Berninis Verzückung der Heiligen Theresa
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1. Hintergrund
Der Barock des 17. und frühen 18. Jahrhunderts stellt eine bemerkenswerte Trendwende im Vergleich zur Renaissance dar. Der historische Kontext ist geprägt von der Teilung Europas in zwei Bereiche (katholisch und protestantisch), der Krise des Humanismus und der Hervorhebung traditioneller und religiöser Werte. Der Barock verfolgt mit seiner rhetorischen Formensprache propagandistische Zwecke und zeigt diverse ästhetische Trends.
2. Identifikation
Die „Verzückung der Heiligen Theresa“ ist eine Skulpturengruppe in der Cornaro-Kapelle, einem Denkmal in der Kirche Santa Maria della Vittoria in Rom. Bernini thematisiert eine religiöse Frage: die mystische Erfahrung der Ekstase der Heiligen Teresa.
Die Szene zeigt zwei vollplastisch aus weißem Marmor gehauene Figuren: Die Heilige liegt in Trance beim Anblick eines schönen Engels. Die Skulptur ist Teil eines spektakulären szenografischen Raums, in dem Architektur, Skulptur und Malerei verschmelzen. Der Rahmen besteht aus farbigem Marmor. In der architektonischen Darstellung der Ekstase erscheint die Heilige liegend auf einer Wolke, während ein Engel den Pfeil der göttlichen Liebe auf sie richtet. An den Seitenwänden sind Mitglieder der Familie Cornaro dargestellt. Die Kapelle besitzt eine Kuppel mit einer gemalten Darstellung des Paradieses.
In diesem Werk verwendete Bernini verschiedene Materialien: Die Gruppe ist aus weißem Marmor gehauen, die Strahlen bestehen aus vergoldeter Bronze und der Rest der Kapelle aus verschiedenem Marmor. Das Werk dient propagandistischen Zwecken: Es verbreitet die Grundsätze der katholischen Religion und fördert die Verehrung und Hingabe der Massen.
3. Formale Analyse
Rhetorischer und theatralischer Realismus
- Behandlung der menschlichen Figur: Realistische und naturalistische Darstellung mit perfekter Anatomie und Plastizität. Die Gewänder sind meisterhaft ausgeführt. Die theatralische Sprache zeigt ein Interesse an der Darstellung erhabener Gefühle.
- Vorwärtsbewegung: Hochdynamische Einstellungen und instabile, offene Positionen.
- Kontraste: Die vertikale Position des Engels steht im scharfen Kontrast zur Diagonale der Heiligen. Die schwere Ordenstracht der Heiligen mit tiefen Falten kontrastiert mit dem leichten Gewand des Engels. Der Engel zeigt einen zarten Ausdruck, während die Heilige einen entfesselten Ausdruck offenbart. Die Szene ist voller Vieldeutigkeit, durch die Bernini das Innere offenbaren will.
Technische Perfektion
Bernini zeigt ein Spiel mit unterschiedlichen Texturen: glatte Oberflächen der Körper, während Haare, Kleidung und Wolken eine raue Textur aufweisen. Es gelang ihm, mit harten Materialien weiche Formen und eine bildliche Darstellung zu schaffen.
Dynamische und expansive Komposition
- Die Figuren sind in instabilen und offenen Positionen dargestellt.
- Die Linienführung vermittelt eine vollständige mystische Entrückung.
- Frontale Sichtweise mit Verkürzungen und einem Gefühl der Schwerelosigkeit.
Szenografische Wirkung
Es handelt sich um ein Szenario, in dem Architektur, Bildhauerei und Malerei verschmelzen. Bernini führt eine bildliche Gestaltung ein, mit Fokus auf visuelle Effekte, Hell-Dunkel-Kontraste und die Verschmelzung der Figuren mit der Umgebung durch Licht. Das Werk wirkt fast wie ein Gemälde. Das Gefühl von Schwere wird aufgehoben (fliegende Formen). Chromatische Effekte entstehen durch farbigen Marmor und vergoldete Bronze. Die Rolle des Lichts erzeugt eine übernatürliche Atmosphäre.