Geschichte der Kirchenmusik: Vom Choral zur Polyphonie
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Der Gregorianische Choral und die Liturgie
Der Gregorianische Choral ist ein einstimmiger Gesang ohne instrumentale Begleitung in lateinischer Sprache, der die katholische Liturgie prägt. Papst Gregor I. vereinheitlichte die Gesänge in ganz Europa. Die Messe folgt stets einer festen Struktur. Während die Gesänge des Ordinariums (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei) unverändert bleiben, variiert das Proprium je nach Text des liturgischen Jahres oder dem Fest des Heiligen (Introitus, Graduale, Alleluja, Offertorium und Communio).
Die Melodie des Gregorianischen Chorals hat einen begrenzten Tonumfang und bewegt sich oft in schrittweisen Intervallen. Die Struktur wird nicht durch die Musik, sondern durch den Text bestimmt. Es gibt drei verschiedene Gestaltungsformen: syllabisch (jede Silbe trägt eine Note), neumatisch (eine Silbe trägt zwei bis vier Noten) und melismatisch (eine Silbe wird über mehr als vier Töne gedehnt). Das Tempo wird nicht explizit notiert; die Dauer der Noten hängt vom Rhythmus des Textes ab. Der Gregorianische Choral kann auf drei Arten gesungen werden: Solo (der Priester oder Kantor singt allein), Responsorial (abwechselnd Solo und Chor) und Antiphonal (abwechselnd zwei Chöre oder Chor und Gemeinde).
Ars Antiqua und Ars Nova
Ars Antiqua: Diese Schule von Komponisten in Paris, angeführt von Leonin und Perotin, war das Zentrum der Polyphonie, von wo aus sie sich über ganz Europa ausbreitete.
Ars Nova: In dieser Epoche wurde die Polyphonie zunehmend raffinierter, moderner und erlangte große Popularität.
Frühe Formen der Mehrstimmigkeit
- Das Organum: Zur gregorianischen Melodie wird eine tiefere Stimme im Intervall einer Quarte oder Quinte hinzugefügt. Die Stimmen bewegen sich in Parallelbewegung.
- Der Discantus: Die Stimmen bewegen sich zur gregorianischen Melodie in Gegenbewegung.
- Das melismatische Organum: Jeder Note der gregorianischen Melodie entsprechen mehrere Noten der organalen Melodie.
- Conductus: Ein Werk für zwei oder drei Stimmen (Triplum, Duplum und Tenor), das eine vollständige Neuschöpfung darstellt.
- Motette: Eine Komposition für drei oder mehr Stimmen, die auf einer gregorianischen Melodie im Tenor basiert, über der zwei oder drei Stimmen unterschiedliche Melodien und Rhythmen singen.
- Messe: Die Teile des Ordinariums erhielten vor allem bei feierlichen Anlässen eine regelmäßige polyphone Bearbeitung.
- Ballade, Virelai und Rondeau: Dies sind weltliche polyphone Vokalwerke.
Vokale Formen der Renaissance
- Madrigal: Eine freie polyphone Form (4–5 Stimmen), die in Italien und England entstand. Der poetische Text wird durch kontrapunktische und homophone Abschnitte musikalisch beschrieben.
- Chanson: Eine französische polyphone Form mit freier Struktur. Sie kann instrumentale Begleitung enthalten, wobei die Oberstimme die wichtigste Melodie führt.
- Villancico: Eine literarisch-musikalische Form, die ursprünglich weltlich war und später religiöse sowie populäre Themen aufgriff.
In der polyphonen kontrapunktischen Struktur dominiert das Geflecht der Stimmen, wobei in der Spätzeit oft homophone Texturen und die melodiebegleitete Polyphonie hinzukamen.
Instrumentenkunde der Epoche
Chordophone (Saiteninstrumente)
- Zupfinstrumente: Laute, Drehleier, Theorbe, Harfe.
- Streichinstrumente: Viola da braccio, Viola da gamba.
- Tasteninstrumente: Spinett, Virginal, Cembalo, Clavichord.
Aerophone (Blasinstrumente)
- Holzblasinstrumente: Blockflöte, Dudelsack, Schalmei.
- Metallblasinstrumente: Zink (Cornetto), Trompete, Posaune, Krummhorn, Serpent, Bombarde.
Perkussion
- Idiophone: Rasseln, Tamburin.
- Membranophone: Trommel, Pauke.
Reformatorische Musikformen
- Choral: Ein homophones, polyphones Stück in deutscher Sprache, das für den Gemeindegesang konzipiert wurde und eine einfache Struktur aufweist.
- Anthem: Polyphone Kirchenmusik mit englischen Texten, oft in homophoner Satzweise.
Die Musik nach dem Konzil von Trient
Vor dem Konzil von Trient befreite sich die franko-flämische religiöse Musik von starren modalen Notationen und entwickelte einen natürlichen Rhythmus sowie weichere Harmonien. Die kontrapunktische Polyphonie weitete sich auf 4 bis 6 Stimmen aus. Nach dem Konzil von Trient setzte die päpstliche Kapelle in Rom neue Leitlinien für die Kirchenmusik:
- Messe: Komponisten wie Palestrina und Victoria fanden das Gleichgewicht zwischen komplexer Polyphonie und der Verständlichkeit des lateinischen Textes.
- Motette: Die Mehrtextigkeit und Isorhythmie der Ars-Nova-Zeit wurden aufgegeben; die Motette wurde zu einer rein religiösen Gattung.
Bedeutende Schulen und Vertreter
- Franko-flämische Schule: G. Dufay, J. Ockeghem, C. Janequin, O. di Lasso.
- Englische Schule: W. Byrd, J. Dowland.
- Italienische Schule: J. Ciconia, G. P. da Palestrina, G. Gabrieli, C. Gesualdo.
- Spanische Schule: J. del Encina, T. L. de Victoria, F. Guerrero, C. Morales, A. de Cabezón, L. de Milán.