Diskursanalyse: Kohäsion, Kohärenz und Machtverhältnisse
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Das Konzept der Kohäsion nach Halliday & Hassan
Das Phänomen der Kohäsion (Zusammenhalt) befasst sich in der Syntax mit den Beziehungen innerhalb eines Textes. Sie tritt auf, wenn ein Element nicht erfolgreich interpretiert werden kann, ohne auf ein anderes Element im selben Diskurs Bezug zu nehmen. Da einige Formen der Kohäsion durch Grammatik und andere über das Vokabular analysiert werden können, unterscheiden Halliday & Hassan zwei Arten: die grammatische Kohäsion und die lexikalische Kohäsion.
Subtypen der grammatischen Kohäsion
- Referenz: Bezieht sich auf Ressourcen, um auf ein Element im Text zurückzuweisen (z. B. Pronomen, Komparative). Beispiel: Wo ist Johanna? Sie ist nach Hause gegangen.
- Substitution: Bezieht sich auf Platzhalter, die eine Auslassung signalisieren (z. B. „do“ für verbale Gruppen oder „so“ für Klauseln). Beispiel: Ich mag ihre Frisur nicht. Ich weiß (dass ich sie nicht mag).
- Ellipse: Bezieht sich auf die Auslassung einer Klausel oder eines Teils davon, wenn dies möglich ist. Beispiel: Louis geht zum Campingplatz, aber ich kann nicht (gehen).
- Konjunktion: Bezieht sich auf den Bestand an Konnektoren, die Klauseln im Diskurs verknüpfen. Beispiel: Ich mag dieses Kleid, aber es ist sehr teuer.
Lexikalische Kohäsion und weitere Ansätze
Die lexikalische Kohäsion ergänzt die grammatische Kohäsion durch Wiederholung von Einheiten, Synonymie, Hyponymie und Kollokation. Laut Halliday & Hassan kann Kohäsion auch durch das Intonationssystem ausgedrückt werden (z. B. ein adversativer Sinn durch den Tonfall: „Sorry, so spät, ich habe meine Telefonnummer verloren“).
Eine kohäsive Verbindung (Cohesive Tie) beschreibt die Beziehung zwischen einem Element und dem Element, das es im Text voraussetzt. Dies ist für Diskursanalysten wichtig, um verschiedene Diskursarten, Genres oder Register zu unterscheiden. Martin formuliert Kohäsion als eine Reihe von diskurssemantischen Systemen auf einer abstrakteren Ebene als die Lexikogrammatik:
- Identifikation: Wie Teilnehmer eingeführt und weiterverfolgt werden.
- Verhandlung: Ressourcen für den Austausch von Informationen, Waren und Dienstleistungen.
- Konjunktion: Verknüpfung von Nachrichten (Addition, Vergleich, Zeitlichkeit, Kausalität).
- Ideation: Semantik lexikalischer Relationen innerhalb institutioneller Aktivitäten.
Kohäsion und Kohärenz im Text und Diskurs
Kohäsion betrifft die syntaktischen Beziehungen im Text. Kohärenz hingegen hat mit Wissen oder kognitiven Strukturen zu tun, die durch Sprache genutzt werden, um die Gesamtbedeutung eines Diskurses zu verstehen. Während Kohäsion durch Konjunktionen, Referenzen, Substitutionen, lexikalische Mittel und Ellipsen (z. B. „Ich mag Eis, aber es ist mästend“) erzeugt wird, ist Kohärenz eine Eigenschaft der Rede, die mit der Bedeutung des Textes verknüpft ist.
Laut Green liegt Kohärenz nicht allein in den Eigenschaften des Textes, sondern in der Fähigkeit des Empfängers, Schlüsse zu ziehen und Inhalte zu assoziieren. Kohärenz entsteht also durch die Teilnehmer am Diskurs. Diese nutzen pragmatische Marker (Diskursmarker), um Kohärenz zu erreichen. Fraser klassifiziert diese in Kategorien wie kontrastiv, elaborativ, implikativ und zeitlich (z. B. „Ich mag Reisen. Aber ich habe Angst zu fliegen“).
