Homer, die Ilias und die Struktur des Griechischen Epos
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Die Arbeit Homers und die mündliche Tradition
Homer war kein Zeitgenosse der Ereignisse, die er in seinem Werk beschreibt. Die Erzählung des Trojanischen Krieges, der um 1250 v. Chr. stattfand und bei dem Troja von den Griechen eingenommen wurde, liegt zeitlich etwa fünf Jahrhunderte vor der schriftlichen Fixierung der Ilias.
Der Barde (Aöde) war der ursprüngliche Sänger von Legenden und Heldentaten. Er begleitete seine Taten mit einem Saiteninstrument, inspiriert von den Musen. Die Barden waren Teil der mykenischen Welt, einer Ära, in der die Griechen das Alphabet noch nicht kannten, aber ein Schriftsystem besaßen: die mykenische Silbenschrift. Der Schöpfer (Barde) sang gelernte Verse und improvisierte aus dem Gedächtnis, ohne die Texte schriftlich vor sich zu haben.
Gegen Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. übernahmen und adaptierten die Griechen das Alphabet der Phönizier. Die Gedichte wurden nun nicht mehr gesungen, sondern schriftlich fixiert und begonnen zu rezitieren. Homer selbst war wahrscheinlich eher ein früher Rhapsode (Vortragskünstler) als ein Barde. Die Rhapsoden rezitierten die Verse mithilfe eines Stabes, mit dem sie den Boden trafen, um den Rhythmus zu markieren.
Homer gehört zur zweiten Phase des frühen griechischen Epos, der schriftlichen Phase, die im Vergleich zur kreativen, mündlichen und primitiven Ära, die fünf Jahrhunderte vor Homer lag, als „brut“ (roh/unbearbeitet) gilt.
Technische Merkmale des Griechischen Epos
Formale und mündliche Aspekte
- Mündlichkeit: Die Gedichte zirkulierten mündlich und wurden von einem Musikinstrument begleitet.
- Anrufung der Muse (Invocatio): Erfolgt stets am Anfang des Werkes.
- Sprachliche Formeln: Wiederholungen sind typisch für die mündliche Überlieferung.
- Wiederkehrende Szenen: Typische Elemente der mykenischen Welt.
Historische und inhaltliche Aspekte
- Kriegerische Taten und Sagen: Der grundlegende Inhalt ist mündlich überliefert. Die gesamte aristokratische Welt wird als kriegerisch und erhaben dargestellt.
- Der heldenhafte Tod: Der Tod auf dem Schlachtfeld bringt Ehre und Ruhm.
- Intervention göttlicher Figuren: Götter greifen aktiv in die dramatische Handlung ein.
- Digressionen und Nebenhandlungen: Diese können die grundlegende argumentative Achse häufig komplex gestalten.
- Dramatische Organisation: Sammlung des epischen Materials.
Metrik und Stil
- Der perfekte Vers: Der daktylische Hexameter, in voller Harmonie.
- Sprachliche Färbung: Eine Sprache von wunderbarer Klangfülle.
- Stilistische Merkmale: Einige literarische Mittel, die bereits in der Phase der mündlichen Überlieferung skizziert wurden, führten zu einem authentischen Stil: entwickelte Vergleiche und Gleichnisse.
Die Ilias und der Trojanische Krieg
Die Ilias erzählt von der Konfrontation zwischen Griechen und Trojanern. Die Haupthandlung konzentriert sich auf neun Tage des Krieges und thematisiert den Zorn des Achilles. Homer erkannte die Größe dieser Wut und wie Achilles' Zorn den Ausgang der gesamten Gesta beeinflussen konnte. Die Ilias selbst behandelt nicht den Fall und die Zerstörung Trojas, sondern die Ereignisse, die dazu führen.
Die der Ilias vorausgehenden Ereignisse sind in der Kypria (elf Bücher) gesammelt, die den Ursprung des Krieges erzählten. Die nachfolgenden Ereignisse wurden in der Aithiopis (fünf Bücher) und der Posthomerica (vierzehn Bücher) erzählt.
Inhalt und Aufbau der Ilias
Die Ilias besteht aus 24 Rhapsodien oder Büchern, die von alexandrinischen Philologen im 3. Jahrhundert v. Chr. festgelegt wurden. Sie deckt nur neun Tage des Krieges ab:
- Gesang I: Beginnt mit der Konfrontation zwischen Agamemnon und Achilles. Agamemnon raubt Achilles die Beute Briseis, woraufhin Achilles wütend die Schlacht verlässt.
- Gesänge II–X: Verschiedene Anführer (Menelaos, Diomedes, Ajax und Hektor) sind in Aktion.
- Gesang XI: Zeigt die Nervosität der Griechen angesichts des Vormarsches der Trojaner. Der alte Nestor bittet Patroklos eindringlich, Achilles zu überreden, wieder zu kämpfen.
- Gesänge XII–XVI: Markieren den fortschreitenden Vormarsch der Trojaner. Achilles erlaubt Patroklos, seine Rüstung anzulegen, um die Trojaner abzuschrecken. Patroklos stellt sich Hektor entgegen und stirbt.
- Gesänge XVII–XXIV: Achilles kehrt in einem Strom reißender Wut zurück, die erst ruht, als er Hektor getötet hat. Hektor stirbt im Zweikampf (Gesang XXII) gegen Achilles. Das Gedicht endet mit den Bestattungsfeiern zu Ehren des Patroklos und der Begegnung zwischen Achilles und Priamos, Hektors Vater, der kommt, um den Leichnam seines getöteten Sohnes abzuholen.
Dramatische Struktur
Der Zorn des Achilles hat eine Ursache, die im Lied ausgedrückt wird, und eine Kette von Konsequenzen, die zum Tod und der anschließenden Bestattung Hektors führen. Die daraus resultierenden Handlungen und Entscheidungen sind logisch miteinander verknüpft.
Vorbereitung, Antizipation und Retardierung: Die Verabschiedung von Hektor und Andromache (Gesang XXII) ist ein zentrales Element, das die gesamte Handlung vorwegnimmt und den Leser auf den Höhepunkt, Hektors Tod, vorbereitet.