Der höfische Wortschatz im Mittelhochdeutschen

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2 Der höfische Wortschatz

Die gesellschaftlichen Veränderungen spiegeln sich – wie immer – im Wortschatz wider. Für den neuen Lebensstil wurde ein erweiterter Wortschatz benötigt, der teils durch Neubildungen und Bedeutungswandel deutscher Wörter, teils durch Entlehnungen aus dem Französischen entstand.

Mit der Übernahme der französisch-provenzalischen Lebensform drangen viele französische Wörter in die Sprache der Ritter ein, meist vermittelt durch das Mittelniederländische (Mnl.) über Flandern, wo die romanische höfische Kultur zuerst Eingang fand.

Einfluss auf die höfische Dichtung

Die höfische Dichtung enthält eine Fülle französischer Lehnwörter, die das ritterliche Leben widerspiegeln – etwa für Kampfspiele, Unterhaltung, Kleidung und kostbare Handelswaren. Viele dieser Lehnwörter sind heute ohne Wörterbuch kaum noch verständlich, da sie mit der Ritterkultur verschwunden sind:

  • garzûn (garçon): Knappe
  • bûhurt (bouhourt): Ritterspiel (Schar gegen Schar)

Andere haben sich in der Standardsprache eingebürgert, wie zum Beispiel:

  • Abenteuer (aventure): ein Modewort für die gefährlichen Begegnungen der Ritter, über die das höfische Publikum gern Erzählungen hörte.
  • Lanze (lance)
  • Preis (afrz. pris)

Soziale Differenzierung und Anrede

Dass das Gefühl für soziale Unterschiede ausgeprägt war, zeigt sich in der neuen Anredeform ir (2. Person Plural), die sich nach französischem Vorbild (vous) neben dem alten du einbürgerte. (Das Anredepronomen Sie beginnt sich erst im 17. Jahrhundert durchzusetzen.)

Wortbildung und Suffixe

Zusammen mit Lehnwörtern wie turnieren, parlieren, Melodie oder courteisie gelangten auch die beiden Suffixe –ieren und –ie (im Frühneuhochdeutschen zu –ei) in das Deutsche und wurden in der Wortbildung produktiv:

  • –ieren: buchstabieren, hausieren
  • –ie/–ei: Fischerei, Zauberei

Die Betonung der letzten Silbe verrät die fremde Herkunft dieser Suffixe. Eine Erinnerung daran, dass besonders das flandrische Rittertum als Vorbild galt, sind beispielsweise die aus dem Mnl. übernommenen unverschobenen Formen Wappen und Tölpel.

Bedeutungswandel im Mittelhochdeutschen

Beim Übersetzen mittelhochdeutscher (mhd.) Texte macht man leicht den Fehler, die Wörter in ihrer heutigen Bedeutung verstehen zu wollen. Man darf jedoch nicht vergessen, dass in manchen Fällen Bedeutungsveränderungen eingetreten sind:

  • arebeit (Arbeit): Mühsal, Anstrengung
  • maget (Magd): Mädchen

Andere Wörter spiegeln das höfische Ideal wider und lassen sich nicht übertragen, ohne dass gleichzeitig der soziale und kulturelle Hintergrund erklärt wird:

  • Reht (Recht): das Standesrecht und die Standespflicht eines Menschen, die nach damaliger Auffassung jedem angeboren waren; Recht, Gesetz, Gericht.
  • milde (mild): freigebig; eine Eigenschaft, die dem Lehnsherrn zukam (heute noch in mildtätig erhalten).

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