Erscheinungsformen von Macht im Diskurs
Nach Van Dijk ist soziale Macht die Kontrolle über Ressourcen. Macht wird selten absolut, sondern unter bestimmten Umständen ausgeübt. Gruppen können Macht widerstehen oder sie legitimieren. Althusser betrachtet Macht als ideologisches Phänomen, was die Kritische Diskursanalyse (CDA) stark beeinflusste.
Zentrale Thesen der CDA:
- Der Zugang zu spezifischen Diskursformen (z. B. Politik) ist selbst eine Machtressource.
- Wer den Diskurs kontrolliert, kontrolliert indirekt die Gedanken und Handlungen anderer.
- Hegemonie beschreibt den Missbrauch von Macht, den andere Gruppen akzeptieren.
Macht wird durch die Kontrolle des Kontextes (Zeit, Ort, Teilnehmer) und des Inhalts ausgeübt. Dies kann zur Ausgrenzung (Silencing) führen. Auch (Un-)Höflichkeitsstrategien, Intonation, Ironie, Zögern (Hecken) oder Unterbrechungen sind Werkzeuge der Dominanz. Wer die Macht hat, bestimmt das Thema und beeinflusst so die Wahrnehmung der Adressaten (z. B. die Bezeichnung von Flüchtlingen als „illegal“).
Mediated Discourse Analysis (MDA): Grundlagen
Die Mediated Discourse Analysis (MDA) konzentriert sich auf die soziokulturelle Welt der Sprachnutzer statt auf abstrakte Strukturen. In der MDA gilt: Jeder Diskurs ist vermittelt und jede Vermittlung ist diskursiv.
Zentrale Begriffe der MDA:
- Vermittelte Aktion (Mediated Action): Die Grundeinheit der Analyse; das Handeln sozialer Akteure in Echtzeit.
- Ort des Engagements (Site of Engagement): Der soziale Raum, in dem die Aktion stattfindet.
- Mediationsmittel (Mediational Means): Materielle Ressourcen (Körper, Kleidung, Werkzeuge), durch die gehandelt wird.
- Praxis: Vermittelte Aktionen sind nur innerhalb von Praktiken interpretierbar (z. B. Mittagessen zu Hause vs. in einer Bar).
- Nexus der Praxis: Verknüpfte Praktiken (z. B. in einem Restaurant: Bestellen, Essen, physischer Abstand).
Methoden der MDA
MDA nutzt Methoden wie die Ethnographie der Kommunikation (EOC), Umfragen und Fokusgruppen. Ziel ist es, Informationen über Teilnehmer, Szenen und soziale Veränderungen zu gewinnen. Dabei werden Daten aus vier Perspektiven betrachtet: Mitglieder-Verallgemeinerungen, individuelle Erfahrung, objektive Daten und Wiedergabe-Antworten.
Indexikalität: Icons, Indizes und Symbole
Indexikalität ist der Schlüssel zur Analyse menschlichen Handelns. Die Bedeutung von Zeichen basiert auf ihrer materiellen Platzierung. Unsere Sinne nutzen dabei:
- Icons: Ein Zeichen, das dem Objekt ähnlich ist (z. B. ein Telefonhörer-Symbol für ein Telefon).
- Indizes: Zeichen, die auf das Objekt hinweisen oder damit verknüpft sind (z. B. ein Richtungspfeil).
- Symbole: Beliebige Zeichen mit konventioneller Bedeutung (z. B. Sterne für Hotelkategorien).
Alle drei Typen können kombiniert auftreten, wie bei einem Toilettenschild, das ein Bild (Icon), das Wort „Toiletten“ (Symbol) und einen Pfeil (Index) enthält.