Franz Kafka: Die Brücke – Analyse und Interpretation

Gesendet von ignacio7766 und eingeordnet in Sprache und Philologie

Geschrieben am in Deutsch mit einer Größe von 6,53 KB

Analyse von Franz Kafkas Parabel „Die Brücke“

Die Erzählung „Die Brücke“ von Franz Kafka thematisiert das einsame und aus seiner Sicht sinnlose Leben Kafkas sowie das gespannte Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater. Dies wird durch eine menschliche Brücke dargestellt, die durch ihren ersten und einzigen Besucher einbricht. Der Ich-Erzähler ist die Brücke, die sich selbst mit menschlichen Bestandteilen (z. B. Fußspitzen und Händen) beschreibt und auch eine menschliche Sichtweise mit Gefühlen besitzt. Die Aufgabe, eine Brücke zu sein, empfand sie als sinnlos, da niemand von ihr wusste und sie nie benutzt wurde. Dennoch macht sie sich bereit, ihren ersten Besucher sicher hinüberzubringen, als sie seine Schritte hört. Sie ist jedoch verletzt, als dieser ihr misstraut und sie mit einem Eisenstock prüft. Nachdem der Wanderer dann doch auf sie gesprungen ist, macht sich die Brücke Gedanken über ihn und fragt sich, wer es war – vom Kind bis hin zum Vernichter. Um dies zu erfahren, möchte sie sich umdrehen. Dadurch stürzt sie aber ein, erfährt nie, wer es war, und wird von den Kieselsteinen aufgespießt, die unten im Fluss lagen und die sie zuvor immer als friedlich angesehen hatte.

Biografische Bezüge und der Vater-Sohn-Konflikt

Wenn man die Erzählung mit Kafkas Leben vergleicht, fällt sofort auf, dass die Brücke für ihn selbst und der Wanderer für seinen Vater steht, der nie stolz auf ihn war und kein Vertrauen zu ihm hatte – so wie der Wanderer zunächst auch keines hatte und die Brücke erst prüfte. Da die Brücke zudem nicht auf Karten eingezeichnet ist, kann man davon ausgehen, dass Kafka sich selbst als nutzlos ansah. Auch der „bröckelnde Lehm“ kann ein Zeichen dafür sein, dass er keinen Halt im Leben hatte. Der Fluss könnte für die Kälte zwischen seinen zwei Welten – dem Schreiben und dem sozialen Leben – stehen, die zwar durch die Brücke verbunden sind, zwischen denen er aber die Balance nicht findet, weshalb die Brücke einstürzt. Auch die Kieselsteine könnten für einen Aspekt in seinem Leben stehen: nämlich für seine Freunde, die ihn am Ende seines Lebens betrogen und alleingelassen haben. Damit wird die tiefe Einsamkeit verdeutlicht, in der Kafka lebte.

Vergleich mit anderen Werken Kafkas

Wie in vielen seiner anderen Geschichten kommt auch hier ein Hierarchiegefälle zwischen einer Autoritätsperson und ihm vor. Zudem sieht man an dieser Geschichte, dass er an sich selbst zweifelt, wie es auch in seiner Erzählung „Gibs auf!“ zu beobachten ist. Ebenfalls spiegelt sich die Eingeschränktheit in seinem Leben hier und in „Kleine Fabel“ wider: Als Brücke kann er sich nicht bewegen oder umdrehen, und als er es doch versucht, stürzt er ein. In „Kleine Fabel“ wiederum wird die Maus von einer Katze in die Enge getrieben, sodass keine Möglichkeit zum Entkommen besteht und sie gefressen wird. Außerdem wird seine innerliche Einsamkeit in dieser und anderen Geschichten aufgezeigt. Hier zeigt sie sich dadurch, dass die Brücke nirgends eingezeichnet ist und somit nie überquert werden kann, da niemand von ihrer Existenz weiß. In anderen Werken wie „Gibs auf!“ oder „Dornbusch“ äußert sie sich darin, dass der Protagonist allein in einer fremden Stadt ist oder mit seinen Problemen alleingelassen wird. Ebenso werden gesellschaftliche Probleme zu Kafkas Zeit thematisiert, als das Leben zunehmend hektischer wurde und Anonymität herrschte. Dies zeigt sich darin, dass niemand von der Existenz der Brücke weiß, sowie in „Gibs auf!“, wo ein Polizist dem Suchenden den Weg verweigert und dieser auf sich allein gestellt bleibt. Abschließend lässt sich sagen, dass die Erzählung einen asyndetischen Satzbau und parataktische Sätze besitzt, was typisch für eine moderne Erzählung ist, aber auch über Anakoluthe verfügt. Es gibt keine Dialoge, und die Figuren besitzen keinen Charakter, mit dem sich der Leser identifizieren kann.

Textimmanente Interpretation und Symbolik

Diese Parabel kann mit dem nötigen Hintergrundwissen direkt auf das Leben Kafkas bezogen werden. Der Ich-Erzähler beschreibt sich als Brücke „über einem Abgrund“. Kafka möchte eine menschliche Verbindung aufbauen, was jedoch in „unwegsamer Höhe“ misslingt. Dies spiegelt Kafkas Existenzproblematik wider. Er möchte Menschen über den Abgrund helfen, also Verantwortung übernehmen, kann dies jedoch aufgrund seines unsicheren Halts nicht tun. Es ist offensichtlich, dass er sich, „im bröckelnden Lehm [...] festgebissen“, nicht lange halten kann und bald abstürzen wird. Der Absturz wird durch den Fremden verursacht, der ihm unrechtmäßig Schmerzen zufügt – so wie es auch des Öfteren Kafkas Vater tat. Die Brücke dreht sich um, um den Unbekannten (den Vater) zu sehen und ihn zu begreifen, warum ihr dieses Unrecht angetan wurde. Dabei verliert sie ihren Halt und stürzt ab. Der Absturz kann jedoch auch eine Befreiung aus einer aufgezwungenen Lage sein, wie es bei Kafka der Fall war, der unter dem ständigen Druck seines Vaters stand: „Ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.“ Das Ordnen der Rockschöße kann als Tadel des Vaters gedeutet werden, dessen Erwartungen Kafka nie entsprechen konnte. Die Kieselsteine sind der Brücke feindlich gesonnen, da sie „zugespitzt“ und nicht wie normale Kiesel rund sind. Ihr Starren deutet darauf hin, dass sie auf den Absturz der Brücke warten. Die Kiesel stehen symbolisch für die breite Öffentlichkeit, die den Werken Kafkas mit heftiger Kritik begegnete. Kafkas zeitliche Desorientierung wird durch das Zitat „Einmal gegen Abend war es [...]“ widergespiegelt. Das Ereignis der Begegnung mit einem Menschen hat trotz seiner enormen Bedeutung für die Brücke keine zeitlich genaue Einordnung. Kafka war als deutschsprachiger Jude, der in Prag lebte, stark von seinen Mitmenschen isoliert, was auch in der Parabel widergespiegelt wird: „Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet.“ Der Sturz in den Fluss symbolisiert ein Zurückfallen auf den Nullpunkt der Beziehung zu seinem Vater. Die Kieselsteine im Fluss haben ihn „aufgespießt und zerrissen“, obwohl sie ihn zuvor „immer so friedlich [...] angestarrt haben“. Dies deutet darauf hin, dass Kafka kaum kontaktfreudig war und wenig über die tatsächliche Haltung anderer Menschen ihm gegenüber wusste.

Verwandte Einträge: