Spanischer Realismus: Merkmale, Vertreter und Galdós' Werk
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Realismus: Definition und Grundlagen
Der Realismus ist eine künstlerische Strömung, die darauf abzielt, die Wirklichkeit mit dem höchsten Grad an Wahrscheinlichkeit darzustellen. Er ist eine detailgetreue Reproduktion der Realität und zieht sein Interesse aus dem Positivismus und der experimentellen Wissenschaft, basierend auf Beobachtung und Dokumentation.
Ursprung und Evolution des Realismus
Der Realismus entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (XIX. Jahrhundert). Er begann mit Autoren wie Balzac und Flaubert in einer städtischen und industriellen Gesellschaft, die vom aufstrebenden Bürgertum geprägt war. Seine Blütezeit erlebte er in den 1880er Jahren und beeinflusste romantische Genres wie den historischen Roman, Sittenromane und Artikel.
Realismus und Naturalismus
Der Naturalismus, begründet durch Émile Zola in seinem Konzept des experimentellen Romans, schlug die Anwendung der wissenschaftlichen Methode vor, um den Menschen zu beschreiben und zu analysieren. Im Naturalismus wird der Mensch als determiniert durch seine Umwelt, sein historisches Erbe und seine biologische Veranlagung betrachtet.
Im Gegensatz dazu betonte der Realismus in Spanien:
- Die Behauptung des freien Willens und des Humors.
- Detaillierte und dokumentierte Beschreibungen.
- Geringfügige Eingriffe des Erzählers.
- Den Einfluss der Umgebung (physiologische, bildungsbezogene und familiäre Faktoren).
Merkmale des realistischen Romans
Die Autoren nutzten Beobachtung und Dokumentation, um die Realität widerzuspiegeln. Charakteristisch sind:
- Funktionale und erklärende Beschreibungen: Sie dienen der Veranschaulichung.
- Stilistische Einfachheit: Die Sprache wird dem Wesen der dargestellten Charaktere angepasst.
- Detaillierte Angaben: Geografische, soziale und lokale Daten werden häufig verwendet, um die erzählte Welt glaubhaft zu machen.
- Charakterisierung: Die Umgebung wird zur Kennzeichnung der Charaktere genutzt.
Themen und Charaktere im Realismus
Zentrale Themen sind:
- Der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft (oft der Gegensatz zwischen Natur und gesellschaftlichen Zwängen). Das Individuum sieht sich oft der Kollektivität gegenüber und wird besiegt.
- Die Verbindung zwischen Geschichte und Privatleben.
- Die Etablierung von Parallelen zwischen städtischen und ländlichen Schauplätzen.
Die Erzählzeit respektiert in der Regel eine chronologische Abfolge. Die Darstellung der Materie erfolgt oft durch Kontraste, die Situationen, Charaktere und Weltanschauungen gegenüberstellen. Die Charaktere repräsentieren typischerweise eine soziale Gruppe oder kämpfen als Rebellen gegen diese.
Wichtige Vertreter des spanischen Realismus
José María de Pereda
Pereda pflegte einen regionalistischen Realismus, der den Unterschied zwischen den Sitten der Herkunft und der modernen Welt thematisierte. Seine Werke umfassen detaillierte Landschaftsbeschreibungen, insbesondere der Region Santander und lokaler Typen (z. B. Bergkulissen, Sitten und Landschaften).
Sein Realismus war von einer ideologischen Haltung geprägt, die ihn dazu führte, traditionelle Werte als idyllisch darzustellen. Bekannte Werke sind: Sotileza, Peñas arriba (Felsen oberhalb) und El sabor de la tierruca (Wie der Vater, so der Sohn).
Juan Valera
Valera identifizierte sich mit der Poesie und sah sein Ziel in der Schaffung von Schönheit und der Freude des Lesers. Das zentrale Thema ist die Liebe, oft in Bezug auf das Motiv des alten Mannes und des jungen Mädchens.
Seine bekanntesten Romane sind Pepita Jiménez und Doña Luz (Juanita). In Pepita Jiménez verliebt sich Luis de Vargas in Pepita, die zuvor mit seinem Vater verlobt war. Nach einer Phase der Verwirrung wird die Hochzeit gefeiert, wobei die Probleme zwischen ihnen minimal sind.
