Kultur: Definitionen, Ebenen und Rahmenmodelle

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Was ist Kultur?

Kultur ist eine Lebensweise einer Gruppe von Menschen. Eine gebildete Gesellschaft schätzt bildende Kunst, Tanz, Schauspiel und intellektuellen Diskurs und entwickelt Institutionen, die sie unterstützen, wie Museen, Theater und Schulen. Obwohl Kultur, wie sie hier verwendet wird, die Kunst nicht ausschließt, ist ihre Bedeutung sehr viel umfassender. Tylor schlug mit seiner Definition von Kultur eine der frühesten Definitionen vor: ein komplexes Ganzes, das Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Recht, Sitte und alle anderen Fähigkeiten und Gewohnheiten beinhaltet, die der Mensch als Mitglied der Gesellschaft erworben hat.

Ebenen der Kultur

Manifeste Kultur

Die manifeste Kultur umfasst leicht beobachtbare Elemente wie Verhalten, Sprache, Musik, Essen und Technologie. Sie stellt den ersten Kontakt mit einer neuen Kultur dar, zum Beispiel durch die Sprache der Menschen, Kleidung, Interaktionen untereinander und Besitz.

Werteebene

Die ausgedrückte Werteebene stellt dar, wie die Menschen die manifeste Ebene ihrer Kultur erklären. Kultur ist eine eigene Erklärung für sich.

Grundannahmen

Grundannahmen sind die Grundlage der Kultur: gemeinsame Ideen und Überzeugungen über die Welt und die Gesellschaft als Ganzes, welche die Gedanken und Handlungen der Menschen leiten.

Wie Kultur gelernt wird

Enkulturation

Enkulturation ist ein Prozess des nicht-intentionalen Lernens, der das Ergebnis der Anpassung an die Umwelt ist.

Primäre Sozialisation

Die primäre Sozialisation, die im Gegensatz zur Enkulturation ein vorsätzlicher Lernprozess ist, findet in der Familie und der Gemeinschaft statt. Wir lernen altersgemäßes, geschlechtsspezifisches, ethnisches und schichtspezifisches Verhalten von unseren Familien, Freunden, Schulen und religiösen Institutionen sowie aus Werbung und Fernsehen. Eltern versuchen, ihren Kindern beizubringen, was richtig ist, bedenken dabei aber selten, dass „richtiges“ Verhalten kulturell bestimmt ist oder dass sie vorsätzlich ihre Kultur reproduzieren. Kultur ist so sehr Teil des täglichen Lebens, dass der Versuch, die eigene Kultur zu identifizieren, oft schwierig ist.

Sekundäre Sozialisation

Die sekundäre Sozialisation tritt nach der primären Sozialisation ein und rüstet Menschen in der Regel mit Wissen, Fähigkeiten und Verhaltensweisen aus, um Erwachsenenaufgaben erfolgreich zu übernehmen, insbesondere familiäre und berufliche Aufgaben.

Rahmenmodelle zur Untersuchung von Kulturen

Das Verständnis der grundlegenden Annahmen einer Kultur ist entscheidend für das Verständnis der Kultur an sich.

Kluckhohn und Strodtbeck: Variationen in den Werten

Kluckhohn und Strodtbeck entwickelten einen Rahmen aus sechs Dimensionen, um die Wertorientierung einer Kultur zu beschreiben. Diese Leitlinien stellen dar, wie verschiedene Gesellschaften mit unterschiedlichen Fragen oder Problemen umgehen:

  • 1. Verhältnis zur Natur: Unterwerfung, Harmonie oder Beherrschung (Mastery). In der Unterwerfungs-Orientierung (z. B. bei den Inuit) wird das, was geschieht, als unvermeidlich angesehen; die Natur wird akzeptiert, wie sie ist. Harmonie mit der Natur (z. B. in der chinesischen Kultur) versucht, das Verhalten mit der Natur in Einklang zu bringen. Beherrschungskulturen (Nordamerika und Westeuropa) versuchen, Aspekte der Umwelt durch Technik zu verändern. Die kanadische Gesellschaft zeigt eine fast gleiche Vorliebe für Harmonie und Beherrschung.
  • 2. Zeit-Orientierung: Fokus auf Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Eine Vergangenheitsorientierung betont Traditionen (z. B. Italien). Gegenwartsorientierte Kulturen konzentrieren sich auf das Kurzfristige (USA). Eine zukunftsorientierte Gesellschaft betont das Langfristige (z. B. Japan).
  • 3. Die menschliche Natur: Glaube an den Menschen als gut, böse oder neutral/gemischt. Gut impliziert Vertrauen (Japan). Böse bedeutet einen Mangel an Vertrauen (New York). Eine gemischte oder neutrale Orientierung sieht Menschen grundsätzlich als gut an, die sich jedoch in manchen Situationen böse verhalten können (Kanada).
  • 4. Handlungsorientierung: „Tun“ (Doing), „Sein“ (Being) oder „Kontrollieren“. Beim Tun liegt der Schwerpunkt auf Aktion, Leistung und Arbeit (USA). Das Sein betont das Genießen des Lebens; man arbeitet, um zu leben, statt zu leben, um zu arbeiten (Mexiko). Kontrollieren betont Rationalität und Logik (Frankreich).
  • 5. Beziehungen zwischen Menschen: Individualistisch, gruppenorientiert oder hierarchisch. Individualistische Gesellschaften definieren sich durch persönliche Eigenschaften (USA). In gruppenorientierten Gesellschaften ist die Beziehung zum Kollektiv wichtig (Japan). Hierarchische Gesellschaften schätzen Gruppenbeziehungen ebenfalls, betonen aber die relative Position innerhalb einer Organisation oder Gesellschaft (Indien).
  • 6. Raum-Orientierung: Wie Menschen sich auf den Raum beziehen. Öffentlicher Raum gehört allen (Japan). Privatsphäre bedeutet, eigenen Raum zu haben (USA). Gemischte Ansichten liegen in der Mitte (Hongkong).

