Heimat in Heimsuchung: Architekt, Tuchfabrikant und Ludwig im Vergleich
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Einleitung
Der vorliegende Textauszug stammt aus dem Roman Heimsuchung von Jenny Erpenbeck aus dem Jahr 2008. Im Roman geht es um verschiedene Menschen, die im Laufe der Geschichte auf demselben Grundstück am Scharmützelsee leben. Der Textausschnitt stammt aus dem Kapitel „Der Architekt“ und handelt von einem Architekten in der DDR, dessen Betrieb und Besitz durch die politischen Veränderungen bedroht werden. Dabei wird vor allem deutlich, dass der Architekt eine sehr enge Beziehung zu seinem Haus, seinem Grundstück und der umgebenden Landschaft hat. Seine Heimat gibt ihm zwar eigentlich Sicherheit und ein Gefühl von Zugehörigkeit, wird durch die politischen Verhältnisse für ihn aber gleichzeitig zu einer großen Belastung.
Hauptteil
Die Heimat als Bindung und Falle
Schon am Anfang des Textes wird deutlich, wie wichtig die Heimat für den Architekten ist. Das zeigt sich direkt an der Stelle: „Wären die Scholle, das Haus und der See nicht seine Heimat, hätte es ihn niemals in der Ostzone gehalten“ (vgl. S. 41, Z. 1–2). Hier wird Heimat mit ganz konkreten Dingen verbunden. Die „Scholle“, das Haus und der See sind für ihn nicht einfach nur ein materieller Besitz, sondern gehören fest zu seinem Leben. Er bleibt deshalb trotz der schwierigen politischen Situation in der DDR.
Kurz danach verändert sich diese Bedeutung von Heimat jedoch schlagartig: „Jetzt wurde ihm die Heimat zur Falle“ (vgl. S. 41, Z. 2–3). Das Wort „Falle“ ist eine Metapher und macht deutlich, dass der Ort, an dem er sich eigentlich sicher und geborgen fühlt, genau das Gegenteil bewirkt. Er kann nicht einfach weggehen oder flüchten, weil er emotional so stark an diesen Ort gebunden ist. Dadurch entsteht ein Widerspruch, denn er möchte einerseits seine Heimat niemals verlassen, andererseits verhindert genau diese Heimat, dass er frei handeln kann.
Die berufliche Bedrohung
Auch seine berufliche Situation wird im Text beschrieben. Der Architekt hat schon nach dem Krieg versucht, seinen Betrieb vor den Russen und später vor den Kommunisten zu schützen. Er konnte sein Architekturbüro und seinen Betrieb zunächst zwar vor der Enteignung noch behalten, trotzdem greifen die Kommunisten nun nach seinem Unternehmen (vgl. S. 41, Z. 11). Dadurch wird deutlich, dass er immer wieder versucht, seine Existenz zu retten, während er den Staat gleichzeitig sehr kritisch sieht.
Dies wird auch durch den Vergleich „Wie Kinder einem Tier“ (vgl. S. 15) verdeutlicht. Die Kommunisten werden mit Kindern verglichen, die gar nicht verstehen, was sie da eigentlich kaputtmachen. Sein Unternehmen wird dabei als ihr „Spielzeug“ (vgl. S. 41, Z. 16) bezeichnet. Dadurch wirkt die Enteignung aus seiner Sicht besonders sinnlos und grausam. Der Architekt hat das Gefühl, dass der Staat völlig rücksichtslos in das Leben der Menschen eingreift.
Besitz und Lebensgeschichte
Besonders wichtig ist außerdem die Beschreibung seines Grundstücks. Er hat „sein ganzes Leben“ (vgl. S. 41, Z. 18) dafür gearbeitet, um sein Geld in etwas Dauerhaftes zu investieren. Sein Besitz ist für ihn deshalb eng mit seiner eigenen Lebensgeschichte verknüpft. Dies zeigt sich an der Metapher „sein ganzes, schwer erarbeitetes Geld war hier festgewachsen“ (vgl. S. 41, Z. 22). Das Geld wird hier so dargestellt, als wäre es regelrecht zu einem Teil der Natur geworden.