Das Werk von Benito Pérez Galdós
Episodios Nacionales (Nationale Episoden)
Die Episodios Nacionales bestehen aus 46 Erzählungen, die in fünf Serien zu je zehn Episoden unterteilt sind. Es handelt sich um kurze Geschichten über die Ereignisse in Spanien im 19. Jahrhundert, die als Chroniken der unmittelbaren Vergangenheit dienen. Die Titel beziehen sich auf historische Ereignisse (z. B. Trafalgar, Die Schlacht von Arapiles). Innerhalb dieser historischen Rahmen werden Episoden des täglichen Lebens erzählt, deren Schicksale den erzählerischen Stoff bilden.
Frühe Romane (Novelas de la primera época)
Zu den frühen Romanen gehören La Fontana de Oro (Die Quelle des Goldes), El Audaz (Der Kühne) und Doña Perfecta (Frau Perfekt). Galdós schreibt hier Romane, die ideologische Konflikte und antiklerikale religiöse Themen behandeln. Die Charaktere und Handlungen sind den Ideen des Autors untergeordnet und dienen dazu, diese zu veranschaulichen.
Ideale wie Freiheit, Toleranz und Fortschritt stehen dem Konservatismus, der religiösen Intoleranz und christlichen Werten gegenüber, die menschliches Verhalten leugnen. Der allwissende Erzähler kommentiert die Meinungen der Charaktere. Doña Perfecta thematisiert Intoleranz und Heuchelei, konfrontiert Weltanschauungen und endet tragisch.
Zeitgenössische Romane (Novelas contemporáneas)
Diese Phase beginnt mit Werken wie La Desheredada (Die Enterbte) und Miau. Eines der Meisterwerke ist Fortunata y Jacinta. Galdós erfindet eine fiktive Welt, die die Realität der Zeit widerspiegelt, wobei Madrid eine zentrale Rolle spielt.
Die Charaktererschaffung wird komplexer und natürlicher. Galdós entwickelt verschiedene Techniken:
- Vorherrschaft des allwissenden Erzählers.
- Dialog, innerer Monolog und indirekte Rede.
- Theater-Modus.
Er nutzt zudem Humor, Ironie und Parodie.
Spirituelle Romane (Novelas espirituales)
Zu diesen Werken gehören Nazarín, Halma und Misericordia (Barmherzigkeit). Die vorherrschenden Werte sind die evangelische Liebe und die christliche Nächstenliebe.
Diese Romane spiegeln die ideologische Enttäuschung des Autors über das Scheitern des Bürgertums, die neuen gesellschaftlichen Bedingungen und die Krise des Realismus wider. Galdós nähert sich in dieser späten Phase russischen Schriftstellern an und entwickelt einen neuen ethischen Idealismus.
Es treten Konflikte auf, die bescheidene Charaktere mit hohen moralischen Werten und einem starken Pflichtgefühl entwickeln. Der bevorzugte Schauplatz sind die Elendsviertel der Zeit.
Analyse: Fortunata y Jacinta (Galdós)
Die Protagonisten sind Fortunata, Jacinta und Maximiliano Rubín. Die Handlung dreht sich um Juanito Santa Cruz, der Fortunata verführt, obwohl er mit Jacinta verheiratet ist. Fortunata wird verlassen, heiratet später Maximiliano, verlässt ihn aber wieder für Juanito und nimmt einen anderen Beschützer an. Am Ende übergibt Fortunata ihren Sohn an Jacinta und stirbt.
Die Struktur der Dreiecks-Liebesgeschichte dient dazu, den Konflikt zwischen Liebe/Natur und Gesellschaft auszudrücken. Die beiden Frauen verkörpern unterschiedliche Realitäten:
- Fortunata: Gekennzeichnet durch Authentizität, Stolz und Leidenschaft. Sie repräsentiert die natürliche, ungebändigte Liebe.
- Jacinta: Das Symbol der Gesellschaft, die die Gesetze und Konventionen respektiert.
Der Roman spielt in Madrid zwischen Dezember 1869 und 1876 und integriert historische Ereignisse wie den Karlistenkrieg und den Optimismus der Ersten Republik. Die Erzählzeit ist linear.
Der Erzähler präsentiert sich zunächst als Zeuge und kommentiert ironisch. Im Verlauf des Romans reduziert er seine Interventionen schrittweise und entwickelt sich zum allwissenden Erzähler.