Literarische Welten: Von der Realität bis zum Mythos

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1.1. Die Alltagswelt in der Literatur

Diese Geschichten zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Wirklichkeit so genau wie möglich abbilden. Sie entwickeln sich durch die objektive und ausführliche Beschreibung von Objekten, Landschaften, Ereignissen und Handlungen, in denen die Charaktere agieren. Die dargestellte Welt konzentriert sich auf das Regionale und Einheimische eines Landes sowie auf Sitten und Gebräuche (Costumbrismo).

In Chile verbreiteten sich diese Geschichten von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum letzten Drittel des 20. Jahrhunderts und waren später eng mit dem Realismus verbunden. Viele Erzählungen bieten Visionen von ländlichen, städtischen, maritimen oder bergbaulichen Milieus sowie von sozialen Randgruppen. Bekannte Vertreter sind:

  • Baldomero Lillo mit Subterra und Subsole
  • Mariano Latorre mit Cuna de cóndores (Geburtsort der Kondore)
  • Luis Durand mit Frontera
  • Marta Brunet mit Montaña adentro

1.2. Die Traumwelt und das Unbewusste

Traumhafte Geschichten entstanden als eine neue Art der Wahrnehmung und Repräsentation der Wirklichkeit. Es entwickelte sich ein Konzept, das sich dem Inneren des Menschen zuwendet. Der Mensch mit seinen existenziellen Problemen, seiner Einsamkeit, Angst und Isolation rückt ins Zentrum, um die Wahrheit seiner Existenz zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit besser zu verstehen.

Dieser neue Ansatz verzichtet auf eine nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung geordnete Welt und taucht in eine verwirrte, instabile, widersprüchliche und wechselhafte Welt ein, die vom Inneren, von Träumen, Instinkten und Intuitionen regiert wird. Die chilenische Schriftstellerin María Luisa Bombal ist ein deutliches Beispiel für diese Art von Welt, in der die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen.

1.3. Die mythische Welt und ihre Ursprünge

Mythen sind anonyme, mündliche Überlieferungen aus den Ursprüngen verschiedener Gesellschaften, die bis heute überlebt haben. Sie bieten übernatürliche Erklärungen für die Schöpfung und die Existenz von Dingen, für die es damals keine rationalen Erklärungen gab, wie etwa Tag und Nacht, der Himmel, das Licht, Regen, Donner, Feuer, Finsternisse oder die menschliche Weisheit. Der Mythos ist eng mit der Religion verknüpft. Durch Götter erklärten alte Völker die Ereignisse; die Götter waren für alles verantwortlich, was in der Welt und den Menschen geschah.

Während der Mythos früher einen wahrhaftigen Charakter besaß, gilt er für den modernen Menschen als außergewöhnliche Erzählung. Bekannt sind die griechischen und römischen Mythen, aber auch jene der lateinamerikanischen Völker, insbesondere die chilenischen Mythen der Mapuche, Quechua sowie die Legenden der Osterinsel, von Chiloé oder der Maya.

2. Klassifizierung nach der Wirkung der Darstellung

Je nach dem Effekt, den ihre Darstellung erzielt, lassen sich die folgenden Welten unterscheiden:

2.1. Die realistische Welt

Solche Geschichten sind an die Realität der Ereignisse angepasst. Sie reflektieren objektiv (ohne wertende Sicht des Erzählers) die Merkmale einer Zeit, Orte, Menschentypen sowie Ursachen und Auswirkungen bestimmter Ereignisse. Um Objektivität zu erreichen, bildet der Schriftsteller die Realität direkt ab. Je detaillierter die Beschreibung dieser Welt ist, desto mehr Glaubwürdigkeit erreicht sie beim Leser.

Einige Vertreter der realistischen Kunst sind:

  • Guy de Maupassant (Frankreich), dessen Geschichte Die Halskette ein Beispiel für die realistische Welt ist.
  • Manuel Rojas (Chile), der in seinem Werk die Welt der Armut zeigt.
  • Volodia Teitelboim (Nationalpreis für Literatur), der in Werken wie Samen im Sand die Welt des chilenischen Nordens in einer historischen Periode darstellt.

