Germania: Land, Volk und Sitten nach Tacitus
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Germania: Land, Volk und Sitten der Germanen
Geographie und Grenzen
1) Germanien wird im Westen durch Rhein und Donau von den Galliern und Pannoniern getrennt, im Osten durch die Sarmaten und Daker durch gegenseitige Furcht oder durch Gebirge. Das übrige wird vom Ozean umgeben, der weite Buchten und große Räume von Inseln umfasst, welche bisher nur einigen Völkern bekannt sind.
Körperliche Merkmale und Klima
2) Alle haben dasselbe Aussehen: wilde, blaue Augen, rötliches Haar und große Körper, die nur für den Angriff geeignet sind. Sie ertragen Kälte und Hunger, da sie durch Klima und Boden daran gewöhnt sind, jedoch kaum Hitze und Durst.
Land und Landschaft
3) Das Land ist im Gesamtbild, auch wenn es in Einzelheiten Unterschiede aufweist, insgesamt schauerlich durch Wälder oder hässlich durch Sümpfe.
Bodenschätze
4) Ob die Götter Germanien Gold und Silber gnädig oder zornig verweigert haben, ist zweifelhaft.
Herrschaft und Führung
5) Die Könige werden nach ihrem Adel, die Heerführer nach ihrer Tapferkeit gewählt. Die Macht der Könige ist weder unbegrenzt noch frei; die Heerführer leiten eher durch Beispiel und Bewunderung als durch Befehl.
Religion
6) Im Übrigen glauben sie, dass man die Götter weder in Wände einschließen noch ihnen menschliche Gestalt geben dürfe; ihrer Größe entspreche dies nicht. Sie verehren Haine und Wälder.
Strafen für Verbrechen
7) Verräter und Überläufer hängen sie an Bäumen auf; Feiglinge, Kriegsuntaugliche und Schandbare ertränken sie im Sumpf, wobei sie einen Flechtwerkhürde darüberlegen und mit Steinen beschweren.
Zeitrechnung und Versammlungen
8) Zu bestimmten Tagen versammeln sie sich, wenn der Mond zunimmt oder voll ist, denn sie glauben, dies sei der glückbringendste Beginn für alle Unternehmungen.
Ehre und Gefolgschaft
9) Im Krieg gilt es als Schande für den Fürsten, an Tapferkeit übertroffen zu werden, und für das Gefolge, die Tapferkeit des Fürsten nicht zu erreichen. Wer jedoch seinen Fürsten im Kampf überlebt und aus der Schlacht zurückkehrt, dessen ganzes Leben ist beschämt und entehrt. Ihr wichtigster Eid lautet: Die Gefolgsleute kämpfen für den Sieg ihres Fürsten; die Fürsten selbst kämpfen für den Sieg.
Landbau und Krieg
10) Man kann die Germanen nicht so leicht dazu überreden, das Land zu bestellen und das Jahr abzuwarten, wie den Feind herauszufordern und sich Wunden zu verdienen. Es scheint ihnen träge und saumselig, mit Schweiß zu erwerben, was man mit Blut gewinnen kann.
Ehe
11) Die Ehe ist streng. Fast einzigartig unter den Barbaren begnügen sich die Germanen mit jeweils einer Frau, mit wenigen Ausnahmen, die nicht aus Lust, sondern wegen ihres Adels viele Ehen eingehen.
Brautgabe und Mitgift
12) Die Mitgift bringt nicht die Frau dem Mann, sondern der Mann der Frau. Eltern und Verwandte sind anwesend und billigen die Geschenke. Diese Geschenke sind keine Dinge für weibliche Eitelkeit oder zum Schmuck der Braut, sondern ein Paar Ochsen, ein gezäumtes Pferd, ein Schild samt Speer und Schwert.
Ehebruch und Sittlichkeit
13) Ehebrüche sind bei so zahlreichen Völkern äußerst selten. Ihre Strafe erfolgt sofort und ist dem Ehemann überlassen: Die Frau wird das Haar abgeschnitten, sie wird nackt vor den Verwandten aus dem Haus gewiesen und vom Ehemann durch das ganze Dorf mit Peitschenhieben getrieben. Denn für Sittsamkeit gibt es keine Nachsicht: Weder Schönheit, noch Jugend, noch Reichtum verschaffen ihr einen neuen Mann. Niemand lacht dort über Laster, und Verführung und Verführtwerden heißt nicht "Zeitgeist".
Kinder und Sitten
14) Die Anzahl der Kinder zu begrenzen oder eines der Neugeborenen zu töten, gilt als Verbrechen. Und dort gelten gute Sitten mehr als anderswo gute Gesetze.
Speisen und Getränke
15) Als Getränk dient ein aus Gerste oder Weizen gewonnener Saft, der in gewisser Weise dem Wein ähnelt. Die Speisen sind einfach: wilde Früchte, frisches Wild und geronnene Milch. Ohne Zubereitung und ohne Feinheiten stillen sie den Hunger. Gegen den Durst jedoch zeigen sie keine gleiche Mäßigung: Wenn man ihrer Trunksucht nachgibt und ihnen so viel liefert, wie sie begehren, werden sie nicht weniger durch ihr Laster als durch Waffen besiegt.
Mahnung an die Römer
17) Mögen die Völker bleiben, und zwar dauerhaft, wenn nicht Liebe zu uns, so doch gewiss Hass untereinander. Denn wenn die Schicksale des Reiches drängen, kann nichts Größeres als die Zwietracht unter den Feinden das Reich stärken.
Herkules und der Ozean
18) Ob Herkules die Säulen des Herkules erreicht hat, wie überall verkündet wird, oder nicht, ist wunderbar: Wir einigten uns darauf, den Ruhm des Herkules auch auf Germanien zu beziehen. Dem Germanicus Drusus hinderte der Ozean daran, sich selbst und zugleich Herkules zu erforschen. Später wagte niemand mehr den Versuch, und man glaubt die Taten der Götter eher, als dass man sie wissen will.
Die Harier
19) Über die oben aufgezählten Völker hinaus übertreffen die Harier an Kräften, und mit ihrer angeborenen Wildheit verbinden sie durch Kunst und Zeit eine Verstellung: Sie färben ihre Schilde schwarz und ihre Körper dunkel. Sie wählen für den Kampf die dunkelsten Nächte und flößen durch Schrecken und Schatten ein totenähnliches Heer ein, dem kein Feind standhält, da ihnen ein neuer und gleichsam höllischer Anblick entgegentritt; denn in allen Schlachten werden zuerst die Augen besiegt.
Das Meer jenseits der Sueonen
20) Jenseits der Sueonen liegt ein anderes Meer, ruhig und fast bewegungslos, das den Erdkreis umschließt. Man glaubt, dies sei so, weil die letzte Glut der untergehenden Sonne bis zum Aufgang währt und so hell leuchtet, dass sie die Sterne überstrahlt. Außerdem, so glaubt man, hört man das Geräusch der aufsteigenden Sonne, sieht die Gestalten der Pferde und die Strahlen ihrer Häupter.