Entwicklungspsychologie: Trennungsangst, Selbst und Bindung
Trennungsangst: Definition, Alter und Ursachen
Die Trennungsangst tritt typischerweise im Alter von 8 bis 14 Monaten auf, wenn das Kind eine enge Bindung zur Bezugsperson aufgebaut hat. Sie äußert sich durch gesteigerte Wut, intensive Emotionen und eine erhöhte Reaktionsgeschwindigkeit. Die durch die Trennung von Eltern oder Pflegepersonen verursachte Angst ist eine Form der phobischen Reaktion, die als Trennungsangststörung klassifiziert wird und mit Gefühlen wie Angst, Unsicherheit und Unbehagen einhergeht.
Die Bedeutung des Selbst und seine Entwicklung
Das Selbstbewusstsein umfasst die Anerkennung eigener Stimmungen, Ressourcen und Intuitionen sowie das Verständnis für die eigenen Gefühle, Stärken und Schwächen. Es ist das Wissen um die eigene Existenz als einzigartiges Individuum.
- Ab 18 Monaten: Die Identität festigt sich; das Kind erkennt sich als von anderen unterschieden.
- Ab 2 Jahren: Das Kind verwendet den eigenen Namen.
Mit der Entwicklung des Selbstbewusstseins entstehen komplexe Emotionen wie Wutanfälle, Schuldgefühle, Selbstkritik, Stolz und Empfindlichkeit. Sekundäre Emotionen wie Scham, Neid und Empathie spielen eine zentrale Rolle, wobei Empathie eine wichtige Triebkraft für prosoziales Verhalten darstellt. Kulturelle Werte beeinflussen das soziale Verständnis maßgeblich.
Entstehung komplexer Emotionen: Scham, Neid und Empathie
Diese Gefühle entstehen, sobald das Kind ein Bewusstsein für sich selbst als Individuum entwickelt hat und erkennt, dass seine Handlungen Konsequenzen haben.
- Scham: Entsteht beispielsweise, wenn das Kind sich in einer sozialen Situation (z. B. im Mittelpunkt einer Gruppe) beobachtet fühlt und sein Verhalten anpasst.
- Empathie: Basiert auf der Erkenntnis, dass andere Menschen ebenfalls Individuen mit Gefühlen sind. Dies ermöglicht es dem Kind, sich in die Lage anderer zu versetzen und deren Leid oder Situation nachzuempfinden.
Die Bindungstheorie nach John Bowlby
John Bowlbys zentrale Thesen zur Bindung:
- Grundbedürfnis: Das Bedürfnis nach Zärtlichkeit ist ebenso elementar wie das Bedürfnis nach Nahrung; Bindung erfüllt eine adaptive Funktion.
- Aktivierung: Bindung zeigt sich früh durch visuelle Orientierung an Gesichtern, eine Vorliebe für die menschliche Stimme und das Aufsuchen der Mutter in Gefahrensituationen.
- Entwicklung: Zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr festigt sich die Bindung an die Bezugspersonen.
- Flexibilität: Bindung ist nicht auf eine einzelne Person beschränkt. Während in den 1950er Jahren die Mutter als Hauptfigur galt, wird heute jede langfristige Pflegeperson als Bindungspartner anerkannt.