Interviewtechniken in der Sozialarbeit: Methoden & Dynamik
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Die Befragten stellen ihre Wahrnehmung und ihre Sinne den Sozialarbeitern zur Verfügung, welche diese Eindrücke nutzen, um die aufgeworfenen Fragen zu lösen. Angenommen, Sie möchten das Problem der Einsamkeit und Ausgrenzung älterer Menschen in einem städtischen Umfeld bekämpfen, verfügen jedoch nicht über ausreichende Informationen zum soziokulturellen Kontext und zur räumlichen Situation. In diesem Fall treten wir mit den Bewohnern in Kontakt, um Informationen über das Leben in der Nachbarschaft, bestehende soziale Beziehungen, Kommunikationseinrichtungen, räumliche Schwierigkeiten sowie mögliche Gründe für Apathie oder die Zuweisung von Verantwortung zu erhalten.
Die durch diese offenen, explorativen Interviews generierten Informationen dienen als Ausgangspunkt für die Gestaltung weiterer Praktiken wie Umfragen, teilnehmende Beobachtung oder die partizipative Aktionsforschung. Sie können zudem als Referenz für die Entwicklung späterer Interviews dienen.
Interviews über Gewohnheiten und Gebräuche
Solche Interviews haben ihren natürlichen Anwendungsbereich in der Fallmethodik, insbesondere bei Personen in Grenzsituationen wie Drogenmissbrauch, Schulversagen und Kriminalität.
Angesichts der Brisanz der behandelten Fragen sollten diese Interviews nicht in der Anfangsphase der Beziehung zwischen Sozialarbeiter und Klient stattfinden. Es ist wünschenswert, dass die Fachkraft bereits „das Eis gebrochen“ und ein Vertrauensverhältnis (Rapport) aufgebaut hat, um auch Themen mit der nötigen Tiefe zu behandeln, die im Gegensatz zu sozialen Normen stehen. Dies erfordert Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung des Interviewers, um verlässliche Informationen über Orte, Zeiten und Hintergründe dieser Praktiken zu gewinnen. Eine gründliche Untersuchung ist essenziell, um das Wissen über den sozialen Kontext zu erweitern und Wege zur Verhaltensänderung zu finden.
Gruppeninterviews (Fokusgruppen)
Während die zuvor genannten Interviews individuell geführt werden, konzentriert sich dieses Verfahren auf das Gruppeninterview. Dieses basiert auf dem „Focused Interview“ von Merton und Kendall aus den 1940er Jahren – ein legendärer Ansatz in der Methodik, der ursprünglich für Studien zur politischen Propaganda während des Zweiten Weltkriegs entwickelt wurde.
In dieser Form des Interviews wird die Zielperson einer besonderen Situation ausgesetzt, etwa dem Betrachten einer Anzeige, dem Hören eines Radioprogramms oder dem Erleben eines gesellschaftlichen Ereignisses. Forscher analysieren diese Situation vorab, um Ziele wie die Unterstützung von Drogenabhängigen, Rehabilitation, Therapie, Bildung oder Sensibilisierungskampagnen zu verfolgen.
Der Therapeut kann in heterogenen Gruppen intervenieren, beispielsweise durch Rollenspiele oder Videoanalysen, um Stereotypen abzubauen. Auch die Arbeit mit Menschen, die ein kollektives Trauma (Anschläge, Erdbeben, Überschwemmungen) erlitten haben, ist ein wichtiges Feld. Das Gruppeninterview dient hierbei als Instrument zur Analyse von Auswirkungen und zum Abgleich von Hypothesen, die der Sozialarbeiter aufgestellt hat. Dabei entstehen kritische Beurteilungen, emotionale Reaktionen und vielfältige Interpretationen des Ereignisses.
Dynamik des Interviews
Jedes Tiefeninterview ist einzigartig. Es etabliert eine Kommunikation zwischen Menschen mit unterschiedlichen sozialen, kulturellen und zeitlichen Hintergründen. Selbst bei einer erneuten Begegnung derselben Personen zum gleichen Thema kann die Situation variieren, da Raum und Zeit einen neuen Diskurs erzeugen. Die mangelnde Standardisierung des Instruments ermöglicht es, neue Perspektiven und Nuancen einzubringen, die den Befragten zuvor möglicherweise nicht bewusst waren.