Geschichte der Arbeiterbewegung: Von Marxismus bis Anarchismus
Eingeordnet in Sozialwissenschaften
Geschrieben am in
Deutsch mit einer Größe von 4,3 KB
Wurzeln der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand durch die industrielle Revolution eine neue soziale Klasse: die Industriearbeiter. Sie setzten sich aus ehemaligen Bauern und Handwerkern zusammen, deren Existenz durch die Mechanisierung zerstört wurde. Die Lebensbedingungen waren miserabel, geprägt durch die Ausbeutung der Bourgeoisie. England wurde zum Ausgangspunkt der ersten organisierten Schritte:
- Luddismus: Benannt nach Ned Ludd, befürwortete diese Bewegung die Zerstörung von Maschinen. Die britische Regierung reagierte 1811 mit einem Gesetz, das Maschinenzerstörung mit dem Tode bestrafte.
- Gewerkschaften: 1824 erhielten Arbeiter in England erstmals das Recht, sich zu organisieren. Zuvor drohte bei Ablehnung der Arbeitsbedingungen oft die Gefängnisstrafe.
- Chartismus: Diese Bewegung verknüpfte den sozialen Kampf mit politischen Forderungen. Die People's Charter von 1838 forderte unter anderem das allgemeine Wahlrecht, geheime Wahlen und die Abschaffung von Eigentumsnachweisen für Abgeordnete.
Utopischer Sozialismus
In Frankreich entstand vor 1845 der Begriff des Sozialismus, der eine egalitäre Gesellschaft ohne Privateigentum anstrebte. Wichtige Vertreter waren:
- Saint-Simon (1760–1825): Er unterteilte die Gesellschaft in „Müßiggänger“ (Adel, Rentner) und „Produzenten“ (Arbeiter, Bankiers, Kaufleute) und sah im Privateigentum die Ursache für Armut und Ungleichheit.
- Fourier (1772–1837): Er entwarf die Gesellschaft als Zusammenschluss kleiner Gemeinden, sogenannter Phalansterien.
- Robert Owen (1771–1858): Er setzte sich für bessere Arbeitsbedingungen ein (10-Stunden-Tag, Verbot von Nachtarbeit), förderte Genossenschaften und freie Schulen. Sein Projekt New Harmony in den USA scheiterte jedoch.
Marxismus und Anarchismus im Vergleich
Historische Konzepte
- Marxismus: Der Motor der Geschichte ist der Klassenkampf (historischer Materialismus). Das Proletariat soll durch eine organisierte Revolution die Staatsgewalt erlangen.
- Anarchismus: Betont die Bedeutung des Individuums. Die Revolution erfolgt spontan durch Bauern und Arbeiter, ohne zentrale Parteiorganisation.
Staat und Einfluss
- Marxismus: Strebt die „Diktatur des Proletariats“ an. Er führte zur Gründung sozialistischer Parteien, die in entwickelten Ländern (z. B. Deutschland) parlamentarischen Einfluss gewannen.
- Anarchismus: Lehnt den Staat und politische Macht ab. Er verbreitete sich vor allem in weniger entwickelten Ländern wie Spanien, Italien und Russland.
Internationale Arbeiterbewegung
Die Erste Internationale (1864–1876)
Unter maßgeblicher Beteiligung von Karl Marx gegründet, forderte sie die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiter selbst. Konflikte zwischen Marxisten und Anarchisten sowie das Scheitern der Pariser Kommune führten zu ihrer Auflösung.
Die Zweite Internationale (1889)
In Paris gegründet, war sie marxistisch geprägt und schloss Anarchisten aus. Hier kam es zum Konflikt zwischen gemäßigten und radikalen Sozialisten:
- Revisionismus (Bernstein): Lehnte den revolutionären Weg und die Theorie des Klassenkampfs ab; setzte auf Reformen innerhalb des kapitalistischen Systems.
- Revolutionäre Tendenz: Forderte weiterhin den Sturz des Kapitalismus und die Errichtung der Diktatur des Proletariats.
Soziallehre der Kirche und Frauenbewegung
Rerum Novarum
Papst Leo XIII. veröffentlichte 1891 die Enzyklika Rerum Novarum. Sie verurteilte den Marxismus wegen seines Atheismus und des Angriffs auf das Privateigentum, forderte aber gleichzeitig einen respektvollen Umgang zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
Die Frauenbewegung
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Großbritannien eine starke feministische Bewegung. Unter Führung von Emmeline Pankhurst kämpften Frauen für das Wahlrecht, das in Spanien beispielsweise erst 1931 erreicht wurde.