Die thomistische Anthropologie: Mensch und Schöpfung
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IV. Konzeption des Menschen
1. Die Struktur der geschaffenen Realität
Die Kontingenz allen endlichen Seins und die radikale Armut aller endlichen Wesen erfordern ein Wesen, das die Grundlage für alle Realität ist: Gott. Alle Kreaturen besitzen eine metaphysische Zusammensetzung von Wesen und Existenz im Gegensatz zu dem einzigen notwendigen und unendlichen Gott, der die Ursache ihrer Existenz ist. Thomas von Aquin bietet uns eine Vision der Wirklichkeit, die hierarchisch geordnet ist.
In Bezug auf die Kreaturen verwendet er aristotelische Begriffe:
- Akt und Potenz
- Substanz und Akzidenz
- Materie und Form
- Die Unterscheidung von Essenz und Existenz
Die Hierarchie des Seienden ergibt sich aus dem Grad der Einfachheit und der größeren Nähe zur reinen Existenz Gottes. An der Spitze der Schöpfung stehen die Engel (bestehend aus Wesen und Existenz), gefolgt vom Menschen (mit einer Seele als wesentliche Form, die mit einem Körper verbunden ist). Die Substanzen der körperlichen Welt bestehen aus Materie und Form. Beim Menschen ist die „Form“ seine Seele, die unabhängig vom Körper existieren kann, während fühlende Wesen (Tiere) oder rein vegetative Wesen (Pflanzen) an vergängliche und von der Materie abhängige Formen gebunden sind. Die Formen des Seienden und die inerten Formen der Elemente sind die unvollkommensten.
2. Der Mensch als Ebenbild Gottes
Der Mensch besteht aus Körper und Geist-Seele. Der Körper ist mit der sinnlichen Welt verbunden, die Seele mit der geistigen Welt. Er ist das vollkommenste Wesen in der Ordnung der sinnlichen Dinge und das am wenigsten vollkommene in der Ordnung der geistigen Substanzen. Thomas definiert die Seele als Prinzip des Lebens und als Form eines Körpers, der potenziell lebt. Sie ist das, was das Lebendige vom Unbelebten unterscheidet.
Die menschliche Seele gliedert sich in drei Fakultäten, durch die sie ihre lebenswichtigen Operationen ausführt:
- Den Intellekt (theoretisch und praktisch)
- Den Willen und das rationale Streben
- Die Sinneskräfte und die sinnliche Begierde
Thomas verteidigt einen anthropologischen Dualismus, doch seine Position ist moderater als die Platons: Er versteht unter dem Wort „Mensch“ die Einheit von Körper und Seele, nicht nur die Seele allein, wie es bei Platon der Fall ist.
3. Die Hinordnung des Menschen auf Gott
Der Mensch ist durch die göttliche Gnade in die übernatürliche Ordnung erhoben, wodurch er einen Zustand der Vollkommenheit erreicht, den er aus eigener Kraft nicht erlangen könnte. Alle Bereiche menschlicher Tätigkeit sind auf Gott bezogen:
a) Gott als letztes Ziel des Wissens
Die geistige Berufung des Menschen zu Gott zeigt sich darin, dass die Theologie die höchste Wissenschaft und die höchste Vollkommenheit unserer Intelligenz darstellt. Da Gott die höchste Wahrheit ist, ist alles Wissen mit ihm verbunden. Er ist der Schöpfer, Erhalter und derjenige, der allem Realen seine Verständlichkeit verleiht. Wir erkennen Gott in allem, was wir wissen, denn die Welt ist eine „natürliche Offenbarung“ Gottes. Das ultimative Ziel des Menschen ist die Vision Gottes im Leben nach dem Tod, eine rein intellektuelle Erkenntnis seiner selbst.