Wassily Kandinsky: Komposition IV (1911) – Analyse der Abstrakten Kunst

Eingeordnet in Musik

Geschrieben am in Deutsch mit einer Größe von 6,34 KB

Wassily Kandinsky: Komposition IV (1911) – Werkdetails

Autor: Wassily Kandinsky (1866–1944)
Titel: Komposition IV (oder Battle)
Entstehungsjahr: 1911
Standort: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Stil: Abstrakte Kunst
Maße: 1,59 m x 2,5 m
Träger: Leinwand
Technik: Öl

Wassily Kandinsky (Moskau, 1866 – Neuilly-sur-Seine, 1944) gilt als einer der Pioniere der abstrakten Malerei. Sein Werk ist reich an künstlerischer Aussagekraft und markiert einen Wendepunkt hin zur reinen Abstraktion.

Kandinskys künstlerischer Werdegang

Kandinsky studierte zunächst Rechtswissenschaften in Moskau. Im Jahr 1896 wechselte er nach München, um Kunst zu studieren. Dort gründete er eine avantgardistische Schule und eine Künstlergruppe. Die Werke seiner frühen Jahre, wie „Tuba“, wichen zunehmend expressiven Farbflächen und dynamischen Strömungen. Seine Malerei verband Einflüsse der russischen Tradition mit deutschen Medien.

Zwischen 1903 und 1907 reiste er durch Europa und Nordafrika. Er malte Landschaften, Stadtszenen und Bilder, die von russischer Folklore inspiriert waren. Im Jahr 1907 begann eine tiefgreifende stilistische Veränderung, die ihn mit Mitgliedern der expressionistischen Gruppe Die Brücke in Verbindung brachte.

Im Jahr 1911 veröffentlichte er sein theoretisches Hauptwerk „Über das Geistige in der Kunst“, in dem er seine Theorien zur Kunst darlegte. 1912 folgte seine erste Einzelausstellung in Berlin. Seine Werke dieser Zeit sind oft von apokalyptischen Themen und volkstümlichen religiösen Bildern in deutscher und russischer Sprache geprägt.

Historischer Kontext der Entstehungszeit

Reicher historischer Kontext: Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg waren eine Zeit angespannter Ruhe in Europa, geprägt von kolonialen Konflikten und spektakulärem technologischem Fortschritt (Strom, Antibiotika, Radio, Telegrafie). Gleichzeitig herrschte ein tiefes Krisenbewusstsein und der Wunsch nach einem Wandel, der aus dem Zusammenbruch alter Strukturen entstehen sollte.

Aus wissenschaftlicher Sicht veränderte sich das Weltbild nachhaltig: Das seit der Renaissance etablierte, stabile Universum nach Newton verschwand. Einsteins Relativitätstheorie (1905) und die Quantentheorie (um 1912) zeigten Raum, Zeit und Materie als veränderliche Größen. Materie war nicht mehr als feste Größe zu verstehen, sondern als ein System von Kräften und Beziehungen.

Analyse von „Komposition IV“

Beschreibung des Werkes

Komposition IV Beschreibung: Das Werk zeigt farbige und nicht-gegenständliche Elemente, die sich in einer Art Entwirrung von Formen und Farben manifestieren. Eine heftige Bewegung dominiert die linke Bildhälfte, während rechts eine ruhigere Form mit sanfteren Farbübergängen zu erkennen ist. In der Mitte kreuzen zwei dicke, schwarze vertikale Linien das Bild.

Formale Analyse

Die Farbe dominiert das Bild absolut. Die Komposition ist bunt und kontrastreich, wobei Blau im Zentrum stark betont wird, umgeben von Gelb, Grün und Rottönen. Kandinsky nutzt gezielte Farbkontraste, um beim Betrachter Gefühle von Balance und Dissonanz zu erzeugen.

  • Linienführung: Starke, selbstbewusste Striche trennen die abstrakten Formen. Vorherrschend sind gerade, vertikale und diagonale Linien, ergänzt durch Kurven.
  • Dynamik: Die Formen und Farben scheinen in einem Tanz organisiert zu sein, der ein Gefühl von dynamischem Klang erzeugt. Die Komposition wirkt wie eine musikalische Symphonie aus Farben und Formen.
  • Struktur: Die Formen sind in einem Meer von Farben organisiert, wobei die Konturen fließend sind. Es gibt keine Schwerkraft; alles scheint im Raum zu schweben.

Zusammensetzung und Struktur

Die Komposition gliedert sich klar in zwei Teile:

  1. Rechte Seite: Heftige Bewegung, ausgedrückt durch scharfe Linien und Farbübergänge.
  2. Linke Seite: Ruhe, vermittelt durch weichere Formen und harmonische Farbübergänge.
  3. Mitte: Zwei dicke, schwarze vertikale Linien, die die Komposition von oben nach unten durchkreuzen.

Jede Farbe und jeder Strich entspricht einer musikalischen Note oder einem Ton. Die Malerei soll nicht die Realität nachahmen, sondern die Symbolik der Farben nutzen (z. B. Gelb als auffällig, Blau als intensiv).

Interpretation und Kandinskys Methode

Interpretation: „Komposition IV“ zeigt eine Loslösung von der sichtbaren Wirklichkeit. Das Werk drückt einen emotionalen Zustand aus, wobei jede Farbe einem Gefühl oder einem musikalischen Ton entspricht. Kandinsky vereinte Musik und Malerei, um eine reine Emotion auszudrücken, ähnlich der immateriellen Form der Musik.

In dieser Schaffensperiode behält das Werk noch Echos früherer Themen wie Legenden, Reiter, Berge, Schlachten und Religionen bei, unterscheidet sich aber von späteren, geometrischeren Werken.

Kandinskys Werkzyklen

Ab 1909 unterschied Kandinsky drei Hauptkategorien von Gemälden:

  1. Impressionen: Direkter Eindruck aus der Natur.
  2. Improvisationen: Spontaner Ausdruck aus dem Unbewussten des Künstlers.
  3. Kompositionen: Ergebnis einer langsamen Entwicklung aus Impressionen und Improvisationen.

Kandinsky stellte musikalische Beziehungen her: Blau entsprach der Flöte oder dem dunklen Cello, Gelb dem Akut, Tiefblau dem Rückzug. Die ideale Kombination fand er im Grün.

Spätere Jahre

Nach der Revolution von 1917 kehrte er nach Moskau zurück und wurde Professor an der Akademie der Bildenden Künste. Enttäuscht von der staatlichen Kontrolle über Künstler, kehrte er nach Deutschland zurück. Ab 1922 lehrte er am Bauhaus (Dessau) unter W. Gropius. Sein Stil wurde perfektionistischer, verlor etwas von der früheren Spontaneität, behielt aber seine reichen Qualitäten bei. In dieser Phase traten klare geometrische Formen wie Quadrat, Kegel, Kreis und Oval auf.

Verwandte Einträge: