Spaniens Wirtschaft und Gesellschaft im 19. Jahrhundert
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Die Bildung einer Klassengesellschaft und Agrarreformen
Im 19. Jahrhundert durchlief Spanien signifikante Veränderungen in der Landwirtschaft durch vier zentrale Maßnahmen: 1) Die Freiheit des Vertragsanbaus, 2) die Beseitigung der Grundherrschaft, 3) Maßnahmen gegen das Erstgeburtsrecht und 4) die Einziehung (Desamortisation) von Kirchengütern.
Folgen der Landreform
Die Eigentümerstruktur wandelte sich vollständig hin zu einem kapitalistischen System. Die Bewirtschaftung konzentrierte sich jedoch weiterhin auf Immobilien des Adels, bürgerliche Gutsbesitzer und große Pächter. Dies führte zu einer massiven Konzentration des Eigentums in den Händen weniger Akteure.
- Verlust der Macht des Klerus: Die Kirche verlor ihre wirtschaftliche Basis, während der Adel seine soziale und ökonomische Macht weitgehend bewahren konnte.
- Aufstieg der ländlichen Bourgeoisie: Es entstand eine Klasse von abwesenden Landbesitzern.
- Prekarisierung der Kleinbauern: Steigende Mieten und der Verlust von Allmende-Flächen (Gemeindeeigentum) führten zur Verschlechterung der Lage des ländlichen Proletariats.
- Zunahme der Lohnarbeit: Durch Bevölkerungswachstum und den Verlust von Landbesitz stieg die Zahl der Tagelöhner ohne feste Verträge.
Entwicklung der Agrarwirtschaft
Nach einer Depression infolge des Krieges gegen Napoleon und dem Verlust der Kolonien setzte ein Reformprozess ein. Dieser fiel mit einer steigenden Nachfrage und der Bildung eines Binnenmarktes zusammen. Im Landesinneren wurde verstärkt Getreide angebaut, während sich die Peripherie auf Wein, Zitrusfrüchte, Nüsse und Öl spezialisierte.
Die landwirtschaftliche Modernisierung zielte auf Gewinnmaximierung ab. Kulturen wie Kartoffeln, Weinreben und Olivenbäume verbreiteten sich, ebenso wie Mais und Obst. Während die Getreideernte (insbesondere Gerste und Hafer) dominierte, wurde die Viehzucht vernachlässigt; Maultiere ersetzten zunehmend Ochsen als Arbeitstiere.
Der Prozess der Industrialisierung in Spanien
Laut dem Historiker Jordi Nadal besaß Spanien im 19. Jahrhundert gute Voraussetzungen für die Industrialisierung. Ihr Scheitern begründet er jedoch mit dem Fehlen einer Agrarrevolution, die notwendige Arbeitskräfte freigesetzt und die Nachfrage nach Industriegütern angekurbelt hätte. Ein ineffizienter, hochverschuldeter Staat, die Kontrolle der Minen durch ausländisches Kapital sowie Fehlinvestitionen in die Eisenbahn und den Dienstleistungssektor statt in produktive Industrien hemmten den Fortschritt.
Wissenschaftliche Perspektiven auf die Stagnation
Ramón Garrabou argumentiert, dass die Verzögerung nicht allein der Landwirtschaft, sondern dem gesamten Produktionssystem zuzuschreiben sei. González Portilla sieht die Ursache in einem Teufelskreis der Unterentwicklung: Die Landkonzentration verhinderte eine Markterweiterung, und Kapital wurde lieber in Boden und Staatsschulden als in die Industrie investiert.
Zusätzlich bluteten drei Bürgerkriege das Land aus. Der Verlust des Imperiums unter Ferdinand VII. entzog Spanien wichtige Märkte und Ressourcen. Während Resteuropa industrialisierte, verharrte Spanien in Abhängigkeit von reicheren Nationen.
Die Arbeiterbewegung und die Erste Internationale
In diesem Kontext von Bergbau, Textilindustrie und Eisenbahnbau formierte sich die spanische Arbeiterbewegung, die eng mit der Entwicklung der Ersten Internationale in Spanien verknüpft ist.