Erzählstruktur und Zeit in Allendes „Das Geisterhaus“
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Die Erzählperspektiven in „Das Geisterhaus“
Das Geisterhaus (1982) ist ein polyphoner Text, in dem es drei Erzähler gibt: Alba, Esteban Trueba und einen Erzähler in der dritten Person. Diese Erzähler können in zwei Kategorien klassifiziert werden:
Charakter-Erzähler: Alba und Esteban Trueba
Alba Trueba und ihr Großvater Esteban sind die beiden Erzähler, die in wechselnder Ich-Perspektive die Geschichte erzählen: zwei unterschiedliche Perspektiven derselben Realität. Es gibt Kapitel von Esteban und andere von Alba sowie Passagen, in denen die beiden Stimmen abwechselnd die Erzählung in einem reichen Kontrapunkt zur Geschichte führen.
Der allwissende Erzähler in der dritten Person
In anderen Kapiteln (Kap. VII, VIII, IX, XI, XII und XIII) dominiert die dritte Person. Hier wird ein schnelleres Tempo der geschichtlichen Ereignisse angeschlagen, wobei diese Kapitel einen Hauch von Objektivität vermitteln. Ein dritter Erzähler scheint deutlich hervor: Ein externer, allwissender Erzähler, der den Text in der dritten Person wiedergibt und die Geschichte basierend auf Claras „Notizbüchern des Lebens“ erzählt.
Esteban Trueba schreibt in der ersten Person aus seiner Sicht, während der Epilog von Alba ebenfalls in der ersten Person verfasst ist. Obwohl der Roman weitgehend linear erzählt wird, gibt es Elemente, welche die zeitliche Abfolge durchbrechen: die Struktur des Romans sowie die Verwendung von Antizipationen oder Prolepsen.
Die Bedeutung der Polyphonie im Roman
Was wird mit dieser Polyphonie erreicht? Beim Lesen des Romans versteht der Leser, wie Isabel Allende die vielfältige Wirklichkeit des Textes konstruiert hat. Es ist eine polyphone Erzählung, die weitaus komplexer ist als der einfache Wechsel zweier Ansichten: Alba schreibt die Geschichte der umfangreichen Familiensaga, gestützt auf die Aufzeichnungen des Lebens ihrer Großmutter Clara sowie die Register des Anwesens.
Diese zwei Sichtweisen ermutigen den Leser zu einer persönlichen Konstruktion von Bedeutung. Diese Polyphonie ist eng mit einem Aspekt des magischen Realismus verbunden, der dem Text und den Tatsachen eine größere Komplexität verleiht.
Historischer Kontext und die Darstellung der Zeit
Zu keiner Zeit wird die Chronologie oder der Ort der Handlung vernachlässigt. Allende schafft es, einen Teil der Geschichte Chiles und die Geschichte einer Familie über Generationen hinweg neu zu erschaffen. Zeit und Raum gehören hierbei zusammen.
Historische Zeit im 20. Jahrhundert
Die Handlung des Romans spielt im 20. Jahrhundert. Die beschriebenen Ereignisse erstrecken sich über einen Erzählzeitraum von mehreren Jahrzehnten (etwa von 1900 bis 1973). In dieser Zeit finden wir die Darstellung historischer und fiktiver Ereignisse vereint. Die historische Zeit umfasst verschiedene Epochen: von der Postkolonialzeit über die Weltkriege bis hin zur Militärdiktatur von General Pinochet im Jahr 1973.
Der Roman deckt im Laufe der Jahre die sozialen und ideologischen Veränderungen des Landes ab:
- Technologischer Fortschritt und Wandel der Sitten
- „Neue Ideen“ wie der Sozialismus
- Emanzipation der Frauen
- Geister, Spiritismus und politische Umbrüche
Das Werk konzentriert sich besonders auf das Jahr 1973, das Jahr des Putsches, der die Regierung von Salvador Allende nach einer Zeit politischer Polarisierung und sozialer Umbrüche stürzte.
Die Erzählzeit und zeitliche Sprünge
Mit diesem historischen Hintergrund beginnt Isabel Allende ihr Bestreben, die Erinnerung an die Vergangenheit durch die Geschichte einer großen Familiensaga zu retten. Die Existenz von vier Generationen der Familie Trueba, in der romantische und historische Zeit korrespondieren, hilft uns, die familiären, sozialen und politischen Fakten des Romans zu verstehen.
Die Verzerrung der chronologischen Abfolge
Die Erzählzeit bestimmt, in welcher Reihenfolge die Fakten präsentiert werden. Die Verzerrung der Erzählzeit ist eines der wichtigsten Merkmale von Das Geisterhaus. Ereignisse aus Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft erscheinen wiederholt und mit unterschiedlichen Ansichten durchsetzt. Obwohl die Geschichte in weiten Teilen linear verläuft, sind zeitliche Sprünge zu beobachten. Diese Prolepsen lassen den Leser eine Handlung antizipieren, die erst später geschehen wird. Diese Ressource dient der Erzählung: Indem der Erzähler in die Zukunft blickt, schafft er eine Erklärung für das Kommende.