Nationalismus, Imperialismus und Moderne im 19. Jahrhundert
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Konzepte der Nation
- Das Kulturkonzept: Für die deutschen Romantiker war eine Nation ein lebendiges Wesen, das durch Zeit, Kultur, Sprache und eine gemeinsame Geschichte definiert wurde und das Recht hatte, sich als souveräner Staat zu organisieren.
- Das politische Konzept: Für die französischen Theoretiker umfasst eine Nation von Staatsbürgern eine freiwillige Entscheidung; sie wurde durch eine Reihe von Gesetzen sowie damit verbundene Rechte und Pflichten definiert.
Dies brachte zwei Bewegungen hervor: die Nationalisierungsbewegungen, die von bestehenden Staaten ausgingen, und nationalistische Bewegungen, die nach Unabhängigkeit strebten.
Die Politik der Nationalisierung
Die Idee war, Patriotismus und die Liebe zum eigenen Land zu fördern. Zu diesem Zweck schufen die Staaten Hymnen und Flaggen, etablierten eine gemeinsame Sprache und förderten nationale Wettbewerbe. Dies führte jedoch auch zu vielen Konflikten zwischen verschiedenen Gemeinschaften.
Separatistische Nationalbewegungen
Einige Völker waren mit der Nationalisierungspolitik der Großstaaten nicht einverstanden, was zu Rebellionen führte. Belgien trennte sich 1830 von den Niederlanden. Komplizierter waren die Fälle des Osmanischen Reiches und Österreich-Ungarns, da diese aus vielen verschiedenen Völkern bestanden. Während der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn vorerst bestehen blieb, zerfiel das Osmanische Reich langsam: Griechenland wurde unabhängig, gefolgt von Serbien, Rumänien, Montenegro, Bulgarien und Albanien. Auch Irland versuchte, sich vom Vereinigten Königreich zu trennen, erreichte dies jedoch erst 1922.
Die Einigungsbewegungen in Europa
Italien und Deutschland, die zuvor in verschiedene Kleinstaaten zersplittert waren, wurden vereinigt. Im Falle Italiens führte das Königreich Piemont-Sardinien die Einigung im Jahr 1861 herbei, getragen von einem Gefühl der nationalen Einheit. Im Falle Deutschlands erfolgte die Einigung unter der Führung Preußens und endete 1871 nach den militärischen Erfolgen von Otto von Bismarck mit der Proklamation des Deutschen Kaiserreichs.
USA: Die Expansion in den Westen
Die Erschließung von neuem Land schmiedete das Bewusstsein der amerikanischen Nation. Dieses immense Territorium unterteilte sich in drei große Regionen:
- Der Nordosten: Erlebte eine starke industrielle Entwicklung.
- Der Süden: War geprägt von Tabak- und Baumwollplantagen.
- Der Westen: Charakterisiert durch kleine, unabhängige Bauern.
Der Amerikanische Bürgerkrieg
Lange Zeit lag die Entscheidung über die Rechtmäßigkeit der Sklaverei bei den einzelnen Bundesstaaten. Die Nordstaaten schafften sie ab, während der Süden an ihr festhielt, da sie die wichtigste Einnahmequelle für den Baumwoll- und Tabakanbau darstellte. Als Abraham Lincoln zum Präsidenten gewählt wurde und die Sklaverei landesweit abschaffen wollte, spalteten sich elf Südstaaten ab. Dies führte zum Sezessionskrieg, der vier Jahre dauerte und mit dem Sieg des Nordens endete. Es war ein äußerst blutiger Konflikt, in dem erstmals moderne Waffen massenhaft eingesetzt wurden, was eine halbe Million Todesopfer forderte.
Die Ära des Wiederaufbaus
Die Nachkriegszeit ist als Reconstruction bekannt und war eine Ära großen wirtschaftlichen Wohlstands für die USA. Mit dem Kriegsende wurde die Sklaverei offiziell abgeschafft, doch nach dem Rückzug der US-Armee wurden den Schwarzen im Süden viele Rechte wieder verweigert. In dieser Zeit festigte sich das politische System der zwei Parteien – Demokraten und Republikaner –, die bis heute existieren.
Liberalismus und Demokratie in Europa
Die Demokratisierung in Europa schritt nur langsam voran. Schrittweise wurden das allgemeine Männerwahlrecht, die Meinungsfreiheit und politische Parteien eingeführt. Sozialistische Parteien erhielten eine Stimme im Parlament, da nun auch Arbeiter wählen durften. Moderne Techniken wie Plakate und Versammlungen (Meetings) wurden genutzt, um die Bevölkerung zu erreichen. Dennoch war es keine vollständige Demokratie, denn:
- Frauen blieben ohne grundlegende Rechte wie das Wahlrecht und waren rechtlich den Männern unterstellt. So entstand die Suffragetten-Bewegung, in der Frauen für die Verbesserung ihrer Situation kämpften.
