Textanalyse: Angemessenheit, Kohäsion und Márquez' Fatum

Eingeordnet in Sprache und Philologie

Geschrieben am in Deutsch mit einer Größe von 6,12 KB

Analyse der pragmatischen Angemessenheit (Fitness)

Die Angemessenheit eines Textes bestimmt sich durch folgende Faktoren:

1. Kontext und Kanal

Hierzu zählen der breitere Kontext (Land, Region, Zeit) sowie der soziale Bereich (akademisch, publizistisch, Arbeit, Familie). Zudem spielt der Kanal (Buch, Zeitung, Zeitschrift) eine entscheidende Rolle.

2. Der Emittent (Sender)

Die Identität des Emittenten kann einzeln oder kollektiv sein (kulturelle Identität, Gruppenidentität). Dabei ist die Rolle des Emittenten (Fachmann, Bürger, Steuerzahler) sowie das Bild des idealen Emittenten zu berücksichtigen.

3. Grammatische Präsenz des Emittenten

Dies umfasst die Verwendung des Plurals, der 1. Person Singular oder Plural sowie der 3. Person als Selbstreferenz (z. B. „der Sprecher“).

4. Beziehung zwischen Emittent und Empfänger

Die soziale Distanz, Vertrauen, Freundschaft oder Respekt prägen die Textgestaltung.

5. Modalisierung und Ausdrucksmittel

Hierzu gehören:

  • Satztypen: Ausrufe, Fragesätze, verbale Umschreibungen.
  • Sicherheit und Bewertung: Ausdrücke der Wahrscheinlichkeit, evaluative lexikalische Einheiten (z. B. „Held“), Adjektive und Verben (z. B. „Mord“).
  • Gefühlsausdrücke: Verben wie „bedauern“ oder „fühlen“.
  • Adverbien und Ergänzungen: „zum Glück“, quantitative Ausdrücke („viele“, „einige“).
  • Rhetorische Mittel: Ironie, Übersteigerungen (Hyperbeln) und Metaphern.

6. Textpolyphonie und Intertextualität

Textpolyphonie beschreibt das Vorhandensein mehrerer Stimmen im Text, während Intertextualität den Bezug auf andere Texte innerhalb des Werkes bezeichnet.

7. Der Rezeptor (Empfänger)

Die Identität (Geschlecht, soziale Klasse), der spezifische oder universelle Charakter (Publikum, Zuhörer) sowie die soziale Rolle sind entscheidend. Wichtig sind zudem die Anredeformeln (Du/Sie) und der Grad der Mitschuld oder Verbundenheit mit dem Emittenten.

8. Code und Wissen

Sprachvarianten (geografisch, sozial) und nonverbale Codes (ikonisch, typografisch, Farben) bilden die Basis. Hinzu kommen das enzyklopädische Wissen sowie Schlüsse (Voraussetzungen und Implikaturen), die der Empfänger zieht.

9. Pragmatischer Wert

Bestimmte Aussagen, Links oder Ausdrücke (z. B. „bis zu“, „aber“) besitzen einen spezifischen pragmatischen Wert.

Textzusammenhalt und Kohäsion

Der Zusammenhalt eines Textes wird durch Verfahren gefördert, die die Aufrechterhaltung des Themas und die Beziehungen zwischen Sätzen und Absätzen sichern.

1. Verfahren zur Aufrechterhaltung des Themas

  • Lexikalische Verfahren: Wiederholung, Synonyme, Antonyme, Derivate, Neuformulierung von Sätzen, Wörter aus demselben semantischen Feld sowie die Ellipse des Subjekts.
  • Grammatische Prozesse: Anaphern (Pronomen, Adverbien, Adjektive, Determinanten wie „dort“, „Ihre“, „Sie“), Kataphern, Passivkonstruktionen, Nominalisierung und Deixis (Zeit, Ort, Person, sozial) sowie die Korrelation der Tempora.

2. Anschlüsse und Konnektoren

Konnektoren dienen der logischen Verknüpfung:

  • Additiv: zusätzlich zu.
  • Erweiterung: darüber hinaus.
  • Abschluss: sogar, bis zu.
  • Vergleich: ebenfalls, ähnlich.
  • Opposition: aber, jedoch.
  • Konzessiv: trotzdem, auch so.
  • Einschränkung: zumindest.
  • Ausschluss: im Gegenteil.
  • Kausalität: Ursache (warum), Ergebnis (daher), Bedingung (falls), Zweck (damit).

Zusätzlich wirken textuelle Organisatoren strukturierend auf den Inhalt.

Das Schicksal in Márquez' 'Chronik eines angekündigten Todes'

Ein zentrales Thema in Chronik eines angekündigten Todes ist das tragische Schicksal, das „Fatum“. Santiago Nasar ist die zentrale Figur, deren Leben von einer unglaublichen Anhäufung von Fehlern, Unfällen und ungewöhnlichen Umständen abhängt.

Elemente der klassischen Tragödie

In der „Chronik“ finden sich klassische Motive:

  • Existenz einer Verletzung, die bestraft werden muss.
  • Unschuld des Opfers.
  • Gewalt und barbarisches Gemetzel.
  • Das Bestehen eines Chores (die Gemeinschaft).

Es entsteht eine tragische Verkettung von Umständen. Hätte nur ein einziges Element gefehlt, wäre die Tragödie verhindert worden.

Manifestationen des Schicksals

  • Plácida Linero schließt die Tür ihres Hauses vor ihrem Sohn, da sie glaubt, er sei bereits im Haus.
  • Cristo Bedoya kann Nasar nicht finden, um ihn zu warnen, da er den Weg verliert.
  • Niemand warnt ihn: Manche glauben, er wisse es bereits, andere hassen ihn.
  • Plácida Linero übersieht den Zettel, den jemand unter der Tür hinterlassen hat.
  • Lázaro Aponte, der Bürgermeister, hält den Pfarrer nicht auf, da dieser im sozialen Club aufgehalten wird.

Hyperbolische Realität und Vorzeichen

Die Charaktere fragen sich jahrelang, wie dies geschehen konnte. Der Richter im Werk kämpft gegen die „unglücklichen Zufälle“ an und sucht nach einer vernünftigen Erklärung. Die Realität wird hyperbolisch behandelt: Eine übermäßige, aber gerade noch mögliche Anhäufung von Zufällen bestimmt das Geschehen.

Dies erinnert an Werke wie Don Álvaro o la fuerza del sino vom Herzog von Rivas. Ergänzt wird das Konzept des Schicksals durch Vorzeichen, Ahnungen und Aberglauben, die fast alle Figuren betreffen, insbesondere jedoch die Mutter von Santiago Nasar.

Verwandte Einträge: