Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Erkenntnislehre

Eingeordnet in Philosophie und Ethik

Geschrieben am in Deutsch mit einer Größe von 10,68 KB

Punkt 3: Wissenschaftliche Realität und Methodik

1. Materielle und objektive Realität

Das Ziel ist das, was der Vernunft entgegengesetzt ist und nicht auf diese reduziert werden kann. Geometrische Figuren sind objektive Realitäten für diejenigen, die Mathematik studieren. Es verhält sich ebenso wie mit der materiellen Realität oder anderen Gegebenheiten an sich.

2. Zusammensetzung der Wissenschaft

Die Wissenschaft ist die Menge an Wissen über die angeblich existierende Realität, durch die wir objektive Gegebenheiten erreichen können. Der Weg der Wissenschaft, um etwas über den Gegenstand des Wissens zu erfahren, wird als Methode der Erkenntnis bezeichnet. Wissenschaften sind durch ihren Zweck und ihre Erkenntnismethode geprägt.

3. Ontologische Voraussetzungen

Es besteht die Tendenz, die Wirklichkeit mit dem Kosmos zu identifizieren. Demnach gibt es keine übernatürliche Wirklichkeit – oder falls sie existiert, ist sie für die wissenschaftliche Erkenntnis irrelevant, da natürliche Phänomene natürliche Ursachen haben. Die Phänomene des Kosmos geschehen auf die gleiche Weise: Gleiche Ursachen führen zu gleichen Wirkungen.

4. Erkenntnistheoretische Voraussetzungen

Die Ordnung des Kosmos kann erkannt und beschrieben werden. Die Wahrheit oder Falschheit von Aussagen wird durch Beobachtung und Experimente bewiesen. Die Beschreibung von Naturphänomenen ermöglicht Vorhersagen. Wie durch Beobachtung und Experiment gezeigt wurde, ist wissenschaftliche Erkenntnis universal.

5. Die Frage der Methode

Es gilt festzustellen, ob es eine Methode gibt – also eine Folge von rationalen Schritten –, um unser Wissen gewissenhaft zu verbessern. Es stellt sich die Frage, ob der Wissenszuwachs einer festen Abfolge von Schritten folgt. Traditionell wurde die experimentelle Methode als hypothetisch-deduktive Methode vorgeschlagen.

6. Klassifizierung der Wissenschaften

  • 6.1 Formale Wissenschaften: Wie Logik und Mathematik. Sie werden durch die axiomatische Methode untersucht; das Ziel der Erkenntnis sind logisch-formale Strukturen.
  • 6.2 Empirische Wissenschaften: Unterteilt in Natur- und Geisteswissenschaften (wie Physik, Biologie, Medizin und Psychologie). Sie nutzen die hypothetisch-deduktive Methode und arbeiten experimentell an Natur, Kosmos und Mensch.

7. Axiomatische Methode in formalen Wissenschaften

Aus Axiomen werden logisch notwendige Konsequenzen abgeleitet. Ein Axiomensystem ist wahr, wenn daraus keine widersprüchlichen Aussagen abgeleitet werden können. Die Folgen werden mit dieser Methode untersucht, da ein Widerspruch die Wahrheit in Mathematik und Logik ausschließt.

8. Die hypothetisch-deduktive Methode

Diese folgt diesen Schritten:

Beobachtung der Phänomene und Annäherung an das Problem. Vorschlag einer Hypothese. Ableitung von Schlussfolgerungen.

9. Kritik der hypothetisch-deduktiven Methode

  • A) Es ist nicht sicher, dass eine Entdeckung immer diesen vier Schritten folgt.
  • B) Die Schritte definieren rationale Operationen der wissenschaftlichen Arbeit, aber nicht zwingend in dieser festen Reihenfolge.
  • C) Die Beobachtung steht am Anfang des wissenschaftlichen Problems, aber Untersuchungen werden oft erst später ausgelöst.
  • D) Die Hypothese ist der entscheidende Moment, in dem sich das wissenschaftliche Genie manifestiert (z. B. Galileis Talent bei der Annahme zur Lampenschwingung).
  • E) Das Ableiten von Folgen erfordert deduktives Talent; es ist kein rein mechanisches Verfahren.
  • F) Das Design von Experimenten ist entscheidend und erfordert phantasievollen Aufwand.

