Die Allegorie: Bedeutung, Geschichte und Anwendung
Eingeordnet in Philosophie und Ethik
Geschrieben am in
mit einer Größe von 7,08 KB
Die Allegorie (von altgriechisch allegoría ‚andere/verschleierte Sprache‘, zusammengesetzt aus állos ‚anders‘ und agoreúo ‚eindringlich sprechen‘) ist eine Form der indirekten Aussage. Dabei wird eine Sache (Ding, Person, Vorgang) aufgrund von Ähnlichkeits- oder Verwandtschaftsbeziehungen als Zeichen für eine andere Sache oder einen abstrakten Begriff eingesetzt.
In der Rhetorik wird die Allegorie als Stilfigur unter den Tropen eingeordnet und gilt als fortgesetzte Metapher. In der bildenden Kunst sowie in der mittelalterlichen und barocken Literatur tritt sie häufig als Personifikation auf, bei der eine Figur durch Attribute und Handlungen einen abstrakten Begriff (z. B. Tugend oder Laster) verkörpert. In der Literaturwissenschaft bezeichnet die Allegorese die Auslegung eines Textes über den wörtlichen Sinn hinaus.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Grundlagen
- 1.1 Funktion und Bedeutung
- 1.2 Allegorie und Symbol
- 1.3 Beispiele
- 2 Sprachliche Allegorie
- 2.1 Allegorie in der Literatur
- 2.2 Allegorese in der Bibel
- 2.3 Allegorie in der Rhetorik
- 3 Bildliche Allegorie
- 3.1 Antike
- 3.2 Mittelalter
- 3.3 Renaissance und Barock
- 3.4 Romantik bis Gegenwart
Grundlagen
Funktion und Bedeutung
Die Allegorie dient oft dazu, schwer verständliche oder überlieferte Texte durch eine verborgene Weisheit neu zu deuten. Sie erfordert vom Betrachter oder Hörer einen Gedankensprung (Assoziation) vom Dargestellten zur eigentlichen Bedeutung. Fehlt das Wissen um den historischen Kontext, bleibt der Sinn der Allegorie dem Betrachter häufig verborgen.
Allegorie und Symbol
Seit dem 18. Jahrhundert wird versucht, Allegorie und Symbol abzugrenzen. Während das Symbol eine innere Einheit von Zeichen und Bedeutung anstrebt, gilt die Allegorie als gebrochenes Zeichen, das in einem Spannungsverhältnis zur Idee steht. Walter Benjamin wertete die Allegorie in der Moderne auf: „Das Symbol ist die Identität von Besonderem und Allgemeinem, die Allegorie markiert ihre Differenz.“
Beispiele
Bekannte Beispiele für Allegorien sind:
- Der Tod: Dargestellt als Gerippe mit Sense.
- Justitia: Die Gerechtigkeit als Frau mit Waage und Schwert.
- Nationalallegorien: Germania (Deutschland), Marianne (Frankreich) oder Uncle Sam (USA).
- Dürers Melencolia I: Oft als Allegorie der Melancholie, aber auch der Wissenschaften oder künstlerischen Kreativität gedeutet.
Sprachliche Allegorie
Allegorie in der Literatur
Die allegorische Interpretation (Allegorese) wurde bereits in der Antike genutzt, um die Epen Homers zu deuten. Im Mittelalter prägten Werke wie Prudentius’ Psychomachia oder der Rosenroman die allegorische Dichtung. In der Barockzeit erlebte die Allegorie eine Blüte in Predigten, Gedichten und Grabinschriften.
Allegorese in der Bibel
In der jüdischen Tradition (z. B. durch Philo von Alexandrien) und der christlichen Exegese (z. B. durch Augustinus) wurde die Bibel oft mehrdeutig ausgelegt. Man unterscheidet dabei den wörtlichen Sinn (sensus litteralis) vom geistigen Sinn (sensus spiritualis).
Allegorie in der Rhetorik
In der Rhetorik ist die Allegorie ein Fachterminus für einen Tropus. Cicero und Quintilian beschrieben sie als Mittel zur Verdeutlichung, zum Verbergen von Inhalten oder zur Unterhaltung des Publikums.
Bildliche Allegorie
Antike
In der griechischen und römischen Kunst wurden abstrakte Ideen wie Frieden, Glück oder Eintracht durch Personifizierungen auf Münzen, Sarkophagen und Reliefs dargestellt.
Mittelalter
Das Mittelalter nutzte Allegorien zur Darstellung christlicher Dogmen, etwa durch die Kardinaltugenden oder die Sieben Freien Künste.
Renaissance und Barock
Humanisten und Künstler der Renaissance griffen auf antike Vorbilder zurück. Bücher wie Cesare Ripas Iconologia wurden zu Standardwerken für allegorische Darstellungen in der Malerei.
Romantik bis Gegenwart
Trotz Kritik im 18. Jahrhundert blieb die Allegorie ein wichtiges Ausdrucksmittel, etwa bei Delacroix oder im 20. Jahrhundert bei Max Beckmann.
Literatur
- Gerhard Kurz: Metapher, Allegorie, Symbol. Vandenhoeck & Ruprecht, 2004.
- Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels, 1928.
Zitat
„Die Allegorie verwandelt die Erscheinung in einen Begriff, den Begriff in ein Bild... Die Symbolik verwandelt die Erscheinung in Idee, die Idee in ein Bild...“
Siehe auch
- Personifikation
- Symbol
- Zahlensymbolik