Spanische Wirtschaft im 19. Jahrhundert: Agrarreform, Industrialisierung, Eisenbahn
Eingeordnet in Geographie
Geschrieben am in
Deutsch mit einer Größe von 7,42 KB
Punkt 13.1. 1. Wirtschaftliche Transformation
Die Volkswirtschaften in einigen europäischen Ländern wandelten sich im neunzehnten Jahrhundert. Mechanisierung und steigender Energieverbrauch änderten die Produktionsformen und konsolidierten das Privateigentum. Spanien erlebte große wirtschaftliche Veränderungen, wurde jedoch nicht vollständig industrialisiert. Der Binnenmarkt für industrielle Erzeugnisse war weitgehend autark. Es lassen sich zwei Phasen unterscheiden: bis etwa 1840 eine stagnierende Wirtschaft und seit etwa 1840 ein langsames Wachstum.
2. Einziehungsverfahren und Wandel in der Landwirtschaft
Im alten System war der Kauf und Verkauf von Grundstücken sehr eingeschränkt; Land war oft unveräußerlich. Es wurde eine Reform der Agrarstruktur gefordert, um Land in die Hände von Eigentümern zu bringen, die frei kaufen, verkaufen, verpachten und wirtschaftlich effizienter nutzen sollten. Drei Maßnahmen von großer Bedeutung wurden ergriffen:
a. Abschaffung des herrschaftlichen Regimes
Das Gesetz vom 26. August 1837 bestimmte die endgültige Abschaffung der señoríos als typisch feudaler Institutionen. Dies bedeutete, dass die meisten Gebiete nicht länger den alten Grundherren unterstehen würden.
b. Entkopplung des Erstgeburtsrechts (Mayorazgo)
Das Erstgeburtsrecht (Mayorazgo) wurde aufgehoben. Die Frage war bereits in den Cortes von Cádiz und während des liberalen Trienniums (1820) aufgetreten, wurde aber nach der Restauration zeitweise wiederhergestellt. 1836 und in den folgenden Jahren wurden schließlich Gesetze erlassen, die das Mayorazgo unterdrückten. Unveräußerliche Eigenschaften wurden zu frei verfügbarem Eigentum der Besitzerfamilien oder Erben.
c. Verkauf kirchlicher und kommunaler Güter
Der Staat bot enteignetes Land zum Verkauf an, sodass einzelne Besitzungen eingelöst und in privates Eigentum überführt werden konnten. 1835 wurden viele religiöse Orden aufgelöst und ihre Güter zu Staatseigentum erklärt. Der Enteignungsprozess war langwierig und entwickelte sich in zwei Hauptphasen:
- Die Konfiszierung Mendizábal (1837) – Diese Maßnahme fiel in eine Phase progressiver Regierung und bestand in der Versteigerung von kirchlichem Land. Ziele waren die Bereinigung der Staatsfinanzen, die Finanzierung des Bürgerkriegs und die Gewinnung liberaler Käufer als Unterstützer der Regierung.
- Die allgemeine Enteignung Madoz (1855) – Diese Maßnahme erfolgte unter einer späteren progressiven Regierung und betraf die noch nicht verkauften Kirchenbesitze sowie das Gemeindeland. Ziele waren die Rückzahlung der Staatsverschuldung und die Modernisierung der Wirtschaft.
Konsequenzen
- Soziales: Die größten Nutznießer waren die wohlhabenden sozialen Schichten. Der Klerus verlor zwar Besitz, wurde aber zum Teil durch den Staat kompensiert; der Adel blieb oft wirtschaftlich gestärkt und blieb Grundbesitzer. Gemeinden verloren häufig gemeindeeigenes Land, und am stärksten betroffen waren die bäuerlichen Schichten.
- Wirtschaftlich: Zunahme des Großgrundbesitzes und Umstrukturierungen in der landwirtschaftlichen Produktion.
3. XIX. Jahrhundert: Landwirtschaftliche Expansion
Die Getreideproduktion stieg an. Es entwickelte sich in Spanien eine Exportlandwirtschaft, vor allem für Qualitäts- und Tafelweine, Öl, Zitronen und Rindfleisch. Die angebauten Flächen für Getreide, Weinberge, Olivenhaine und mediterrane Kulturpflanzen konnten vergrößert werden, Brachland und Ödland wurden reduziert. Auch eine Transformation der Viehwirtschaft fand statt.
