Analyse des Dialogs zwischen Iphigenie und Thoas
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Konflikt und Machtverhältnisse im Dialog
Im ersten Teil des Dialogs (Zeile 1–32) diskutieren Iphigenie und Thoas darüber, wer wem in Bezug auf das Opfer der „Fremden“ befehlen kann und darf. Der Dialog beginnt, indem eine Frage gegen eine weitere gestellt wird. Thoas drängt zum Opfer, während Iphigenie es immer weiter verzögert.
In ihrem folgenden kurzen Monolog (Z. 7–17) erklärt Iphigenie, dass Thoas vergebens zu ihr gekommen ist, da er nicht von seiner Position abweichen will und somit keine Lösung gefunden werden kann („Wenn dir das Herz zum grausamen Entschluss verhärtet ist“, Z. 7). Sie gibt zudem an, dass sie das Opfer nicht begehen kann, da sie von Gewissensbissen heimgesucht würde („Und seine Boten bringen flammendes Verderben auf des Armen Haupt hinab“, Z. 14f), während Thoas sich unschuldig fühlt („Er aber schwebt durch seine Höhen ruhig“, Z. 16). Sie macht klar, dass sie bei solch einer Sache von ihrem Amt entbunden sein will („Nicht Priesterin! Nur Agamemnons Tochter“, Z. 19).
Die Rolle der Frau und die Identität der Fremden
Im folgenden Teil des Dialogs (Z. 33–87) kommt Thoas immer wieder darauf zurück, dass die Gefangenen für Iphigenie mehr als nur Fremde sein müssen. Iphigenie versucht ihm auszuweichen, indem sie Thoas Mitleid vorspielt, da sie selbst schon einmal fast geopfert wurde. Thoas spricht in Imperativen, denen Iphigenie immer wieder ausweicht. Sie beginnt eine neue Diskussion über die Machtverhältnisse von Mann und Frau und sagt Thoas deutlich, dass er versucht, ihr zu befehlen, da sie „nur“ eine Frau ist. Sie kann sich nicht anders verteidigen, als sich gleichsam „um Kopf und Kragen“ zu reden. Thoas hebelt dieses Argument allerdings schnell aus, indem er sagt, dass er ihren Wert und ihre Rolle als Frau mit hohem Respekt würdigt („Ich acht es mehr als eines Bruders Schwert“, Z. 61). An dieser Textstelle stellt Thoas unbewusst (oder bewusst) eine Vermutung über die Identität der Gefangenen auf.
Wahrheit und Offenbarung
Im weiteren Verlauf gibt Iphigenie zu, dass sie als Schwächere das Opfer herauszögert, begründet dies aber mit den natürlichen Eigenschaften des Menschen. Gleichzeitig gibt sie zu, dass sie Thoas absichtlich provoziert („Ja, der Gewaltige verdient, dass man sie übt“, Z. 67). Thoas erahnt die List, und gleich darauf kündigt sich an, dass Iphigenie die Wahrheit sagen wird, da sie von sich als „reine Seele“ spricht und dies nur bleiben kann, wenn sie nicht lügt. Thoas’ Frage nach den Fremden wiederholt sich und Iphigenie beginnt, ihr Wissen preiszugeben. Dann bricht die Wahrheit aus Iphigenie heraus und es folgt ihr Monolog bis zum Ende des Auszugs (Z. 88–132). Sie spielt erneut auf die Rolle von Mann und Frau an, wobei sie bemängelt, dass immer nur der Mann als Held geehrt wird, da er durch Waffengewalt, nicht aber durch Vernunft auffällt. Sie muss erkennen, dass Worte allein nicht als Waffe reichen, und gibt schließlich den Fluchtplan des Freundes preis – wahrscheinlich auch, um Thoas zu beweisen, dass auch Frauen Heldinnen sein können. Am Ende des Dialogs legt sie die Entscheidung über ihr Leben und das ihrer Verwandten in Thoas’ Hände, gleichsam aber auch in die der Götter, da sie andeutet, dass Thoas sie nur töten kann, wenn die Götter es wollen. Sie hofft auf seine Vernunft und sein Mitleid.
Sprachliche Gestaltung und Fazit
Man erkennt deutlich, dass Iphigenies Sprechanteile überwiegen. Hierbei geht es vor allem um ihre Position gegenüber Thoas. Sie ist in ihrer Funktion als Priesterin unterlegen, aber auch in der Rolle der Frau. Jeden längeren Monolog der Iphigenie kann Thoas durch eine kurze Entgegnung oder rhetorische Frage wettmachen. Iphigenie muss so viel reden, da sie Thoas ihre Haltung deutlich machen will. Er jedoch zerstört diese Versuche durch Befehle und das Ignorieren ihrer Bitten. Iphigenies Sprechanteile sind im Gegensatz zu Thoas’ sehr bildhaft gestaltet, wodurch die Verzweiflung und ihr starker Wunsch, dass alles nach ihrem Willen passiert, deutlich werden.
Man kann sagen, dass der Dialog noch zu keiner Lösung des Konflikts geführt hat, die zwei „Gegenspieler“ konnten jedoch noch einmal ihre Positionen verdeutlichen, wobei die Zweifel Iphigenies am Fluchtplan sie zur Wahrheit bewegen.
Bewertung des Handelns
Um zu klären, ob Iphigenie verantwortungsbewusst gehandelt hat, muss man sagen, dass im Endeffekt die möglichen Folgen die gleichen bleiben. Ob Iphigenie Thoas nun die Wahrheit gesagt hätte oder nicht, ist zweitrangig. Am Ende gibt es nur zwei Lösungen: Entweder Thoas lässt sie umbringen, oder alle überleben, da Thoas sie gehen lässt oder die Flucht gelingt. Daher würde ich sagen, dass Iphigenie in ihrem Sinne verantwortungsbewusst gehandelt hat. Sie ist von Natur aus ein ehrlicher, wahrheitsliebender Mensch und hat deshalb nur ihrem Charakter nach gehandelt.