Henri Matisse: Der grüne Streifen (Madame Matisse)

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Autor: Henri Matisse (1869–1954)
Titel: Der grüne Streifen oder Madame Matisse
Zeitraum: 1905
Ort: Statens Museum for Kunst (Kopenhagen)
Stil: Fauvismus
Material: Öl auf Leinwand
Maße: 40,5 x 32,5 cm

Der Fauvismus und der Salon d'Automne

Der Fauvismus startete im Salon d'Automne (Herbstsalon) in Paris im Jahre 1905. Dort wurden in einem Raum die Werke einer Gruppe von Malern ausgestellt, die Farben brutal und willkürlich verwendeten, während in der Mitte des Zimmers eine klassische Skulptur stand. Diese Strömung brach erstmals radikal mit der Tradition. Es ist eine eigenständige Bewegung, die jedoch Elemente des 19. Jahrhunderts bewahrt, wie den Impressionismus, Post-Impressionismus und Symbolismus. Sie entstand als Reaktion gegen den Impressionismus und dessen Fokus auf die natürliche Farbe des Objekts.

Merkmale des Fauvismus

  • Nicht-Imitation: Flucht aus der Realität; die Darstellung erfolgt nicht so, wie sie ist.
  • Farbe als Grundlage: Die Farbe bildet das Fundament der Bilder und wird leidenschaftlich eingesetzt.
  • Farbe und Charakter sind authentisch und werden nie dem Gegenstand untergeordnet.
  • Die Farbe wird vom Objekt unabhängig (grüne Pferde, rote Bäume).
  • Die Farbe wird in flächigen und ausgedehnten Ebenen angewendet. Große, bunte, einfache und helle Oberflächen.
  • Lockere Pinselführung und kräftige Farbflecken.
  • Licht und Schatten: Kein klassischer Tonwert; Kontraste werden durch Farben erzeugt. Niemals schwarze oder dunkle Flecken zur Schattierung.
  • Form: Das Objekt wird vereinfacht. Gemalt werden alltägliche Gegenstände, Innenräume, Landschaften, Stillleben und Porträts. Die Objekte ordnen sich der Farbe unter.
  • Linie: Sie gewinnt ihre Energie zurück. Dicke und deutliche Pinselstriche.
  • Keine Tiefe: Kompositionen tendieren zur Fläche, ähnlich wie bei Gauguin. Effekte werden durch die Farben der Objekte hervorgehoben.
  • Expressionismus: Farben und Objekte werden auf Basis eines Gefühls oder Wunsches gestaltet, um Inneres auszudrücken; daher werden sie verändert und entsprechen nicht der Realität.
  • Zickzack-Linien oder Grenzen werden zur Dekoration der Bilder genutzt.

Formale Analyse und visuelle Beschreibung

Das Porträt zeigt Amélie Matisse in einer Vorderansicht. Zu den künstlerischen Elementen gehören die Linie, der Pinselstrich und die Farbe. Die Frau blickt ernst und weicht geringfügig von der direkten Frontalansicht ab; ihre Haltung wirkt ruhig und beobachtend zugleich.

Farbe und Gestaltung

Farbplan: Helle Farben wie Rot, Orange, Blau, Grün und Schwarz. Die Konturen sind mit einem linearen blau-schwarzen Strich markiert. Die Farbe übernimmt die Autonomie über die Form. Kontrastreiche Farben sind die Hauptakteure im Bild. Ein zentrales Element ist der grüne Streifen. Die Malweise ist sehr locker, dick und pastos. Es gibt Bereiche ohne deutliche Tonabstufungen. Die Flächen folgen Ordnung und Rhythmus. Es dominieren flache Farbflächen, überwiegend Rot, wobei Grün als Komplementärfarbe fungiert. Das Haar ist blau-schwarz mit violetten Reflexen.

Das Gesicht zeigt links gelbe und rechts rosa Töne, getrennt durch die „grüne Linie“. Der „beleuchtete“ Teil besteht aus warmen Tönen. Das Kleid ist in Rottönen gehalten.

Zusammensetzung und Interpretation

Die Komposition übersetzt Tageslicht in Farben. Die Augenbrauen sind in einem bläulich-schwarzen Strich ausgeführt. Unten links findet sich Rot-Orange, oben rechts Rot-Violett; es wird mit komplementären Rottönen und Grün gespielt. Schatten werden durch kalte Töne simuliert. Es gibt keine klassische Modellierung durch Licht und Schatten, was dem Werk einen flächigen Aspekt verleiht. Warme Farben fördern die Bildwirkung im Vordergrund, während kalte Farben die Struktur im Hintergrund bilden. Das Volumen wird durch chromatische Kontraste suggeriert.

Die Absicht des Künstlers

Matisse beabsichtigte nicht, das Gesicht seiner Frau realitätsgetreu wiederzugeben, sondern so, wie er es fühlte. Er verband seine Ideen und seine Technik, um der Farbe und ihren expressiven Möglichkeiten Vorrang zu geben. Das Gemälde ist deutlich von der objektiven Realität getrennt. Malerei war für ihn ein entscheidender Impuls, ohne dabei Aspekte wie die Strukturierung oder den Farbwert zu vergessen. Dieser Ansatz prägte den gesamten Fauvismus.

„Die grüne Linie“ ist eine Hommage an Madame Matisse, die ihr Leben dem Künstler widmete. Sie arbeitete als Schneiderin in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, bevor der Erfolg der „Fauves“ begann. Sie verkaufte sogar ihren Ring, damit ihr Mann Werke von Cézanne, Gauguin und eine Büste von Rodin kaufen konnte.

Funktion und historischer Kontext

Matisse wollte in seinen Werken „Einfachheit, Klarheit und Ruhe“ wiedergeben. Mit diesem Bild wollte er Emotionen abrufen und die „schönen blauen, roten und gelben“ Töne nutzen, um das Innere des Menschen anzusprechen. 1905 wurde Matisse unfreiwillig zum Anführer der Fauvisten, nachdem Kritiker im Salon des Indépendants den Begriff prägten.

Die Geschwister Stein

Die US-amerikanischen Kunstsammler Gertrude und Leo Stein erwarben frühe Gemälde von Matisse. Sie förderten das Interesse der Pariser Gesellschaft an dieser „anderen“ Malerei. Die Steins gehörten zu einem engen Kreis, der mit der Tradition brach. Für sie war dieser Ausdruck „modern“ und bedeutete, mit der Zeit zu gehen.

Über Henri Matisse (1869–1954)

Matisse lebte in einer Zeit politischer Traumata, geprägt von zwei Weltkriegen, dem Kalten Krieg und ideologischen Konfrontationen, wovon in seinem Werk jedoch kaum etwas zu spüren ist. Er unterzeichnete nie ein Manifest und malte keine politischen Anspielungen. Über 60 Jahre lang schuf er Darstellungen von Komfort, Balance und Zufriedenheit. Er ist weltweit als Schöpfer des Fauvismus bekannt.

Nach seinem Studium zog er nach Paris und widmete sich ganz der Malerei. Zunächst malte er traditionell und kopierte Werke im Louvre. Später folgten Impressionismus und Divisionismus. Ab 1907 festigte sich sein fauvistischer Stil: Verzicht auf Details, Vereinfachung und eine Atmosphäre von Frieden und Harmonie. Unterschiedliche Farbbereiche definieren die Form der Objekte und den Raum. Er nutzte Farbe mit großer Sinnlichkeit und struktureller Kontrolle. Das Markenzeichen der Fauves war die subjektive Interpretation der Wirklichkeit mit angenehmen Themen wie Landschaften und Porträts.

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