Eugen Ehrlich: Das lebende Recht und die Rechtssoziologie

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Forschung zum lebenden Recht – Eugen Ehrlich

Die Rechtswissenschaft dominiert den Blick auf das Gesetz. Dabei ist zwischen Rechtsnorm und Rechtsrezept zu unterscheiden:

  • Rechtsrezept (Gesetz): Rechtliche Bestimmungen in Gesetzen und Kodizes (Abstraktion und Allgemeinheit), die vom Staat ausgehen.
  • Rechtsstaatlichkeit: Die Umsetzung rechtlicher Bestimmungen in konkrete Handlungen innerhalb der Gesellschaft (Konkretheit und Spezifität).

Kernkonzepte des Rechts

  • Das Gesetz als konkrete rechtliche Beziehung, unabhängig von abstrakten Anforderungen der souveränen Macht.
  • Das Gesetz als Folge menschlicher Existenzbedingungen und empirischer Fakten.
  • Das lebende Recht als Grundform des Rechts, auch in der Moderne.
  • Soziale Funktion des Rechts: Organisation.

Historismus und Kodifizierung

Ehrlich betrachtet das Gesetz als Produkt der Geschichte. Er zeigt eine deutliche Abneigung gegen die Kodifizierung, wie sie in Frankreich (Code Napoléon) stattfand. Während Kodifizierungen auf Abstraktion, Allgemeinheit und einen Bruch mit der Vergangenheit setzen, betont Ehrlich die Bedeutung von Tradition und historischer Entwicklung.

Rezept vs. Regel

Ehrlich unterscheidet zwei Kategorien:

  • Rezept: Abstrakt und allgemein (Gesetze und Codes), staatlich verordnet.
  • Regel: Entsteht aus der Gesellschaft, spiegelt konkrete Befehle wider und ist sozial sowie historisch konstruiert, ohne zwingend vom Staat zu stammen.

Das lebende Recht in der Praxis

Das lebende Recht resultiert aus spezifischen Bedingungen des menschlichen Lebens und regelt konkrete zwischenmenschliche Beziehungen. In Deutschland waren staatliche Bestimmungen oft ineffektiv, da sie gesellschaftlichen Werten widersprachen.

Vergleich: Ehrlich und Bonaventura de Sousa Santos

Es besteht eine Parallele zwischen Ehrlichs Konzept des „lebenden Rechts“ und Bonaventuras Analyse alternativer Rechtsformen (z. B. in der Favela Jacarezinho). Hier wird das staatliche Recht durch informelle, empirisch gewachsene Regeln ersetzt, um Konflikte zu lösen.

Methodik der Rechtsforschung

Das Recht sollte mit zwei wissenschaftlichen Methoden untersucht werden:

  1. Deduktive Methode: Studium der Kodifizierung (allgemein).
  2. Induktive Methode: Empirische Beobachtung von Fakten der Realität (spezifisch).

Verträge dienen als Ausdruck der sozialen Organisation. Wenn soziale Normen versagen, greift der Staat ein, um das gesellschaftliche Leben neu zu ordnen. Nicht jedes „Recht des Volkes“ wird jedoch staatlich positiviert.

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