Interpretation von Franz Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“

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Inhaltsangabe: Vor dem Gesetz

Die Parabel „Vor dem Gesetz“ handelt von einem „Mann vom Lande“, der den Türhüter um Eintritt in das Gesetz bittet. Der Türhüter verwehrt ihm diesen Wunsch. Es wäre zwar möglich, „aber jetzt nicht“. In der Hoffnung, letztendlich doch noch in das Gesetz zu gelangen, verweilt der Mann vom Lande sein gesamtes Leben vor dem Gesetz.

Erzähltechnik und Bildebene

In dieser Erzählung verwendet Kafka das Mittel der Zeitraffung, welches dem Werk sogleich verhilft, an Bedeutung zu gewinnen. Da der Zeitraum bis ans Lebensende des Mannes dargestellt wird, erfährt der Leser die Wichtigkeit dieses Zeitabschnittes. Der Verlauf der Handlung wird von einem neutralen Erzähler geschildert. Die konstruierte Bildebene, die ein wichtiger Bestandteil der Parabel ist, wirft gleich zu Beginn Fragen auf. Zunächst ist auffällig, dass nur sehr wenige Details den Handlungsraum beschreiben, sodass es nur schwer möglich ist, genaue Konturen der Umgebung zu erahnen. Das Gesetz, vor dem ein Türhüter steht, erscheint als eine Art Institution. Der Mann vom Lande, welcher orientierungslos dargestellt wird, bittet die Autorität um Einlass. Diese Anonymität sorgt dafür, dass sich der Leser schnell mit dieser Person identifizieren kann, wodurch die belehrende Wirkung einer Parabel gestärkt wird.

Biografische Deutung: Der Vater-Sohn-Konflikt

Das Motiv der verwirrten, ratlosen Protagonisten, die eine höhere Instanz um Rat befragen, tritt sehr häufig in Kafkas Werken auf. Es ist zu vermuten, dass diese Erscheinung eine Verarbeitung seiner persönlichen Erlebnisse mit dem Vater darstellt. Seine eigene Unterlegenheit, aber auch der Wille, den Kampf gegen die diktatorischen Familienverhältnisse aufzunehmen, spiegeln sich an dieser Stelle der Parabel wider.

Die Paradoxie des Wartens und der Bestechung

Der Mann vom Lande entscheidet sich also, vor dem Gesetz zu warten, bis ihm der Einlass gewährt wird. Daher stellt sich die Frage, wodurch die Dringlichkeit entsteht, das Gesetz zu besuchen, sodass der Mann dafür nicht zu seinem alten Leben zurückkehrt und die Zeit lieber mit Warten verbringt. Die hier dargestellte Passivität des Mannes im Gegensatz zu der Aktivität des Türhüters, welcher ihn oft über seine Heimat ausfragt, kann erneut als ein Bezug zu Kafkas persönlichem Werdegang gedeutet werden. Der Protagonist wird in der Parabel vor weitere Schwierigkeiten als nur den ersten Türhüter gestellt. Selbst wenn er diesen überlisten oder dessen Verbot trotzen würde, würden ihn weitere, noch viel mächtigere Türhüter erwarten. Beim Leser entsteht der Eindruck einer ausweglosen Situation.

Verzweifelte Versuche und Hyperbeln

Ein Versuch des Mannes, schneller in das Gesetz zu gelangen, sind die verzweifelten Bestechungsversuche, welche zunächst paradox erscheinen. Der Mann, der nach dem Gesetz strebt, versucht dieses zu umgehen und sich unrechtmäßig Eintritt zu gewähren. Auch diese Widersprüche sind Merkmale von Kafkas Schreibstil. Seine zum Teil „verschobenen“ Wirklichkeitsempfindungen, aus denen diese Paradoxe resultieren, fließen häufig in seine Werke ein. Doch dadurch, dass der Türhüter die Gaben des Mannes zwar annimmt – damit dieser nicht glaubt, er habe etwas versäumt –, doch dafür keine Gegenleistung bringt, lassen die Bestechungsversuche scheitern. Auf ebenso wenig Resonanz stoßen die vielen Bitten des Mannes, die den Türhüter ermüden. Die erfolglose Situation scheint sehr an den Kräften des Mannes zu zehren. Er vergisst die weiteren Türhüter ganz und gar und sieht den vor sich Stehenden als einziges Hindernis an. Er befragt sogar die Flöhe im Pelzkragen des Hüters um Hilfe. Diese Hyperbel wirkt erneut sehr ausweglos, sodass auch beim Leser fast alle Hoffnung auf ein erfolgreiches Ende schwindet.

