Nietzsche: Über die Genealogie der Moral & Erkenntnis

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1. Die Unbekanntheit des Wissenden

Wir sind uns unbekannt, wir Wissenden, wir uns selbst: Das hat seinen guten Grund. Wir haben uns nie gesucht – wie sollte es geschehen, dass wir uns eines Tages fänden? Es ist richtig gesagt: „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“; unser Schatz ist dort, wo die Bienenstöcke unserer Erkenntnis stehen. Wir sind als geborene Tiere des Geistes und Honigsammler des Wissens immer zu ihnen unterwegs; wir kümmern uns von Herzen um das „Heimbringen“ von etwas.

Was das Leben anbelangt, die sogenannte „Erfahrung“ – wer von uns hat dafür überhaupt Ernst genug? Oder genug Zeit? Ich fürchte, wir waren in solchen Fällen nie recht bei der Sache: Wir haben dort eben nicht unser Herz – und nicht einmal unsere Ohren! Vielmehr, so wie ein Gott-Versunkener und in sich Selbst-Verlorener, dem die Glocke gerade mit aller Macht ihre zwölf Schläge des Mittags ins Ohr dröhnt, plötzlich aufwacht und fragt: „Was hat es eigentlich geschlagen?“, so reiben auch wir uns bisweilen nachträglich die Ohren und fragen ganz erstaunt und völlig ratlos: „Was haben wir da eigentlich erlebt?“ Mehr noch: „Wer sind wir eigentlich?“

Und wir beginnen nachträglich, wie erwähnt, die zwölf zitternden Glockenschläge unserer Erfahrung, unseres Lebens, unseres Seins zu zählen – ach, und wir verzählen uns dabei ... Wir bleiben uns notwendigerweise fremd, wir verstehen uns nicht, wir müssen uns mit anderen verwechseln. Für uns gilt in Ewigkeit der Satz: „Jeder ist sich selbst der Fernste“ – für uns sind wir keine „Wissenden“ ...


2. Der Ursprung moralischer Vorurteile

Meine Gedanken über den Ursprung unserer moralischen Vorurteile – denn um sie geht es in dieser Streitschrift – hatten ihren ersten, kargen und vorläufigen Ausdruck in jener Aphorismensammlung mit dem Titel Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Deren Ausarbeitung begann in Sorrent während eines Winters, der es mir erlaubte, innezuhalten, wie ein Wanderer eine Anhöhe nutzt und das weite und gefährliche Land überschaut, durch das mein Geist bis dahin gewandert war. Das war im Winter 1876 bis 1877; die Gedanken selbst sind älter.

Im Wesentlichen sind es dieselben, die ich nun in diesen Abhandlungen wieder aufnehme – hoffentlich hat ihnen die lange Zwischenzeit gutgetan und sie sind reifer, heller, stärker und vollkommener geworden! Die Tatsache, dass ich heute noch an ihnen festhalte und dass sie sich in der Zwischenzeit immer fester miteinander verbunden haben, ja ineinandergewachsen sind, stärkt in mir die frohe Zuversicht, dass sie von Anfang an in mir nicht isoliert, nicht zufällig oder sporadisch entstanden sind, sondern aus einer gemeinsamen Wurzel entsprangen: aus einem Grundwillen der Erkenntnis, der in der Tiefe gebietet, immer bestimmter spricht und immer Präziseres verlangt.

Dies allein nämlich geziemt sich für einen Philosophen. Wir haben kein Recht, irgendwo allein zu sein: Wir dürfen weder einzeln irren noch einzeln die Wahrheit treffen. Vielmehr wachsen aus uns, mit der Notwendigkeit, mit der ein Baum seine Früchte trägt, unsere Gedanken, unsere Werte, unser Leben und unser Nein.

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