Auch die Formulierung „als Eichen, Erlen und Kiefern hier verwurzelt“ (vgl. S. 41, Z. 23) ist eine Metapher. Das Wort „verwurzelt“ passt eigentlich zu Bäumen, wird hier aber direkt auf sein Leben und sein Geld übertragen. Dadurch wird klar, wie tief der Architekt mit dem Ort verbunden ist.
Diese Verbindung wird durch den Satz „Wer baut, klebt nun einmal sein Leben an die Erde“ (vgl. S. 42, Z. 5) noch einmal verstärkt. Das Verb „klebt“ zeigt, dass jemand, der baut, eine besonders starke Bindung zu einem Ort entwickelt. Der Architekt ist schließlich jemand, der selbst Gebäude plant und erschafft. Sein Beruf und seine persönlichen Vorstellungen von Heimat sind deshalb miteinander verbunden.
Das Haus als Rückzugsort
Das Haus selbst ist für den Architekten ebenfalls enorm wichtig. Auch die verwendeten Materialien wie „Feldsteine, Stroh, Reibeputz“ (vgl. S. 42, Z. ) stammen aus der Region. Dadurch versucht der Architekt, eine direkte Verbindung zwischen dem Haus und seiner Heimat herzustellen.
Auffällig ist außerdem die sehr ausführliche Beschreibung des Hauses. Die Erzählung geht teilweise extrem genau auf die Fenster, Mauern und Baustoffe ein. Dadurch wird noch einmal unterstrichen, wie viel ihm das Haus bedeutet. Es ist für ihn nicht einfach nur ein Gebäude, sondern etwas, das er selbst geschaffen hat und mit dem er sich vollkommen identifiziert.
Auch der Vergleich mit Dürer passt genau zu diesem Thema. Das Haus wird wie eine Art geschützter Innenraum dargestellt. Von außen kann man nicht wirklich hineinsehen, während man sich von innen seine ganz eigene Welt erschaffen kann (vgl. S. 42, Z. ff.). Dadurch wird das Haus zu einem echten Rückzugsort für den Architekten. Gleichzeitig zeigt sich darin aber auch seine Abgrenzung von der bedrohlichen Außenwelt.
Erzählweise und Sprache
Die Erzählweise unterstützt diese Darstellung zusätzlich. Der Erzähler gibt uns als Lesern Einblick in die Gedanken des Architekten, wodurch man gut nachvollziehen kann, warum der Besitz für ihn so einen großen Wert hat. Zudem gibt es viele längere Sätze und Aufzählungen, wodurch seine Gedanken sehr ausführlich und miteinander verknüpft wirken. Das passt gut dazu, wie er intensiv über seine Vergangenheit, seinen Besitz und die politische Lage nachdenkt.
Auch sprachlich fällt das Wortfeld rund um Natur und Verwurzelung auf. Wörter wie „Scholle“, „Erde“, „gewachsen“, „Eichen“, „Erlen“, „Kiefern“ und „verwurzelt“ zeigen immer wieder seine tiefe Verbindung zur Landschaft. Gleichzeitig gibt es Gegenbegriffe aus dem Bereich der Zerstörung und Bedrohung, wie zum Beispiel „Enteignung“, „griffen […] nach seinem Unternehmen“ und „rissen […] den Kopf ab“. Dadurch wird der starke Gegensatz zwischen seiner geliebten Heimat und der politischen Bedrohung deutlich herausgearbeitet.
Schluss
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Architekt eine sehr starke emotionale Beziehung zu seinem Grundstück und seinem Haus hat. Heimat bedeutet für ihn vor allem ein Ort, den er selbst aufgebaut und mit seinem eigenen Leben verknüpft hat. Durch die politischen Veränderungen in der DDR wird diese Heimat jedoch zu einer gefährlichen „Falle“. Er kann seinen Besitz nicht einfach behalten und verliert dadurch einen wichtigen Teil seiner Identität. Erpenbeck zeigt damit, dass Heimat zwar Sicherheit und Zugehörigkeit geben kann, gleichzeitig aber auch verletzlich ist und durch politische Umbrüche zerstört werden kann.
