Direkte Demokratie und das Prinzip der Daseinsvorsorge
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Direkte und halbdirekte Demokratie
Direkte Demokratie und halbdirekte Demokratie sind in ihrer reinen Form nur eingeschränkt möglich. Sie gelten meist für Einwohner in kleinen Städten (in der Regel weniger als 100 Personen, oft als offene Versammlungen praktiziert). Konsequent erfüllt werden kann das Ideal nicht, wenn alle Bürgerinnen und Bürger über sämtliche öffentliche Angelegenheiten entscheiden müssten. Stattdessen sollte man die Menschen konsultieren. In der semi-direkten Demokratie wird diese Abfrage als Referendum (Plural: Referenden) bezeichnet.
Herausforderungen der direkten Mitbestimmung
Dies wirft jedoch ein doppeltes Problem auf: Die moderne Politik muss über unzählige Regierungsfragen entscheiden. Wenn bei jeder Frage alle konsultiert würden, würde das System zur Lähmung führen. Andererseits würde eine Entscheidung ohne Konsultation das demokratische Grundprinzip verletzen. Viele Entscheidungen sind von großer Komplexität und weisen Nuancen auf, die nicht einfach mit Ja oder Nein gelöst werden können. Umfassende Verfassungsänderungen mittels Referendumstechnik werden oft mit Argwohn betrachtet, besonders wenn sie zu Lasten der repräsentativen Demokratie eingesetzt werden.
Typen und Kategorien von Referenden
In vielen Ländern (z. B. der Schweiz) ist die Anwendung des Referendums fest im System verankert, auch wenn sie sporadisch erfolgt. Man kann verschiedene Gruppen unterscheiden:
- Nach dem rechtlichen Inhalt:
- Genehmigung einer Norm: Annahme eines neuen normativen Textes.
- Aufhebung: Zur Außerkraftsetzung eines bestehenden regulatorischen Textes.
- Nach der Entscheidungsgewalt (obligatorisch oder fakultativ):
- Präzeptiv (Obligatorisch): Es besteht eine Verpflichtung zur Einberufung durch die Verfassung.
- Fakultativ (Optional): Die Einberufung ist nicht zwingend vorgeschrieben.
- Nach der rechtlichen Wirkung:
- Bindend: Das Ergebnis ist für die Regierung verpflichtend.
- Konsultativ (Beratend): Das Ergebnis ist nicht bindend, hat aber zweifellos politische Konsequenzen.
Recall und Volksgesetzgebungsinitiative
Eine andere Technik ist der Recall (Abberufung). Hierbei schlagen Bürger die Entlassung bestimmter Inhaber von Wahlämtern vor. Diese Initiative wird einem Referendum unterzogen; bei Annahme verliert der Amtsträger seinen Posten. Dies wird selten genutzt, hauptsächlich in den USA und der Schweiz. Die genannten Kategorien sind innerhalb ihrer Gruppe unvereinbar (ein Referendum kann nicht zugleich obligatorisch und fakultativ sein), aber gruppenübergreifend kombinierbar.
Ein weiteres Instrument der semi-direkten Demokratie ist die populäre gesetzgeberische Initiative (Volksinitiative). Sie bietet die Möglichkeit, dem Parlament direkt einen Vorschlag zur Änderung oder Aufhebung eines Gesetzes vorzulegen. Auch dies wird oft mit Vorsicht reguliert, etwa durch die Anforderung einer hohen Anzahl von Unterzeichnern (z. B. 500.000) oder den Ausschluss bestimmter Themenbereiche (z. B. Steuergesetze oder organische Gesetze in Spanien).
Das Prinzip der repräsentativen Demokratie
Angesichts der schwierigen Probleme direkter Systeme hat die Verfassungstechnik das Verfahren der politischen Vertretung eingeführt. Die repräsentative Demokratie funktioniert über die Übertragung der Vertretung des Volkes (als Wahlgremium konstituiert) auf Vertreter, die in seinem Namen handeln. Regierungsverantwortung wird so an Mitglieder staatlicher Organe wie Parlamente übertragen.
Der Staat und die existenzielle Daseinsvorsorge
Es ist legitim, dass der Staat entsprechend in das wirtschaftliche und soziale Leben eingreift. Dies ist eine Folge der Forderungen der Gesellschaft an den Staat, Mechanismen zu nutzen, um den Mitgliedern ihr Existenzminimum zu sichern. Geprägt wurde dieser Zusammenhang durch den berühmten Begriff der Daseinsvorsorge (entwickelt von Ernst Forsthoff, auch als Procura existencial bekannt).
Beherrschter und effektiver Lebensraum
Der Mensch benötigt für sein Leben einen garantierten, anständigen Lebensraum. Durch soziologische und ökonomische Transformationen ist dieser Lebensraum sehr komplex geworden. Man unterscheidet:
- Beherrschter Lebensraum (Habitat dominiert): Ein Segment, für das die Person selbst verantwortlich ist oder sein kann und das sie aus eigener Kraft erwerben kann.
- Effektiver Lebensraum (Habitat Bargeld/Effektiv): Dinge, die die Person wirklich braucht, die aber nicht in ihrer Macht stehen, sie allein zu erreichen (z. B. die Nutzung von Verkehrswegen).
Die Differenz zwischen dem tatsächlichen (effektiven) Lebensraum und dem beherrschten Lebensraum ist das, was man als existentiell bedeutsam bezeichnet. Individuen benötigen jemanden, der diese Lücke schließt.
Die drei Kernaufgaben des Staates in der Moderne
In der Entwicklung moderner Gesellschaften hat der wirtschaftliche Liberalismus oft wichtige Aspekte des Daseins vernachlässigt. Aus dieser Perspektive fordert die Gesellschaft vom Staat die Erfüllung von drei Hauptaufgaben:
- Gemeinschaftliche Infrastruktur (Equipment): Alle infrastrukturellen Bedingungen, die der Mensch für ein menschenwürdiges Dasein benötigt (z. B. ein modernes Straßen- oder Autobahnnetz, angepasst an den historischen Moment).
- Schaffung von Sicherheit: Dies geht weit über die öffentliche Sicherheit hinaus. Während der primitive Mensch seine Nahrung selbst prüfte, ist der moderne Mensch in Städten auf Konserven und globale Lieferketten angewiesen. Die existenzielle Suche erfordert hier die Gewährleistung der Ernährungssicherheit.
- Sicherung bestimmter sozialer Leistungen: Die Menschen verlangen vom Staat effektive Hilfe in Bereichen, die ursprünglich zum beherrschten Lebensraum gehörten, die das Individuum aber heute nicht mehr zu 100 Prozent selbst abdecken kann.
Bildung und wirtschaftliche Absicherung
Das Phänomen der notwendigen Ausbildung hat dazu geführt, dass der Bedarf an Bildung den effektiven Lebensraum vergrößert, während der beherrschte Lebensraum abnimmt. Die immense Arbeitsteilung führt dazu, dass die meisten Stellen nicht direkt Nahrung produzieren. Daher wird der Lohn zu einem wesentlichen Element des Überlebens. Die Festlegung von Mindestlöhnen oder wesentlichen Subventionen ist eine staatliche Forderung der Gesellschaft, um sicherzustellen, dass der Staat zumindest bei Unglückssituationen bestimmter Personen unterstützend eingreift.