Eine Reihe chilenischer Schriftsteller hat ihre Arbeit dem Testimonio-Genre gewidmet, das die Grausamkeit der Zeit unmittelbar nach dem Militärputsch von 1973 thematisiert. Diese Werke sind dem Realismus mit Facetten des Naturalismus verbunden.

2.2. Die phantastische Welt

Diese Art der Erzählung ist durch die Überschreitung der rationalen Ordnung der Ereignisse charakterisiert. Dieses Universum ist mit dem Wunderbaren, Außergewöhnlichen, Übernatürlichen und Unerklärlichen verwandt. Oft beginnt die phantastische Geschichte des 20. Jahrhunderts mit einer ganz normalen Situation, was beim Leser ein Gefühl der Bewunderung, des Erstaunens oder des Zweifels über die wahre Natur des dargestellten Universums auslöst. Autoren, die die Phantastik im 20. Jahrhundert geprägt haben, sind unter anderem Julio Cortázar, Jorge Luis Borges und Franz Kafka.

2.3. Die utopische Welt

Das Wort setzt sich aus den griechischen Begriffen u (nicht) und topos (Ort) zusammen und spielt auf einen Ort an, der nicht existiert, sowie auf die Vorstellung von etwas Unmöglichem. Der Begriff „Utopie“ wurde von dem englischen Philosophen Thomas Morus erfunden, der in seinem Buch Utopia einen idealen Staat auf einer Insel beschrieb. Im Gegensatz dazu stehen die Anti-Utopien (Dystopien), die negative Zustände der Menschheit darstellen. Dazu gehören Schöne neue Welt von Aldous Huxley sowie 1984 und Farm der Tiere von George Orwell.

2.4. Die wunderbare Welt

Das Wunderbare ist eine Konstante in der Weltliteratur, von den Mythen der Antike bis hin zu biblischen Geschichten. Es ist eine ästhetische Kategorie, die eine Welt jenseits der Gesetze von Zeit, Raum, Mensch und Natur beschreibt. Tausendundeine Nacht ist ein klassisches Beispiel. Auch die Science-Fiction ist eine Form der Suche nach dem Wunderbaren, wie etwa in Die Mars-Chroniken oder Reise zum Mittelpunkt der Erde. Legenden sind oft eng mit Zeit und Ort verbunden und mischen Reales mit Wunderbarem.

2.5. Die wunderbare Realität (Lo Real Maravilloso)

Hier tauchen der Mensch und seine Umwelt in eine Welt voller Phantasie und Mysterien ein, in der Wirklichkeit und Wunder verschmelzen, ohne dass ein Gefühl der Fremdheit entsteht. Alles Erzählte gilt als möglich, auch wenn die Gesetze von Ursache und Wirkung verletzt werden. Die Welt des Unbewussten, der Träume und Halluzinationen bildet hier ein singuläres Weltbild. Das Wunderbare und das Rationale existieren nebeneinander; Mythen und mündliche Überlieferungen bilden die Grundlage. Die größten Vertreter dieser Ästhetik sind Alejo Carpentier mit Das Reich von dieser Welt und Gabriel García Márquez mit Hundert Jahre Einsamkeit.

2.6. Die legendäre Welt

Diese Art von Geschichte entstammt ursprünglich der anonymen mündlichen Überlieferung. In einigen Fällen basiert sie auf historischen Fakten, in anderen ist sie ein Produkt volkstümlicher Märchen, die phantastische Züge tragen. Der Protagonist kann eine Person, ein geheimnisvoller Ort oder ein Ereignis sein. Viele Epen der Literaturgeschichte haben eine Legende als Ausgangspunkt, wie etwa die Taten von Rodrigo Díaz de Vivar (El Cid). Auch Heiligenbiografien des Mittelalters gehören dazu. In Chile ist die Welt der Sagen sehr reichhaltig, wie zum Beispiel die Legende vom Geisterschiff Caleuche auf Chiloé.

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