Brustkrebs: Epidemiologie, Risikofaktoren, Diagnose und Therapie
Brustkrebs (Mammakarzinom): Überblick
Epidemiologie: 36 Fälle pro 100.000 Einwohner und Jahr, etwa 17.000 Neuerkrankungen jährlich. Die Häufigkeit steigt mit dem Alter; besonders betroffen sind Frauen im Alter von 60 bis 79 Jahren. Männer sind selten betroffen (etwa 1 % aller Fälle).
Risikofaktoren
Brustkrebs ist multifaktoriell bedingt:
- Geschlecht (weiblich; Männer sind seltener betroffen)
- Alter
- Hormonelle Faktoren: Menstruationszyklus (frühe Menarche, späte Menopause), reproduktive Anamnese, Hormonersatztherapie (HRT)
- Mammographische Dichte (dichtes Brustgewebe, ähnlich wie bei zirkulierenden Östrogenen)
- Vorgeschichte von Krebserkrankungen
- Alkoholkonsum
- Familienanamnese und erblicher Brustkrebs
- Suszeptibilitätsgene: BRCA1, BRCA2, CHK2, p53, RB1, STK11/LKB1, PTEN (Cowden-Syndrom), MSH2, MLH1, CDH1
Diagnostik
Früherkennung im Screening-Programm
Screening-Mammographie in Kampagnen ab dem 50. Lebensjahr. Sensitivität: > 85 %, Spezifität: > 90 %.
Frühdiagnostik
- Monatliche Selbstuntersuchung der Brust: nicht empfohlen, da sie Angst verursacht, falsch-positive Befunde, Biopsien und unnötige Kosten nach sich zieht.
- Frauen 35–40 Jahre: jährliche klinische Untersuchung und bilaterale Mammographie.
- Frauen ab 40 Jahren: jährliche Mammographie und klinische Untersuchung, alle 1–2 Jahre.
- Keine Altersgrenze für die Mammographie (ab 70 Jahren individuell entscheiden).
Klinische Symptome
Schmerzloser Brustknoten, Schmerzen, blutiger Brustwarzenausfluss, Mamillenretraktion.
Radiologische Diagnostik
- Klinischer Verdacht: Palpation und Inspektion (Knoten, Lymphknoten)
- Mammographie: > 5 Mikroverkalkungen in < 1 cm², spikuliert-unregelmäßige noduläre Verdichtungen, architektonische Verzerrung
- BI-RADS-Klassifikation (analog ECO):
- I: Normal, gutartige Eigenschaften
- III: Wahrscheinlich gutartig, aber mehrdeutige Eigenschaften
- IV: Wahrscheinlich bösartig
- V: Maligne
Diagnosesicherung
Feinnadelaspirationszytologie (FNA), Stanzbiopsie, ultraschallgesteuerte Biopsie, stereotaktische Biopsie.
Triple-Diagnostik
Kombination aus (1) klinischer Untersuchung, (2) Bildgebung (Mammographie / Sonographie / MRT) und (3) FNA bzw. Biopsie. Sie ist effektiver als jede Methode allein.
Zusätzlich: immunhistochemische Untersuchung von Hormonrezeptoren (Östrogen und Progesteron) und HER2; Untersuchung der HER2-Genamplifikation mittels FISH.
Histologische Befunde
- Morbus Paget: Ekzem der Brustwarze; intraepitheliale Karzinomzellen in den Milchgängen der Brustwarze können mit oder ohne invasives Karzinom einhergehen.
- Adenokarzinom (ca. 85 %): duktal oder lobulär, in situ oder invasiv (beste Prognose; gute Ansprechrate auf Therapie)
- Sonstige (ca. 15 %): muzinös, papillär, medullär (beste Prognose), tubulär, adenozystisch
Behandlung
Lokoregionale Therapie
Vollständige lokale Exzision (Lumpektomie) oder Mastektomie, kombiniert mit axillärem Staging (Axilladissektion oder Sentinel-Lymphknotenbiopsie). Bei geeigneten Patientinnen konservative Strahlentherapie; sonst radikale Mastektomie. Bei T > 4 cm und/oder N > 4 befallenen Lymphknoten ist die Indikation zur erweiterten Therapie zu prüfen.
Adjuvante systemische Therapie
Abhängig vom Ansprechen auf Hormontherapie: hohe Hormonsensitivität, unvollständige Hormonsensitivität oder Hormonresistenz.
- Adjuvante Hormontherapie prämenopausal: Tamoxifen, Goserelin (LH-RH-Agonist)
- Adjuvante Hormontherapie postmenopausal: Aromatasehemmer (Letrozol, Anastrozol, Exemestan) oder Tamoxifen
- Chemotherapie: CMF, Anthrazykline, Taxane
- Anti-HER2-Therapie: Trastuzumab (Herceptin, monoklonaler Antikörper)
Stadium III: neoadjuvante Therapie
Multimodale Therapie:
- Neoadjuvante systemische Behandlung:
- Chemotherapie: 6–8 Zyklen Anthrazyklin- und Taxan-Kombinationen
- Trastuzumab bei HER2-Positivität
- Hormontherapie: 4–6 Monate Aromatasehemmer
- Lokale Behandlung: Chirurgie (modifizierte radikale Mastektomie) und Strahlentherapie
- Adjuvante systemische Therapie: Chemotherapie und Hormontherapie
Palliative Therapie
Ziel ist es, das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern und krankheitsbedingte Symptome zu lindern. Bei nicht heilbarer Erkrankung beträgt die mediane Überlebenszeit etwa 24 Monate; die 5-Jahres-Überlebensrate liegt bei etwa 1–3 %.
Systemische Therapie des metastasierten Brustkrebses
Hormontherapie, Chemotherapie, Trastuzumab, Bisphosphonate.
Entscheidungsalgorithmus beim metastasierten Brustkrebs
- Hormontherapie:
- Prämenopausal: Tamoxifen und/oder ovarielle Ablation (Kastration oder LH-RH-Antagonisten)
- Postmenopausal: Antiöstrogene, Aromatasehemmer, Megestrolacetat, Östrogene, Androgene
- Bei Ansprechen auf eine vorherige Hormontherapie oder bei trägem Krankheitsverlauf
- Chemotherapie, First-Line:
- Wenn das Intervall zur adjuvanten Chemotherapie < 12 Monate beträgt: andere Chemotherapie als im adjuvanten Setting
- Wenn das Intervall > 12 Monate beträgt oder keine adjuvante Chemotherapie erfolgte: FAC, AC, CMF allein oder Taxane (Paclitaxel, Docetaxel)
- Progression nach der ersten Linie: Bei Taxanen in der ersten Linie kommen Taxane nicht erneut infrage; nach einem ersten Taxan: FAC, AC, CMF.
- Progression nach der zweiten Linie: Vinorelbin, Capecitabin, 5-FU/FA, liposomales Doxorubicin, Gemcitabin, Etoposid.