Miquel Blay: Die ersten Kalten – Meisterwerk des Realismus
Eingeordnet in Musik
Geschrieben am in
Deutsch mit einer Größe von 4,57 KB
Miquel Blay: Die ersten Kalten
Werk: Die ersten Kalten (Los primeros fríos)
Autor: Miquel Blay (Olot 1866 – Madrid 1936)
Hintergrund und Ausbildung
Die Ausbildung des Bildhauers Miquel Blay begann im Alter von 14 Jahren in der Werkstatt für religiöse Skulpturen der Brüder Vayreda, einer bedeutenden Institution in Olot im späten 19. Jahrhundert. Er erlangte eine große Meisterschaft in der technischen Zeichnung und Bildhauerei, was zu einem sehr persönlichen Stil voller Ausdruckskraft führte. Blay ist ein Künstler, der in einer für die bildenden Künste eher dekadenten Epoche herausragt.
Später zog er nach Paris, wo er unter Henri Chapu studierte und Klassenkamerad von Enric Clarasó war. Die Werke dieser Zeit sind vom konventionellen Akademismus geprägt. Er vervollständigte seine Ausbildung in Rom (1891–1893), was seine traditionelle Linie bekräftigte.
Ab 1906 ließ er sich in Madrid nieder. Als Teil der modernistischen Gruppe schuf er bedeutende Werke wie die „La Cançó Popular“ an der Fassade des Palau de la Música Catalana (1907) und den Brunnen auf der Plaza de España. Im Jahr 1925 wurde er Direktor der Akademie der Bildenden Künste in Rom.
Details zum Werk
- Datum: Rom, 1892
- Technik: Gemeißelter Marmor
- Abmessungen: 138 x 100 x 70 cm
- Lage: MNAC (Nationales Kunstmuseum von Katalonien), Barcelona
- Bedeutung: Das Werk erhielt 1892 die Goldmedaille auf der Ausstellung der Schönen Künste in Madrid und stieß auf einhellige Begeisterung beim Publikum. Es traf den Zeitgeist, als der soziale Realismus in offiziellen Kreisen modern wurde.
Thematik
Die Skulpturengruppe zeigt einen alten Mann und ein nacktes Mädchen, die gemeinsam auf einer Bank sitzen und vor Kälte zittern. Offenbar hatte der Bildhauer eine ähnliche Szene beobachtet und beschlossen, diesen Moment mit visuellen und thematischen Nuancen zu verewigen.
Technische Aspekte
Es handelt sich um eine Arbeit in der Technik der Marmorschnitzerei. Eine erste Skizze aus Ton im kleinen Maßstab ist im Museum von La Garrotxa erhalten. Für die großformatige Ausführung entschied sich Blay für eine meisterhafte Detailarbeit. Dies zeigt sich in der realistischen Darstellung der Hautbeschaffenheit und der Morbidität des Fleisches, was mit den weicheren Sfumato-Zügen der Gesichter kontrastiert. Das Werk erinnert unweigerlich an Rodin, verschmilzt jedoch perfekt die Erzählung mit der Symbolik des Modernismus.
Stilistische Einordnung
Dieses Werk, das Blay im Alter von 25 Jahren schuf, zeigt den Einfluss seines Lehrers Henri Chapu. Es besteht eine thematische Verwandtschaft zu „Ödipus in Kolonos“ (1882) von Dominique-Jean Hugues. In beiden Werken sitzen zwei Charaktere – ein alter Mann und ein Mädchen – auf einer Bank. Der bärtige alte Mann ist nachdenklich dargestellt, während das Mädchen Schutz sucht und sich an ihn schmiegt. Beide Figuren sind nackt.
Die katalanische Bildhauerei des späten 19. Jahrhunderts wurde stark von französischen Strömungen inspiriert. In diesem Werk ist der Einfluss von Rodin besonders im Kopf des alten Mannes erkennbar, der an Rodins Büste von Victor Hugo erinnert, sowie in den anatomischen Details beider Figuren.
Das Werk lässt sich dem Realismus zuordnen, speziell einem sozialen Realismus, wie die ersten Skizzen (in denen die Figuren noch bekleidet waren) nahelegen. In der finalen Fassung sind die Stimmungen jedoch stärker ausgeprägt, was auf eine Entwicklung hin zum Symbolismus hindeutet. Die Nacktheit schafft eine Distanz zum Alltag; die Szene wird von einer alltäglichen Begebenheit zu einem spirituellen Drama erhoben.
Blay manifestiert hier die Form durch die unterschiedliche Behandlung der Charaktere: Die weibliche Figur aus Marmor wirkt symbolistisch und idealisiert, während die männliche Figur einen realistischen, lebensnahen Charakter verkörpert. Dieser naturalistische Realismus behandelt das anekdotische Thema mit extremer Gründlichkeit. Die Anatomie des alten Mannes und die Beschaffenheit seiner Haut zeugen von technischer Meisterschaft. Blay brach mit der traditionellen realistischen Sprache des 19. Jahrhunderts und schuf eine Synthese aus Konvention und Moderne.