Die germanische Lautverschiebung und das Vernersche Gesetz
Eingeordnet in Wirtschaft
Geschrieben am in
Deutsch mit einer Größe von 6,88 KB
Die germanische Lautverschiebung
Einleitung und erste Lautverschiebung
Unter dem Terminus erste Lautverschiebung fassen wir eine ganze Reihe von lautlichen Vorgängen zusammen, von denen die indogermanischen Verschlußlaute betroffen werden:
1. Die indogermanischen stimmlosen Verschlußlaute und behauchten Laute
Die indogermanischen stimmlosen Verschlußlaute (Tenues) p, t, k und die indogermanischen stimmlosen behauchten (aspirierten) Verschlußlaute ph, th, kh wurden im Germanischen zu den stimmlosen Reibelauten (Frikativen oder Spiranten) f, p, x.
Beispiele:
- aind. Pitår-, griech. patēr, lat. pater, got. fadar, engl. father, ahd. fater (Vater).
- aind. nápāt (Abkömmling), lat. nepōs (Enkel, Neffe, Nachkomme, Verwandter), ags. néfa, nhd. Neffe.
- aind. phéno (Schaum), ags. fūm, ahd. feim (Schaum).
- aind. tråyas, griech. tréis, lat. tres, got. þreis, engl. three, as. thria, thriu (drei).
- lat. mentum (Kinn) – got. munþs, as., afries. mūth (Mund).
- griech. trėchó (ich laufe, renne) – got. laupan.
- griech. kardia, lat. cor, engl. heart (Herz).
- lat. pecus (Vieh), got. faihu (Geld), ahd. fihu (Vieh).
- aind. rėkha – ahd. riha (Reihe).
Ausnahmen:
In den Verbindungen sp, st, sk blieben p, t, k allerdings auch im Germanischen erhalten, vgl. lat. spuere – got. speinan, speien; lat. hostis (Feind, eigentlich Fremdling) – got. gasts (Gast); lat. noscere – ags. miscian, ahd. miskan (mischen). Der Ausdruck Lautverschiebung beruht auf der alten Auffassung, daß die betreffenden Konsonantengruppen beim Übergang zum Urgermanischen gegenseitig ihre Plätze gewechselt, verschoben hätten. Ebenso bleibt f nach k und p unverschoben, vgl. lat. octo – got. ahtau, as., ahd. ahto (acht); lat. neptis, ahd. nift (Enkelin, Stieftochter).
2. Die indogermanischen stimmhaften behauchten Verschlußlaute
Die indogermanischen stimmhaften behauchten Verschlußlaute bh, dh, gh wurden im Germanischen zu den stimmhaften Reibelauten b, d, g, die später größtenteils zu Plosiven werden.
Beispiele:
- aind. bhrātar, griech. phrátōr, lat. frāter – got. brōþar, as. brōthar, engl. brother (Bruder).
- aind. dhūr, griech. thÿra, lat. fores – got. daúrōns, engl. door (Tür).
- griech. khórtos, lat. hortus – got. gards (Haus, Familie, Hof).
3. Die indogermanischen stimmhaften Verschlußlaute
Die indogermanischen stimmhaften Verschlußlaute b, d, g werden im Germanischen zu den stimmlosen Verschlußlauten p, t, k.
Beispiele:
- Lat. labium – nhd. Lippe
- Griech. kardia – engl. heart
- Lat. genu – nhd. Knie
Das Vernersche Gesetz
Die auf Grund des unter 1. dargelegten Lautwandels entstandenen germanischen stimmlosen Reibelaute f, p, x wurden, ebenso wie der stimmlose Reibelaut s, unter bestimmten Bedingungen zu den stimmhaften Reibelauten b, d, g bzw. z und fielen so mit den aus indogermanisch bh, dh, gh entstandenen b, d, g zusammen.
Dieser Vorgang trat ein, wenn der dem Verschiebelaut unmittelbar vorausgehende Vokal im Indogermanischen nicht den Akzent trug. Lag der Akzent unmittelbar auf dem vorausgehenden Vokal, blieben die Laute stimmlos. So entsprach dem griechischen patér zunächst ein germanisches sapár, das zu fadár wurde und im Gotischen dann als fádar erschien. Die weitere Verschiebung des p zu d erfolgte, weil der Akzent hinter dem Spiranten lag. Dem griechischen phátōr dagegen entspricht ein gotisches brōþar mit stimmlosem þ, weil im Indogermanischen der Akzent dem Verschiebelaut unmittelbar vorausging.
Der Lautwandel ist also noch vom indogermanischen Wortakzent bestimmt und vor dem Eintreten der germanischen Anfangsbetonung, aber nach der germanischen Lautverschiebung erfolgt. Es zeigt sich somit, daß zur Zeit der germanischen Lautverschiebung noch der indogermanische Wortakzent bestand.
Entdeckung und grammatischer Wechsel
Die hier beschriebene Lautgesetzlichkeit wurde von dem Dänen Karl Verner im Jahre 1875 entdeckt und heißt deshalb das Vernersche Gesetz.
Warum heißt es ziehen, aber gezogen – obwohl in beiden Fällen ein indogermanisches k zugrunde liegt? Diese und ähnliche Fälle nannte J. Grimm grammatischen Wechsel, konnte sie aber nicht erklären. Die Lösung des Problems fand der dänische Sprachforscher Karl Verner, weswegen die Erscheinung auch Verners Gesetz genannt wird.
Genau wie heute noch bisweilen ein stimmloser Reibelaut im Inlaut vor einer betonten Silbe stimmhaft ausgesprochen werden kann – wahrscheinlich als eine Art Aussprachehilfe (z. B. dt. Nerven, nervös; engl. possible, possess) –, war dies im Urgermanischen auch der Fall. Die durch die 1. Lautverschiebung aus p, t, k entstandenen f, p, x sowie das s wurden nämlich – wenn der indogermanische Akzent nicht auf der unmittelbar vorhergehenden Silbe lag – stimmhaft ausgesprochen.
Zusammenfassung der Akzentregeln
- Akzent auf der unmittelbar vorhergehenden Silbe: stimmlos
- Akzent nicht auf der unmittelbar vorhergehenden Silbe: stimmhaft
Dies geschah, bevor der germanische Akzent auf die erste Silbe festgelegt wurde. Die Betonung auf der Endsilbe hatten z. B. Wörter wie im Indoeuropäischen und die Verbformen Prät. Plur. und Part. Prät. (z. B. indoeuropäisch uezume). Hieraus ist ein Konsonantenwechsel entstanden, der nachwirkt, obwohl er in älteren Sprachperioden häufiger war und in neuerer Zeit allmählich durch Analogie ausgeglichen wurde.
Lautliche Veränderungen haben bewirkt, daß im Neuhochdeutschen nun folgende Konsonanten im grammatischen Wechsel stehen: d. h. als stimmhafte Reibelaute [b], [d], [g] und [z]. In den germanischen Sprachen außer im Gotischen wurde dann [z] zu r (z. B. f : b, d : t, h : g, s : r).