Aufgabe 2: Vergleich Architekt und Tuchfabrikant
Einleitung
Sowohl der Architekt als auch der Tuchfabrikant haben eine enge Verbindung zu ihrem Besitz, den sie als Teil ihrer Identität verstehen. Dennoch unterscheiden sich die Grundlagen ihrer Heimatbeziehung.
Hauptteil
Eine Gemeinsamkeit ist die Verknüpfung von Besitz und Lebensleistung: Beide haben hart für ihren Wohlstand gearbeitet, sei es das Grundstück des Architekten oder die Fabrik des Tuchfabrikanten.
Der Unterschied liegt in der Art der Bindung. Während der Architekt seine Heimat primär über Natur und Verwurzelung definiert („verwurzelt“ wie ein Baum), versteht der Tuchfabrikant seinen Besitz vor allem wirtschaftlich als Ergebnis seiner Arbeit.
Zudem erleben beide die Bedrohung ihrer Existenz durch historische Umbrüche. Für den Architekten wird der Ort zur Falle, weil er nicht loslassen kann; beim Tuchfabrikanten zeigt sich ebenfalls, dass Besitz keine absolute Sicherheit gewährt. Heimat erweist sich also in beiden Fällen als verletzlich.
Schluss
Beide Figuren definieren Heimat über Erinnerungen und Arbeit, wobei beim Architekten die Natur und beim Tuchfabrikanten der wirtschaftliche Erfolg dominiert. Heimsuchung verdeutlicht an beiden Seiten, dass Heimat durch gesellschaftliche und politische Mächte jederzeit zerstört werden kann.
Einleitung (Tuchfabrikant)
Der vorliegende Textauszug stammt aus dem Roman Heimsuchung von Jenny Erpenbeck aus dem Jahr 2008 und gehört zum Kapitel „Der Tuchfabrikant“. Der Roman handelt von verschiedenen Menschen, die im Laufe der Geschichte auf demselben Grundstück am Scharmützelsee leben. Im Textausschnitt geht es um Ludwig, der mit seiner Familie in Südafrika lebt, aber durch seine Erinnerungen und sein Erbe weiterhin mit seiner Heimat in Deutschland verbunden ist. Dabei wird deutlich, dass Heimat nicht nur ein Ort ist, sondern auch durch Erinnerungen, Familie und persönliche Erfahrungen geprägt wird.
Hauptteil
Heimat als Ort der Eltern und des Ursprungs
Zu Beginn des Textes wird deutlich, dass Ludwig und seine Familie in Südafrika leben. Seine Eltern Arthur und Hermine besuchen ihn dort für zwei Wochen. Besonders auffällig ist, dass die Formulierung „Zwei Wochen später fahren sie wieder heim“ (vgl. S. 49, Z. 3/28) mehrfach wiederholt wird. Das Wort „heim“ zeigt, dass Deutschland für seine Eltern weiterhin ihre Heimat ist. Gleichzeitig wird deutlich, dass Ludwig inzwischen an einem anderen Ort lebt. Dadurch entsteht ein Gegensatz zwischen seiner früheren Heimat und seinem jetzigen Lebensumfeld.
Auch die Beschreibung der Landschaft verdeutlicht die Unterschiede zwischen beiden Orten. Ludwig erinnert sich an die Landschaft am Scharmützelsee, die er als „klein und mild“ (vgl. S. 50, Z. 20) beschreibt. Die Natur wirkt ruhig und vertraut. Besonders der Vergleich, dass der See am Ufer „wie ein junger Hund“ (vgl. S. 50, Z. 20) leckt, lässt die Landschaft freundlich und lebendig erscheinen. Dadurch wird deutlich, dass Ludwig mit seiner Heimat positive Erinnerungen verbindet. Im Gegensatz dazu wird die Natur in Südafrika als deutlich anders dargestellt. Die Eukalyptusbäume rauschen „lauter als alle anderen Bäume, die Ludwig jemals rauschen gehört hat“ (vgl. S. 52, Z. 25 ff.). Die Wiederholung des Wortes „rauschen“ und die Aufzählung verschiedener Baumarten betonen die besondere Wirkung dieser Landschaft. Ludwig liebt dieses Geräusch und verbringt deshalb gerne Zeit mit seiner Familie unter den Bäumen. Daran zeigt sich, dass er sich auch in seiner neuen Umgebung wohlfühlt und eine Verbindung zu ihr aufgebaut hat.
