Gesellschaftlicher Wandel in Spanien (1900–1930)
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1. Die komplexe Modernisierung der Gesellschaft
1.1. Demografische Dynamik und Bevölkerungsverteilung
Zwischen 1900 und 1930 verzeichnete die Bevölkerung ein starkes Wachstum (von 18.616.630 auf 23.667.095 Einwohner). Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war das Wachstum jedoch moderat.
Dennoch überdauerte ein altes demografisches Regime, in dem die natürlichen Sterblichkeitsraten aufgrund von unsicherer Wasserversorgung, Seuchen und anderen Faktoren sehr hoch blieben. Diese Schwierigkeiten verzögerten das Bevölkerungswachstum, und die einzige Chance, ihnen zu entkommen, war die Emigration.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts führten medizinischer Fortschritt und verbesserte Hygiene dazu, dass sich dieser tödliche Kreislauf umkehrte. Die Sterblichkeit sank und die Lebenserwartung stieg. Das Land blieb zwar überwiegend ländlich geprägt, doch die ländlichen Gebiete begannen sich zu entvölkern. Die Bevölkerung verlagerte sich zunehmend von der Mitte an den Rand der Halbinsel sowie von ländlichen in städtische Gebiete.
1.2. Starke soziale Ungleichheiten
Eine der deutlichsten Manifestationen der sozialen Ungleichheit waren die hohen Analphabetenraten jener Epoche. Ein weiterer Unterschied ergab sich zwischen den Geschlechtern, da die durchschnittliche Analphabetenquote bei Frauen höher war.
Die Gesellschaft gliederte sich in:
- Oberschicht: Eine kleine Gruppe, bestehend aus dem alten Adel, Großgrundbesitzern sowie Führungskräften aus Staat und Militär.
- Mittelschicht: Eine sich modernisierende Gruppe, darunter kleine und mittlere Grundbesitzer, Rechtsanwälte, Ärzte und Ingenieure.
- Unterschicht: Die Mehrheit der Bevölkerung. Viele lebten in Armut, waren Analphabeten und sahen in der Emigration ihre einzige Lösung. Ein wachsender Teil dieser Schicht bestand aus Handwerkern und Arbeitern.
1.3. Die ländliche Welt
Der Großteil der spanischen Erwerbstätigen war im Primärsektor (Landwirtschaft, Fischerei) beschäftigt. Zwischen 1900 und 1930 sank die Beschäftigung in der Landwirtschaft, während die Abwanderung in die Städte zunahm. Trotz Modernisierungsversuchen litt die ländliche Welt unter ernsten Defiziten:
- Im Süden: Dominanz des Großgrundbesitzes (Latifundien), bei geringer Produktivität.
- Im Norden: Dominanz des Kleinbauerntums (Minifundien), deren Erträge oft nicht ausreichten, um eine Familie zu ernähren.
Diese prekären Bedingungen waren ein Hauptgrund für die Binnen- und Außenmigration.
1.4. Die „Inseln der Industrialisierung“
Die Industrialisierung in Südeuropa verlief ungleichmäßig. Es bildeten sich spezifische industrielle Zentren inmitten einer agrarisch geprägten Welt, die sogenannten „Inseln der Industrialisierung“:
- Katalonien (Barcelona): Das bedeutendste und älteste Industriezentrum Spaniens. Es dominierte die Textilindustrie, gefolgt von der chemischen Industrie, dem Maschinenbau, der Lebensmittelverarbeitung und der Zementherstellung. Wichtige Neuerungen waren die Einführung von Elektrizität und metallurgischen Verfahren.
- Baskenland: Hier gab es bereits eine starke Eisen- und Kohleindustrie sowie eine mechanische Siderometallurgie.
Eine Branche, die in beiden Regionen wuchs, war das Baugewerbe. Zudem vollzog sich ein Wandel in der Wirtschaftspolitik: Man wechselte vom Freihandel (Befürwortung des freien Waren- und Kapitalverkehrs) hin zum Protektionismus, um die heimische Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz zu schützen.