10. Das wissenschaftliche Gesetz

Es ist eine Formel, die eine feste Regel des Naturverhaltens beschreibt. Idealerweise trifft sie immer zu. Ein Gesetz beschreibt Phänomene als beobachtbare Episoden der Natur. Das ideale Modell kann in einer mathematischen Formel ausgedrückt werden (z. B. Keplers Gesetze oder Einsteins Masse-Energie-Äquivalenz).

11. Wissenschaftliche Theorie

Eine geistige Struktur, die ein Wissensfeld entwickelt und Phänomene erklärt. Die Wegener-Theorie erklärt beispielsweise die Konturen der Kontinente und die Existenz bestimmter Fossilien.

12. Ideale Struktur einer wissenschaftlichen Theorie

Sie besteht aus Axiomen, die mit den Phänomenen übereinstimmen müssen. Ein ideales Modell ist das von Newton, das Grundprinzipien folgt. Theorien wie die von Wegener oder Annahmen zur Lichtgeschwindigkeit können oft erst spät experimentell vollumfänglich überprüft werden.

13. Das Kuhn-Paradigma

Konzepte von Thomas Kuhn aus der Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Ein Paradigma ist die Referenztheorie eines Wissensfeldes zu einem historischen Zeitpunkt. Wenn ein Paradigma universell akzeptiert ist, spricht man von normaler Wissenschaft. Eine Widerlegung führt zum Paradigmenwechsel und einer wissenschaftlichen Revolution.

14. Der Begriff der Induktion

Induktion ist der Prozess, allgemeine Gesetze aus Einzelfällen abzuleiten. Sie gilt als wichtiger Mechanismus der wissenschaftlichen Bildung. Die Induktion ist ein spezieller Fall der Vernunft, bei dem allgemeine Formeln aus der Erfahrung entwickelt werden.

15. Das Problem der Induktion

Zwischen der Beobachtung von Einzeldaten und einer allgemeinen Formel liegt ein „Sprung ins Ungewisse“. Ein einziger Gegenbeweis kann eine allgemeine Formel ungültig machen. Dies nannte Popper Falsifikation. Die menschliche Vernunft operiert mit universellen Formeln, die auf begrenzten Erfahrungen basieren.

16. Methode der Geisteswissenschaften

Während Naturwissenschaften nach Ursachen suchen, suchen Geisteswissenschaften nach Motiven. Die Hermeneutik (Auslegung) hilft uns, die Bedeutung menschlicher Handlungen zu verstehen. Das Problem ist, dass Interpretationen oft von Ideologien beeinflusst werden und mehrere Deutungen zulassen.

17. Wissenschaft und Technologie

Technik: Wenn Menschen einzelne Schritte ausführen, um etwas herzustellen. Sie erfordert Ausbildung und verleiht Macht durch Utensilien.
Technologie: Eine Menge von Geräten und Verfahren, die in einem Beruf oder von Menschen genutzt werden.

18. Ursprung der Wissenschaft

  • Formale Wissenschaft: Geboren im antiken Griechenland (Mathematik und Logik). Die Logik verbesserte sich im 19. Jahrhundert, die Mathematik machte ab dem 15. Jahrhundert große Fortschritte.
  • Naturwissenschaften: Beginn in der Antike, stark verbessert seit dem späten Mittelalter durch Wissenszuwachs.
  • Geisteswissenschaften: Begannen in der Antike und etablierten sich im 19. Jahrhundert mit neuen Feldern.

Punkt 4: Wahrheit, Gewissheit und Theorien

1. Wahrheit und Lüge

Wahrheit bedeutet Übereinstimmung zwischen Denken/Sagen und der Realität. Die Lüge ist eine bewusst falsche Information mit einer bestimmten Absicht. Die Lüge ist eher ein soziales als ein erkenntnistheoretisches Problem.

