektivität ist möglich

Durkheim strebte eine Wissenschaft der Soziologie an. Die Soziologie soll und kann gänzlich objektiv sein. Dafür muss der Soziologe drei spezielle Regeln befolgen:

  1. Soziale Tatsachen wie Dinge, als Objekte, behandeln.
  2. Freiheit von allen Arten von Vorurteilen, was eine schwierige Aufgabe ist, da die meisten Vorurteile einen großen emotionalen oder sentimentalen Wert haben.
  3. Methodischen Zweifel an jeder Idee üben, die über einen externen Kanal gewonnen wurde.
Max Weber: Objektivität als methodisches Ideal

Die Objektivität des soziologischen Wissens ist möglich und notwendig, aber die Schwierigkeiten sind sehr groß. Der Soziologe kann jedoch nicht vermeiden, dass bei der Auswahl der Forschungsthemen, der Analyse und der Darstellung die persönlichen Werte des Forschers in irgendeiner Form eine Rolle spielen.

Objektivität ist notwendig und erfordert die bestmögliche Nutzung der gewählten Methode. Die Beschreibung und Erklärung sozialer Phänomene darf nicht durch die Demonstration persönlicher Vorlieben oder Werturteile ersetzt werden.

Karl Mannheim: Objektivität ist unmöglich

Objektivität ist in der Soziologie unmöglich. Jedes Wissen, das ein Wissenschaftler besitzt, wird durch die Werte des Forschers und seine Stellung im sozialen Kontext bestimmt.

Nur Intellektuelle haben eine größere, wenn auch nicht vollständige, Freiheit bei der Suche nach einer allgemeinen Wahrheit.

Georg Lukács: Objektivität durch Klassenbewusstsein

Objektivität kann erreicht werden, wenn wir sie als Ausdruck des Bewusstseins des Proletariats verstehen und darauf beschränken.

Nur der Historische Materialismus kann als soziologisches Wissen allgemeine Gültigkeit beanspruchen.

Soziologisches Denken und zukünftige Ziele

Angesichts der soziologischen Probleme existiert heute vor allem ein soziologisches Denken – eine Methode zur Erklärung sozialer Fragen und Fakten, die eine Disziplin und ein spezifisches Wissen darstellt.

Dieses Denken zielt auf zwei Dinge ab:

  1. Die Entwicklung neuer Forschungstechniken.
  2. Die vielversprechende Suche nach intellektueller Kohärenz.

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