- Es herrschte oft keine echte Demokratie aufgrund von weit verbreitetem Wahlbetrug und Manipulationen, durch welche die Machthaber die Ergebnisse zu kontrollieren versuchten.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden zudem die ersten Arbeitslosenversicherungen und Rentensysteme. In Russland besaß der Zar weiterhin die absolute Macht (Autokratie), und das Land lebte primär von der Landwirtschaft. Im Österreichisch-Ungarischen Reich kontrollierte der Kaiser die Macht, doch Anfang des 20. Jahrhunderts (1906) öffnete sich das System liberalen Einflüssen, auch wenn das allgemeine Wahlrecht noch nicht voll anerkannt war.
Imperialismus: Die globale Dominanz
Der Begriff Imperialismus bezeichnet die Bestrebung eines Landes, ein anderes zu dominieren. Die Metropole ist das beherrschende Land, die Kolonie das besiedelte Gebiet. Großbritannien und Frankreich waren die größten Kolonialreiche. Im Jahr 1800 gehörten 35 % der Weltfläche zu Europa und den USA; bis 1914 stieg dieser Anteil auf 84 %. Dies erklärt sich durch rasche Besiedlung und militärisch-technischen Fortschritt.
Wirtschaftliche Faktoren
Vor der industriellen Revolution vermarkteten die Kolonien ihre Produkte in der Metropole. Später wurden die kolonisierten Gebiete vor allem als Lieferanten für mineralische Rohstoffe und pflanzliche Materialien zu sehr niedrigen Preisen wichtig.
Politische Faktoren
Die Expansion trug dazu bei, das weltweite Ansehen und den Nationalstolz zu steigern. Die Metropolen eroberten strategisch wichtige Gebiete; so sicherte sich England beispielsweise Küstenstädte, um den Seeweg nach Indien zu garantieren.
Demografische Faktoren
Im Westen wuchs die Bevölkerung im 19. Jahrhundert stark an. Um Arbeitslosigkeit und soziale Spannungen zu vermeiden, förderten die Regierungen die Migration in die Kolonien.
Ideologische Faktoren
Die Erobererstaaten vertraten oft rassistische Haltungen: Man glaubte, die Weißen seien anderen überlegen und hätten die Aufgabe, sie zu „zivilisieren“. Ein weiterer Faktor war wissenschaftliche Neugier, die zu Expeditionen an entlegene Orte wie den Nordpol führte.
Die großen Weltreiche
Das Britische Empire war das größte Weltreich des 19. Jahrhunderts: Es umfasste 33 Mio. km² und hatte 450 Millionen Einwohner. Es besaß Kolonien auf allen Kontinenten und kontrollierte strategische Knotenpunkte des Seeverkehrs (Suez, Gibraltar etc.). Indien war die wichtigste Kolonie. Das französische Kolonialreich war mit 10 Mio. km² das zweitwichtigste und besaß Gebiete in Nordafrika und Indochina. Daneben gab es kleinere Mächte wie Belgien, Deutschland, Italien und Russland. Großbritannien und Frankreich hatten mehrfach Meinungsverschiedenheiten über die Gebietskontrolle, die fast zum Krieg führten.
Die Verwaltung der Kolonien
- Dominions: Regionen mit hohem Anteil weißer Bevölkerung und interner Selbstverwaltung (z. B. Kanada, Australien).
- Ausbeutungskolonien: Gebiete unter direkter Souveränität und Verwaltung der Metropole.
- Protektorate: Die Metropole kontrollierte die Außenpolitik und Rohstoffe, während Einheimische für die innere Sicherheit zuständig waren.
- Konzessionen: Unabhängige Staaten, deren Wirtschaft jedoch von der Metropole kontrolliert wurde.
Folgen des Imperialismus
Die Grenzen der Gebiete wurden oft ohne Rücksicht auf ethnische Unterschiede gezogen. Land wurde enteignet, um große Plantagen für Kaffee oder Zucker anzulegen. Bodenschätze wurden ausgebeutet, und die indigene Bevölkerung wurde oft als billige Arbeitskräfte missbraucht. Eine Industrialisierung der Kolonien wurde nicht gefördert, was zur Marginalisierung der Einheimischen führte.
Malerei, Bildhauerei und Architektur
Durch die Erfindung der Fotografie mussten Künstler die Realität nicht mehr nur abbilden. Die Post-Impressionisten (wie Monet und Pissarro) stellten die Welt auf ihre eigene Weise dar. Im frühen 20. Jahrhundert erschienen drei große Trends:
- Expressionismus: Edvard Munch ist der wichtigste Vertreter; die Kunst spiegelt Furcht, Angst und Gewalt wider.
- Fauvismus: Henri Matisse steht hier im Vordergrund, mit hellen Farben und einfachen Formen.
- Kubismus: Begründet durch Pablo Picasso; die Realität wird durch geometrische Formen verfremdet dargestellt.
In der Architektur ermöglichten neue Materialien wie Glas, Stahl und Stahlbeton Bauwerke wie den Eiffelturm. Nach der Erfindung des elektrischen Aufzugs begann der Bau von Hochhäusern. Es entstand die Moderne (Jugendstil), die großen Wert auf Ästhetik in Gebäuden und Möbeln legte (wichtigster Vertreter: Antoni Gaudí). Schließlich hielten Film und Schallplatte Einzug, was zur Industrialisierung der Musik führte. Um 1900 gab es bereits in allen größeren Städten Plattenläden.