Gegen Ende des Jahrhunderts kam es zu einer tiefen Agrarkrise: der Rückgang der Exporte, steigende Arbeitslosigkeit sowie sinkende Produktion und Konsum führten zu einer Protektionismuswelle und hohen Zöllen. Diese Krise betraf insbesondere die mediterrane Landwirtschaft und die Viehzucht.
4. Besonderheiten Spaniens bei der Industriellen Revolution
Die Gründe, warum Spanien im neunzehnten Jahrhundert keinen vollständigen Industrialisierungsprozess entwickelte, waren vielfältig:
- a. Die geographische Lage Spaniens führte zu höheren Transportkosten in die restlichen europäischen Länder.
- b. Rückständige Landwirtschaft und geringe Kaufkraft der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung.
- c. Kapitalprobleme und die Rolle des Finanzministeriums bei der Kapitalaufnahme.
- d. Ungünstige Verteilung von Energiequellen und wichtigen Rohstoffen für die industrielle Entwicklung.
- e. Politische Destabilisierung und häufige Konflikte.
5. Modernisierung der Infrastruktur: Auswirkungen der Eisenbahn
Die Industrialisierung konzentrierte sich vor allem auf zwei Regionen (Baskenland und Katalonien) und drei Sektoren: Textil, Stahl und Bergbau.
- Textilindustrie – Die katalanische Baumwollproduktion wuchs stark; zwischen 1830 und 1840 verdreifachte sie sich. Im folgenden Jahrzehnt begann die Nutzung von Dampfmaschinen.
- Eisen- und Stahlindustrie – Diese Industrie durchlief drei Phasen: 1) Andalusische Vorherrschaft (etwa 1830–1861), in der die ersten Hochöfen betrieben wurden; 2) Asturische Vorherrschaft (1861–1879), begünstigt durch regionale Brennstoffvorkommen und günstigere Energieversorgung; 3) Baskische Vorherrschaft (etwa 1880–1890), gestützt durch englischen Koks, Kohle und die Ausfuhr hochwertigen Eisens. Dies förderte den Ausbau der Schifffahrt und später den Eisenbahnbau.
- Bergbau – Spanien verfügte über wichtige Vorkommen an Eisen, Blei, Quecksilber und Kupfer. 1868 verkaufte der Staat viele Minen an Privatpersonen, oft im Austausch gegen Leibrenten.
Die Bahn
Die Eisenbahn beschleunigte das Tempo des wirtschaftlichen Fortschritts im neunzehnten Jahrhundert und hatte dynamische Auswirkungen auf Produktion und Marktvereinigung. Anlage- und Betriebskonzessionen wurden häufig durch ausländisches Kapital und Unternehmen realisiert; die lokale Bourgeoisie investierte ebenfalls in die Verkehrswege. Erste Projekte entstanden im Süden zwischen 1829 und 1833. 1844 wurde die Verlegung und Regulierung des Eisenbahnnetzes beschlossen.
- Erste Phase: Bau erster Strecken, etwa Mataró–Barcelona (1848) und die Verbindung Madrid–Aranjuez (1851).
- Zweite Phase: Nationale Pläne und Gesetzgebung. Das Railway Act von 1855 erlaubte ein starkes Wachstum des Eisenbahnnetzes. Das Netz wurde radial mit Madrid als Zentrum angelegt. Die Installation der Eisenbahn revolutionierte den Gütertransport und die Integration lokaler Märkte.
Auswirkungen auf die Wirtschaft
Die Eisenbahn konsolidierte ein radial zentriertes Netz mit Madrid im Mittelpunkt. Die festgelegte Spurweite war breiter als bei den meisten europäischen Linien, was den Austausch mit dem übrigen Europa erschwerte. Der Bau der Eisenbahn war eine Transportrevolution für Waren und förderte die Spezialisierung lokaler Märkte.
Das Gesetz ermöglichte den Bauunternehmen die zollfreie Einfuhr aller notwendigen Materialien für den Bahnbau. Diese Zollfreiheit war zugleich eine verpasste Chance, die einheimische Industrie (etwa Stahl- und Maschinenbau) nachhaltig zu fördern, da der Import vieler Bauteile die Entwicklung der nationalen Industrie abschwächte.