Geert Hofstedes kulturelle Wertedimensionen

Hofstedes klassische Studie bezieht sich speziell auf Arbeitswerte:

  • Individualismus vs. Kollektivismus: In individualistischen Ländern sorgen sich Menschen primär um sich selbst und ihre Familien (UK). Kollektivistische Kulturen schätzen das Wohl der Gruppe; individuelle Interessen werden untergeordnet (Mexiko). Eine Ingroup besteht aus Personen mit affektiven Beziehungen, während ein Fremdgruppen-Mitglied oft ein Fremder ohne anerkannte Beziehung ist.
  • Machtdistanz: Das Ausmaß, in dem weniger mächtige Mitglieder eine ungleiche Machtverteilung akzeptieren. Gesellschaften mit geringer Machtdistanz akzeptieren Statusunterschiede weniger leicht als Kulturen mit großer Machtdistanz.
  • Unsicherheitsvermeidung: Zeigt das bevorzugte Maß an Struktur. Kulturen mit schwacher Unsicherheitsvermeidung sind flexibler und toleranter.
  • Maskulinität vs. Femininität: In maskulinen Gesellschaften dominieren „harte“ Werte wie Erfolg und Wettbewerb. Feminine Kulturen schätzen „weiche“ Werte wie Beziehungen und Lebensqualität.

Weitere kulturelle Konzepte

Konfuzianische Werte: In langfristig orientierten Ländern wie Japan haben Unternehmen einen weitsichtigen Blick auf Investitionen; Fortschritt in Richtung eines zukünftigen Ziels ist am wichtigsten. Einbettung vs. Autonomie: In eingebetteten Gesellschaften sehen sich Menschen als Teil eines Kollektivs. Autonome Kulturen sehen Individuen als einzigartig an. Hierarchie nutzt klare Rollen für verantwortungsvolles Verhalten, während im Egalitarismus Menschen als moralisch gleichwertig betrachtet werden. Beherrschung vs. Harmonie: Beherrschung fordert dazu auf, die Umwelt zu verändern; Harmonie betont die Anpassung. Individualismus vs. Kommunitarismus: Fokus auf persönliche Freiheit vs. soziale Verantwortung.

Kontext in der Kommunikation

In der High-Context-Kommunikation (z. B. Saudi-Arabien) sind die meisten Informationen im physischen Kontext oder in der Person verinnerlicht. Low-Context-Kommunikation (z. B. Schweiz) ist das Gegenteil: Die Informationen werden explizit übermittelt.

World Values Survey und kulturelle Metaphern

Der World Values Survey ist eine groß angelegte Langzeitstudie über soziokulturellen und politischen Wandel in über 65 Gesellschaften. Kulturelle Metaphern helfen Außenstehenden, eine Gesellschaft zu verstehen (z. B. American Football für die USA).

Herausforderungen und Implikationen

Browns Liste der menschlichen Universalien fordert die Rolle der Kultur heraus, beseitigt sie aber nicht als Erklärung für Verhalten. Während die USA in fast allen Modellen als individualistisch gelten, variiert die Einordnung Frankreichs je nach Modell (Hofstede: individualistisch; Trompenaars: kollektivistisch; Kluckhohn: hierarchisch). Aufgrund individueller Unterschiede kann eine Person aus einem Land mit starker Unsicherheitsvermeidung dennoch einen niedrigeren Wert aufweisen als jemand aus einem Land mit schwacher Vermeidung. Kulturelle Dimensionen erklären auch Verhaltensunterschiede innerhalb eines Landes.

Konvergenz vs. Divergenz

Technologie fördert die Konvergenz durch globale Kommunikation. Kräfte der Divergenz führen jedoch dazu, dass Kulturen demselben Verhalten unterschiedliche Bedeutungen beimessen.

Implikationen für Manager

Das Verständnis verschiedener Kulturen und deren Einfluss auf das Management und das Organisationsverhalten ist entscheidend.

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