Künstliche und natürliche Fortpflanzung

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Joan Bestard: Künstlicher und natürlicher – Was ist Natur?

Reproduktive Technologien haben einen neuen Kontext für das Verständnis von Natur und Fortpflanzung geschaffen. Je größer die Eingriffe in die Natur durch Zuchtmethoden sind, desto mehr soziale Ängste entstehen. Dabei geht es weniger um die Auswirkungen auf den rechtlichen oder sozialen Status des neuen Individuums – wer rechtlich als Vater oder Mutter gilt, kann geklärt werden –, sondern um die Veränderung sozialer Beziehungen.

Wenn Natur (Reproduktion) nicht mehr ohne das Eingreifen der Kultur (Reproduktionstechnik) existiert, kommt es zu einem begrifflichen Zusammenbruch der Unterschiede zwischen Natur und Kultur. Die Beziehung hat aufgehört, ein natürlicher Verweis (Geschlechtsverkehr) zu sein, und wird durch technische und kulturelle Manipulation überlagert. Nicht alle Verwandtschaftssysteme reagieren auf das gleiche Modell der kulturellen Reproduktion. Eine Kultur ist komplexer als das Modell der „natürlichen“ Zeugung.

Die Technik kann nicht bestimmen, wer die wirklichen Vorfahren eines Individuums sind, da sie zwischen genetischer und sozialer Abstammung unterscheidet. Die Beziehung kann sich nicht mehr auf natürliche Tatsachen der Fortpflanzung beziehen, wenn das Kriterium der Natur als Differenzierungsmerkmal bei der Fortpflanzung aufgehört hat zu existieren.

Der Wert liegt darin, dass eine Person durch ihre Herkunft aus einer gemeinsamen Substanz (die Plazenta) und durch Beziehungen (Mutter zum Kind) definiert wird. Nicht die genetische Herkunft macht eine Person einzigartig, sondern die Beziehungen während der Schwangerschaft, Geburt und Erziehung. Diese Unterscheidung macht eine Person zu einem Individuum mit einer festen Position in einem Netzwerk von Verwandten, das eine unendliche Variabilität aufweist.

Paradoxien reproduktiver Technologien

Reproduktive Technologien eröffnen verschiedene Möglichkeiten für die menschliche Fortpflanzung, machen sie aber vor allem für unfruchtbare Menschen zugänglich. Dies kann diskriminierend wirken, wenn der Zugang verwehrt wird, führt aber auch zu sozialer Unsicherheit hinsichtlich der Möglichkeiten und Konsequenzen.

Individuum und Gesellschaft: Verwandtschaft als System

Verwandtschaftliche Beziehungen können auf zwei Arten betrachtet werden: das Individuum als Zentrum der Verwandtschaftsbeziehungen oder das Individuum als Ergebnis dieser Beziehungen. Das Individuum formt die Gesellschaft und die Gesellschaft formt das Individuum. Sie bilden Netzwerke von Beziehungen, und die Gesellschaft ist die Systematisierung dieser Netzwerke. Die reproduktive Technologie stellt eine Subversion des Grundsatzes dar, dass das Individuum die Gesellschaft ist und die Gesellschaft das Individuum, indem sie beide Elemente voneinander trennt.

Erste Subversion: Die Natur

Die Verfolgung einer genetischen Identität ist möglich; das Klonen ermöglicht die Reproduktion eines Individuums, das mit sich selbst identisch ist. Doch die Idee der Anonymität in Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Individuen wird dadurch gebrochen.

Zweite Subversion: Kultur

Durch die Einbeziehung von Spendern (Sperma) fehlen dem Einzelnen die sozialen Bezüge zu den biologischen Vorfahren.

Inzest und soziale Normen

Tochter-Eizellen können nicht an die Mutter gespendet werden, ebenso wenig wie ein Bruder seine Spermien an die Schwester spenden kann – dies würde als Inzestfall gelten. Dennoch werden Matching-Spenden (von Bruder zu Bruder oder Schwester zu Schwester) anders wahrgenommen, da sie als nützlich angesehen werden, um die Gene in der Familie zu halten. Es wird vorgeschlagen, die Anzahl der Samenspenden pro Person zu reduzieren, um zukünftige unbeabsichtigte Inzestfälle zu verhindern.

Typen der Mutterfigur

Die Figur der Mutter wird in verschiedene Rollen unterteilt, je nachdem, welche Funktionen der Mutterschaft erfüllt werden:

  • Genetische oder biologische Mutter: Die Frau, die die Eizelle bereitstellt.
  • Gebärmutter- oder Leihmutter: Die Frau, die den Embryo austrägt („Genetrix“).
  • Soziale Mutter: Die Frau, die das Neugeborene aufzieht („Mater“).

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