Familie und Erinnerung
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Bedeutung von Familie und Erinnerung. Ludwig hat seine Tochter Elisabeth nach seiner verstorbenen Schwester benannt (vgl. S. 50, Z. 26). Die Vorstellung, dass seine Schwester durch die Erde hindurch auf der anderen Seite der Welt wiedergeboren wurde, zeigt seine enge emotionale Verbindung zu seiner Vergangenheit. Durch diesen Vergleich werden die beiden Kontinente gedanklich miteinander verbunden. Obwohl Ludwig weit entfernt von Deutschland lebt, bleibt seine Familie ein wichtiger Teil seiner Identität.
Die Bedeutung seiner ursprünglichen Heimat wird besonders deutlich, als sein Vater zu ihm sagt: „Es ist dein Erbe“ (vgl. S. 52, Z. 22 ff.). Ludwig antwortet darauf: „Ich weiß“. Das Erbe verbindet ihn mit seiner Familie und seiner Vergangenheit. Obwohl er in Südafrika lebt, bleibt das Grundstück am Scharmützelsee ein wichtiger Teil seines Lebens. Die kurzen Aussagen verdeutlichen außerdem, dass beide die Bedeutung des Erbes verstehen, ohne ihre Gefühle auszusprechen.
Erzählweise
Auffällig ist auch die Erzählweise. Die häufigen Wiederholungen von „Arthur und Hermine, Ludwigs Eltern, sind zu Besuch“ und „Zwei Wochen später fahren sie wieder heim“ unterbrechen die Handlung. Dadurch wird deutlich, dass die Eltern nur vorübergehend bei Ludwig sind und ihr eigentliches Zuhause weiterhin in Deutschland sehen. Außerdem wechseln sich Erinnerungen, Gespräche und Beschreibungen der Landschaft ab. Dadurch werden Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbunden.
Vergleich mit dem Großbauern Querachse
Ludwigs Verhältnis zu seiner Heimat lässt sich mit dem Großbauern Querachse vergleichen. Beide Männer sind eng mit ihrem Besitz und ihrer Herkunft verbunden. Für Querachse ist sein Grundstück vor allem mit seiner Arbeit, seiner Lebensleistung und seiner Stellung als Großbauer verbunden. Sein Besitz bildet die Grundlage seiner Existenz und gibt ihm Sicherheit und Zugehörigkeit.
Auch Ludwig fühlt sich seinem Grundstück am Scharmützelsee verbunden. Für ihn ist es nicht nur materielles Eigentum, sondern zugleich ein Erbe seiner Familie. Allerdings lebt er inzwischen in Südafrika und hat sich dort ein neues Leben aufgebaut. Seine Heimatverbundenheit zeigt sich deshalb besonders in seinen Erinnerungen, seiner Familie und dem geerbten Grundstück.
Ein wichtiger Unterschied besteht darin, dass Querachse seine Heimat durch seinen Besitz und seine Lebensweise erfährt, während Ludwig zwischen zwei Lebenswelten steht. Er lebt in Südafrika, bleibt aber durch seine Vergangenheit und sein Erbe mit Deutschland verbunden. Bei beiden wird jedoch deutlich, dass Heimat mehr bedeutet als ein Wohnort: Sie ist eng mit der eigenen Lebensgeschichte und der persönlichen Identität verknüpft.
Schluss
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Ludwig trotz seines Lebens in Südafrika weiterhin eine starke Verbindung zu seiner deutschen Heimat hat. Seine Erinnerungen an die Landschaft, seine Familie und das geerbte Grundstück zeigen, wie wichtig Herkunft und Zugehörigkeit für ihn sind. Gleichzeitig baut er sich in Südafrika ein eigenes Zuhause auf. Im Vergleich zu Querachse wird deutlich, dass beide Männer ihren Besitz als Teil ihrer Identität betrachten, ihre Heimatverbundenheit jedoch unterschiedlich erleben. Erpenbeck zeigt damit, dass ein Mensch sich an mehreren Orten zugehörig fühlen kann.