2. Gewissheit und Zweifel

Gewissheit ist die feste Überzeugung von der Wahrheit. Zweifel ist die Unsicherheit darüber. Wir erlangen Gewissheit, wenn wir jeden Zweifel ausschließen können.

3. Wesen und Definition

Das Wesen einer Sache wird in ihrer Definition dargelegt.

4. Kern und Einstufung

Das Wesen dient nicht primär der Klassifizierung.

5. Existenz der Wissenschaft

Platon postuliert objektive Essenzen in einer eigenen Welt, welche die physische Realität imitiert. Andere Ansätze (wie bei Dackman/Ockham) betrachten Essenzen als Gemeinsamkeiten von Individuen gleicher Art, um deren Authentizität zu bestimmen.

6. Korrespondenztheorie (Angemessenheit)

Wahrheit ist die Angemessenheit der Vernunft an die Sache (Adaequatio rei et intellectus).
a) Platonisch: Essenzen sind Modelle, welche die Wirklichkeit imitiert.
b) Religiös: Gott schuf die Welt nach einem geistigen Modell.

7. Konsistenz

Zwei Dinge sind konsistent, wenn sie sich nicht widersprechen. Etwas ist folgerichtig, wenn es ohne Widerspruch aus etwas anderem hervorgeht.

8. Konsenstheorie der Wahrheit

Wahrheit wird durch Konsens in menschlichen Gemeinschaften festgelegt. Sie entsteht durch gegenseitige Kritik unter Bedingungen der Freiheit und Gleichheit in einem Dialog aller Betroffenen.

9. Das Problem der Konsenstheorie

Es stellt sich die Frage, ob ein Konsens tatsächlich die objektive Wahrheit garantieren kann.

10. Utilitaristische Theorie (William James)

Wichtig ist nicht die abstrakte Wahrheit, sondern der Nutzen. Wissen ist wahr, wenn es Vorteile bringt. James behauptete etwa, der Glaube an Gott sei „wahr“, weil er Trost und Hoffnung produziere.

11. Pragmatische Theorie

Ein extremer Empirismus: Eine Theorie gilt als wahr, wenn sie in der Praxis positive Ergebnisse liefert und Vorhersagen mit Experimenten übereinstimmen.

12. Skeptizismus

Reicht von vernünftigem Zweifel bis zur absoluten Skepsis. Er gipfelt in der Theorie, dass die endgültige Wahrheit für den Menschen unerreichbar bleibt.

13. Präskriptive Wahrheit und Tatsachen

Manche Wahrheiten sind einfach zu überprüfen. Die Aussage „Zamora ist 90 km von Tordesillas entfernt“ oder Aussagen über körperliche Merkmale sind durch einfache Beobachtung nachprüfbar.

14. Begriff der Theorie in Bezug auf Phänomene

Theorien sind rationale Strukturen, welche die wahrgenommenen Phänomene erklären. Sie legen dar, warum Dinge geschehen oder wie sie beschaffen sind.

15. Beweiskraft eines Experiments

Experimente haben oft eine begrenzte Beweiskraft, da sie meist nur Teilaspekte einer Theorie testen. Die Bedeutung eines Experiments hängt von der Relevanz des getesteten Aspekts ab (z. B. Hubbles Nachweis der Expansion des Universums).

16. Konsistenz in empirischen Wissenschaften

Die Glaubwürdigkeit einer Theorie zeigt sich in ihrer Kohärenz mit den Erscheinungen, anderen Theorien desselben Feldes und angrenzenden Wissensbereichen.

17. Durchsetzung von Theorien

Einige Theorien werden durch Konsens unter Fachleuten eingeführt. Da Wissenschaftler aber auch Konkurrenten sind, setzen sich Theorien oft erst durch ihre überlegene Aussagekraft und stärkere Kohärenz gegenüber anderen Fakten und Umweltbedingungen durch.

Verwandte Einträge: