Analyse von Igor Strawinskys Le Sacre du Printemps
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Rhythmik in Strawinskys Le Sacre du Printemps
Das Werk Le Sacre du Printemps erhält durch Strawinskys revolutionäre Behandlung eine völlig neue rhythmische Struktur. Die Einteilung der Stämme wirkt zunächst regelmäßig und deutet auf einen binären Rhythmus hin, wird jedoch durch eine markante Abfolge von Synkopen und Akzenten durchbrochen.
Betonte Akkorde werden durch acht Röhren verstärkt, welche die Noten der Saiten betonen. Diese Akzente führen in den ersten acht Takten zu einer Gruppierung von: 9 + 2 + 6 + 3 + 4 + 5 + 3, was jedes Gefühl für metrische Regelmäßigkeit zerstört. Dennoch ist die Musik genial für das Ballett konzipiert: Da die gesamte Passage über einen Zeitraum von acht Takten verläuft, können die Tänzer weiterhin regelmäßig zählen.
Zu Beginn des dritten Satzes erzeugen Drillinge mit lebhaften Farben – unterstützt durch Trompeten und Oboen – eine suggestive Polyrhythmik, die demonstrativ gegen den binären Rhythmus der anderen Stimmen arbeitet. In Test Nr. 16 nutzt Strawinsky ein weiteres rhythmisches Mittel: ein dreifaches Ostinato in Bratschen, Celli und Bässen, das bald einen obsessiven Charakter annimmt. Diese Polyrhythmik wird durch die Einführung von Sechzehnteltriolen und Sextolen in den verschiedenen Blasinstrumenten weiter verstärkt, um eine rhythmische Beschwörung der Urwelt zu erzeugen.
Melodik
Obwohl die Partitur zu Beginn des Tanzes noch keine ausgeprägte melodische Gestaltung aufweist, erscheint ein erstes Thema – roh und primitiv – durch die Fagotte. Etwas später folgt eine zweite, wellenförmige Melodie, die Anklänge an Debussy aufweist und durch die Flöten exponiert wird. Ein drittes Thema, das im Stück La Ronda auftaucht, wird durch die Trompeten eingeführt. Diese Melodien teilen ihren fragmentarischen Charakter; sie sind keine vollständigen Sätze, sondern eher melodische Fragmente, die oft von russischer Folklore inspiriert sind.
Textur und Polytonalität
Die Klarheit und Transparenz der Textur ist ein Hauptmerkmal Strawinskys. Dies liegt an der gezielten instrumentalen Farbgebung und der systematischen Nutzung von Dissonanzen, die die Stimmen voneinander abheben. Ein klares Beispiel für Strawinskys Polytonalität findet sich zu Beginn: Die Streicher spielen in Divisi einen E-Dur-Akkord, während die Bläser einen Septakkord auf Es-Dur ausführen. Diese Dissonanzen sind emanzipiert; sie dienen als perkussive Klangelemente zur Spannungserzeugung.
Orchestrierung
Die Partitur verlangt eine große Orchesterbesetzung: Streicher, zwei Piccolos, drei Flöten, drei Oboen, Englischhorn, vier Klarinetten, acht Hörner, vier Trompeten, eine kleine Trompete, drei Posaunen, Tuba, Kontrafagott und diverse Perkussionsinstrumente. Die Streicher verlieren hier ihre traditionelle Rolle als dominierendes Element zugunsten der Bläser, um eine romantische Emotionalität zu vermeiden.
Form und Kontext
Die Struktur des Stücks basiert auf der Wiederholung und dem Kontrast von Motiven. Strawinsky lehnt die langwierige Entwicklung der Romantik ab und betont stattdessen die Feinheit der Details und die Präzision des musikalischen Gedankens.
- Gattung: Szenische Tanzmusik
- Epoche: Klassische Moderne (Avantgarde)
- Chronologie: Frühes 20. Jahrhundert (Uraufführung Paris 1913)
- Titel: Tanz der Jugendlichen (aus Le Sacre du Printemps)
- Autor: Igor Strawinsky