Die Geschichte der Troubadourdichtung und katalanischen Lyrik
Eingeordnet in Sprache und Philologie
Geschrieben am in
Deutsch mit einer Größe von 6,38 KB
Troubadourdichtung
Im 12. Jahrhundert entstanden in Katalonien die ersten Beispiele für Lyrik in romanischer Sprache: die Troubadourdichtung.
Provenzalisch als Sprache der Dichtung
Diese wurde nicht auf Katalanisch, sondern in provenzalischer oder okzitanischer Sprache bis ins 15. Jahrhundert gepflegt. Die Gründe, warum das Provenzalische im katalanischen Gebiet übernommen wurde, waren:
- Der große Erfolg und das Ansehen, das die Troubadourdichtung in ganz Westeuropa erreichte.
- Die geographische Nähe, welche die politischen, kulturellen und ökonomischen Beziehungen zwischen Südfrankreich und den katalanischen Reichen begünstigte.
- Die Ähnlichkeit der katalanischen und okzitanischen Sprache, was die Verwendung des Okzitanischen durch katalanische Troubadoure erleichterte.
Feudale Dichtung
Im Süden bildete das Gebiet unabhängiger Gefährten mit derselben Sprache (Okzitanisch) und derselben Sozialpolitik (Feudalismus) den Rahmen. Die Poesie behandelte religiöse und weltliche Themen: Liebe, Krieg, Freuden und Leiden der Menschen jener Zeit. Sie reflektierte die Ideale der feudalen Gesellschaft: Liebe und Krieg.
Die höfische Liebe (Liebesideologie)
Der Liebende wurde zum Vasallen (om) der Dame, die er liebte – einer starken und edlen Frau.
- Herrin: Die Dame hat einen höheren sozialen Status; sie ist ausgezeichnet, gut, mächtig, verheiratet und im Recht.
- Vasall: Er schwört seiner Herrin Treue, ist von ihrer Güte abhängig und nimmt eine flehende Haltung ein.
Beteiligte Personen:
- Gilos: Der eifersüchtige Ehemann der Dame.
- Lausengiers / Malditzants: Spione und Verleumder.
- Fenhedor: Der schüchterne Liebende.
- Pregador, Senhal, Entendedor, Drutz: Weitere Rollen und Begriffe der Liebesstufen.
Troubadoure und Gaukler
- Troubadour: Verfasste Gedichte und Musik in okzitanischer Sprache. Er konnte dem hohen oder niederen Adel angehören. Im zweiten Fall war er ein Profi, der von dieser Kunst lebte. Adlige Troubadoure wie Wilhelm von Poitiers dichteten zum Vergnügen in ihrer Freizeit.
- Gaukler (Jongleur): Rezitierte die Gedichte der Troubadoure bei öffentlichen Veranstaltungen. Sie gehörten der niederen Klasse an und waren professionelle Unterhalter, die auch tanzten. Man unterscheidet den lyrischen Sänger (interpretiert Lyrik) vom epischen Sänger (interpretiert Epen).
Die drei Kunststile:
- Trobar leu: Leichte Verständlichkeit für das Publikum.
- Trobar clus: Verschlossener Ausdruck, schwer zu verstehen.
- Trobar ric: Verfeinerte, reiche Form.
Das Ziel des Gauklers war eine ästhetische Wirkung; es ging nicht primär um die Originalität der persönlichen Erfahrung.
Themen und Subgenres der Troubadourlyrik
- Canso (Lied): Subtile und poetische Sprache zum Lob einer Dame gemäß den Regeln der höfischen Liebe.
- Pastorela: Dialog zwischen einem Ritter und einer Schäferin, die er zu erobern versucht.
- Alba (Tagelied): Besingt die Ankunft des Tages und die Trauer der Liebenden, die sich nach einer heimlichen Nacht trennen müssen, um nicht entdeckt zu werden.
- Sirventes (Kriegsdichtung): Politische oder moralische Dichtung, oft im Kontext von Kriegen.
- Planh: Klagegesang über den Tod einer Person.
- Tenso: Streitgespräch oder Debatte zwischen zwei Troubadouren.
Übergang zur katalanischen Lyrik: Jordi de Sant Jordi
Der valencianische Dichter folgt Troubadour-Themen, bricht jedoch die Steifigkeit der höfischen Dichtung durch größere Aufrichtigkeit auf.
Gedicht "Estramps" (reimlos):
- Thema: Troubadour-Motive (Tod aus Liebe).
- Form: Reimlose Verse (Versos estramps).
- Sprache: Provenzalisch.
- Besonderheit: Ausdruck von Nostalgie, wie im Gedicht "Prisoner".
Ausiàs March
Geboren in Gandia (Safor) ca. 1397 bis 1459 in Valencia. Er war 28 Jahre lang Soldat und wurde später vom König zum Großfalkner (Major Falconer) ernannt. Er war zweimal verheiratet: zuerst mit Isabel Martorell und später mit Joana Escorna; er hatte keine Nachkommen.
Innovative Poesie
Sein Werk markiert den Bruch mit der Troubadour-Tradition und umfasst 128 Gedichte. Seine Themen kreisen um drei Bereiche: Liebe und die Beziehung zu Frauen, Moral und Spiritualität sowie der Tod.
- Thema: Er beschreibt eine reale, menschliche Frau und überwindet das Konzept der höfischen Idealisierung.
- Stil: Er verlässt die typischen Troubadour-Themen und wählt eine Sprache voller Alltagsbilder.
- Sprache: Sehr reines Katalanisch mit wenigen Provenzalismen; er gilt als der erste große Dichter in dieser Sprache.
Ausiàs March vermittelt seine Stimmung mit großer Aufrichtigkeit und bevorzugt kraftvolle Bilder. Ein weiteres Merkmal ist sein Individualismus, der das Gefühl der Intimität stärkt.
Jaume Roig
Ein herausragender Vertreter des 15. Jahrhunderts in Valencia. Sein Hauptwerk ist "Espill" (Der Spiegel), auch bekannt als "Buch der Ratschläge für Frauen". Es ist ein Werk der literarischen Frauenfeindlichkeit. Roig lässt den Charakter der Frauen in der ersten Person durch eine Erzählung (ca. 16.000 Verse) von Umständen darstellen, die als moralische Ratschläge enden.
"Der Spiegel" ist eine bösartige Karikatur gegen Frauen. Der Protagonist gehört nicht dem Adel an, sondern sucht nach bürgerlichem Wohlergehen. Im Laufe des Romans erlebt er viele Ehen mit Frauen, die sich als schlecht erweisen. Schließlich erscheint ihm Salomo und rät ihm von der Ehe ab. Das Werk enthält fast nur frauenfeindliche Klischees; Ausnahmen bilden lediglich die Mutter Gottes und die Ehefrau von Jaume Roig.