Das ernüchternde Ende der Parabel

Der Mann wird alt und seine Augen werden schwach. Er sammelt letzte Kräfte und stellt dem Türhüter die letzte Frage, warum er in all den Jahren der Einzige gewesen ist, der um Einlass gebeten hat, wo doch alle Menschen nach dem Gesetz streben. Die Antwort könnte ernüchternder nicht sein, denn dieser Eingang wäre nur für den Mann bestimmt. Dies wirft die Frage auf, ob der Mann nicht hätte doch einfach durch die Tür gehen können, ohne dass daraus irgendwelche Konsequenzen entstanden wären. Doch auch diese Frage bleibt unbeantwortet, da die Parabel damit endet, dass der Türhüter die Tür jetzt schließen wird. Das Ende bleibt also offen.

Soziale und religiöse Interpretationsansätze

Im letzten Abschnitt der Parabel sind erneut die Unterschiede zwischen dem einfachen Mann und der mächtigen Autorität verdeutlicht. Der Türhüter muss sich zum Mann hinunterneigen, denn „der Größenunterschied hat sich sehr zu Ungunsten des Mannes verändert.“ Auch diese Aussage lässt sich auf Kafkas persönlichen Konflikt mit dem Vater beziehen. Wenn man sich jedoch von der Betrachtung löst, die Kafkas persönliche Erlebnisse als ausschlaggebend ansieht, so kommt man zu einer sozialen Betrachtung des Konfliktes. Ein verwirrter Bürger, der sich hilfesuchend an eine höhere Instanz wenden will, in diesem Falle das Gesetz, wird durch die scheinende Willkürlichkeit eines Beamten abgehalten. Der Staat kann somit nicht mehr die schützende väterliche Rolle für den Bürger übernehmen, welcher dadurch vor eine ausweglose Situation gestellt wird.

Religiöse Deutungsebene

Doch die Parabel lässt sich auch religiös interpretieren. Die Bitte um Eintritt in das Reich des Gesetzes lässt sich leicht mit der Bitte um Erlösung vor dem Allmächtigen und um die Erlaubnis, ins Paradies eintreten zu dürfen, assoziieren. Der Ausgang der Parabel scheint aber sehr ernüchternd. Obwohl der Mann vom Lande, ein einfacher Mensch, keinerlei erkennbaren Sünden begangen hat, wird ihm der Eintritt nicht gestattet.

Fazit und persönliche Einschätzung

Abschließend ist zu sagen, dass auch diese Parabel eine Komplexität besitzt, die eine Interpretation schwierig macht. Die unterschiedlichen Ansätze der Betrachtung tragen dazu bei, dass auch die Lehre, die der Leser aus der Parabel zieht, sehr unterschiedlich sein kann. Meiner Meinung nach ist die Hauptaussage der Rat, sich nicht zu lange vor einer Entscheidung zu scheuen, um nicht sein gesamtes Leben zu verschwenden und doch zu keinem Resultat gekommen zu sein. Auch wenn man mal eine Fehlentscheidung trifft, scheint diese weniger negative Auswirkungen als ständige Passivität zu haben.

Zusammenfassung der Merkmale

Die Erzählung „Vor dem Gesetz“ von Franz Kafka handelt von einem Mann vom Lande, der das Gesetz aufsucht, um dort eintreten zu können. Vor diesem steht jedoch ein furchterregender Türhüter, der ihm den Eintritt untersagt und zugleich auch vor den anderen, noch mächtigeren Türhütern warnt. Gleichzeitig verspricht er dem Mann vom Lande, dass er zwar eintreten könne, „jetzt aber nicht“. Daraufhin wartet der Mann sein ganzes Leben vor dem Gesetz und erfährt erst kurz vor seinem Tod, dass der Eingang nur für ihn bestimmt war und jetzt geschlossen wird. Es stellt sich die Frage, ob der Mann nicht einfach hätte eintreten können, um sich damit dem Verbot des Türhüters zu widersetzen. Aber vielleicht liegt ja gerade darin das persönliche Hindernis des Mannes.

Die Textart von „Vor dem Gesetz“ lässt sich als Parabel bestimmen, da sie eine Lehre vermitteln soll. Zudem schreibt Kafka die Geschichte in einer konstruierten Bildebene, da man ein „Gesetz“ ja nicht betreten kann. Da nur die Innensicht des Mannes und nicht die des Türhüters dargelegt wird, handelt es sich um eine personale Erzählperspektive. Ein auktorialer Erzähler hätte nicht nur die Gedanken des Türhüters kennen müssen, sondern auch noch Vorausdeutungen über das Ende machen müssen. Sprachliche Mittel findet man im Text nur vereinzelt.

Die 1915 erschienene Kurzgeschichte „Vor dem Gesetz“ des als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Prag geborenen Schriftstellers Franz Kafka (1883) thematisiert die menschliche Existenz und die Suche nach dem Zugang zur Wahrheit oder Gerechtigkeit.

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