St. Thomas von Aquin: Historischer und philosophischer Kontext
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Im Mittelalter existierte das Römische Reich in drei verschiedenen soziokulturellen und politischen Ausprägungen: Byzanz, die westlichen christlichen Königreiche und die islamisierten Länder.
Im Jahr 711 drangen Muslime über die Iberische Halbinsel nach Europa ein, wurden jedoch in den Pyrenäen gestoppt (Schlacht von Poitiers, 732). Die christlichen Königreiche begannen ab dem 11. Jahrhundert, sich gegen die Muslime zu organisieren, was im 13. Jahrhundert zu den Kreuzzügen zur Rückeroberung der Heiligen Stätten führte.
Byzanz, durch den Islam bedrängt, rebellierte gegen die Bischöfe von Rom. Nach einem ersten Versuch im 9. Jahrhundert kam es im 11. Jahrhundert unter Kerullarios zum Schisma. Die Spannung zwischen dem christlichen Osten und Westen eskalierte mit der Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer im Jahr 1204.
Das westliche Christentum und die Machtverhältnisse
Im Westen entwickelte sich das Christentum als eine Gemeinschaft mit einer Religion (Kirche) und zwei Autoritäten: dem Kaiser (weltlich) und dem Papst (geistlich). Dies manifestierte sich im Römischen Reich und dem christlichen Kaisertum: Im Jahr 800 krönte der Papst Karl den Großen zum Kaiser, und im 10. Jahrhundert geschah dies erneut mit Otto I., dem König von Deutschland.
Die Beziehung zwischen diesen Mächten war nicht friedlich. Streitigkeiten über die Ernennung kirchlicher Ämter und Unklarheiten im Papsttum lösten Konflikte aus, die zu Bewegungen gegen Rom führten, wie dem Konziliarismus (14. Jahrhundert) und der protestantischen Reformation (16. Jahrhundert).
Das 13. Jahrhundert: Wandel und Aufbruch
Der Feudalismus wandelte sich. Die Entwicklung der Städte und das Aufkommen des Bürgertums führten zu einer neuen gesellschaftlichen Klasse. Es entstanden große Kathedralen und Universitäten. Die Werte der natürlichen Welt gewannen an Bedeutung: St. Franziskus von Assisi betonte im Sonnengesang die Schöpfung, während der Naturalismus und Symbolismus der Gotik die Romanik ersetzten.
Zudem stiegen die Bettelorden auf, die das Evangelium der Armut predigten, im Gegensatz zu einer als zu reich empfundenen Kirche.
Kultur, Wissenschaft und Kontrolle
Es entstand eine Welt, in der weltliche Realitäten (Wissenschaft, Kunst, Philosophie, Politik) positiv bewertet, jedoch der Gnade untergeordnet wurden. Die Kirche prägte die Kultur, förderte die Wissenschaft und gründete Universitäten. Gleichzeitig wurden kulturelle Schöpfungen durch die Inquisition (1232) ideologisch kontrolliert.
Philosophische Debatten: Aristotelismus vs. Augustinus
In der Philosophie dominierte der Streit um den Aristotelismus. Während in früheren Jahrhunderten Denker wie St. Augustinus, Eriugena oder Anselm von Canterbury den Platonismus christianisierten, wurde nun Aristoteles durch arabische Vermittlung (insbesondere Averroes) wiederentdeckt. Dies führte zu einer Debatte zwischen aristotelischem und augustinischem Denken. Der radikale Averroismus wurde als ketzerisch eingestuft, während sich ein moderater Aristotelismus (vertreten durch St. Albertus Magnus, St. Bonaventura und St. Thomas von Aquin) durchsetzte.
Der lateinische Averroismus (13. Jahrhundert)
Der moderate Averroismus vertrat drei zentrale Thesen:
- Ewigkeit der Welt: Die Welt hat immer existiert, was der Idee der Schöpfung durch Gott widerspricht.
- Sterblichkeit der Seele: Die individuelle Seele ist vergänglich. Nur der Intellekt ist unsterblich, jedoch als ein einzigartiges und universelles Prinzip für die gesamte Menschheit.
- Theorie der doppelten Wahrheit: Eine Trennung zwischen theologischer Wahrheit (Glaube) und philosophischer Wahrheit (Vernunft).
Averroes versuchte damit, die Autonomie der Vernunft gegenüber dem Glauben zu verteidigen. St. Thomas von Aquin hingegen lehnte diese Trennung von Vernunft und Glaube ab.